X-Men Origins: Wolverine (USA/AUS/CDN 2009)

Auf eine ausufernde Diskussion im Anschluss des gestrigen Kinobesuches folgt hier eine Gastkritik meines MeWi-Kommilitonen Martin Schneider. Im Grunde bringt die folgende Kritik all das auf den Punkt, was auch mir bei Ansicht des Films durch den Kopf ging. Mit anderen Worten: Ich hätte zwar meinen Senf zum „Wolverine“ – Spin off hier abgeben können, nur eben wesentlich weniger eloquent und mit mehr Schimpfwörtern.

Die Kritik enthält minimale Spoiler hinsichtlich der Frage, wie genau unser Held schließlich sein Gedächtnis verliert.

Das Erzählen von Geschichten vor den Geschichten scheint sich in diesem Jahr im Kino endgültig etabliert zu haben. Vor gut zehn Jahren gab George Lucas den Startschuss, als er die putzige Jugend des dämonischen und mystifizierten Darth Vader in „Episode 1: Die Dunkle Bedrohung“ dem Publikum entblößte. Spätestens ab diesem Moment schrumpfte die personifizierte dunkle Macht mit asthmatischen Zügen auf Otto-Normalverbraucher-Niveau. Und seitdem jeder Kinogänger die Motive eines Weltenbeherrschers verstehen kann, ist dann das Böse wirklich noch so furchteinflößend? Wirkt das sadistische Zungenschnalzen eines Hannibal Lecter überhaupt noch pathologisch, wenn der Zuschauer über das tragische Schicksal seiner Jugend Bescheid weiß? Nachdem Christopher Nolan mit seinem Reboot von „Batman“ ein überraschend gutes Stück Arbeit gelungen war, zog Marvel jetzt nach, um die Vorgeschichte seiner „X-Men“ zu erzählen. Mit Wolverine lief nun der erste „X-Men Origins“-Teil in den Kinos an.

Wolverine alias James (Hugh Jackman) wächst mit seinem Bruder Victor (Liev Schreiber) in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Nordwesten der USA auf. Beide besitzen die außergewöhnliche Fähigkeit, nicht zu Altern und unverwundbar zu sein. Dies macht ihnen ein Leben in der normalen Gesellschaft unmöglich, weshalb sie ihren Heimatort verlassen und untertauchen. Dennoch kämpfen beide Seite an Seite für ihr Vaterland an vorderster Front an allen wichtigen Kriegsschauplätzen. Dies wird eindrucksvoll innerhalb des Vorspanns erzählt, der ein gesamtes Jahrhundert umreißt und dabei vom amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bis zum Vietnamkrieg geht. Als der General Stryker (Danny Huston) auf die Begabung der Beiden aufmerksam wird, rekrutiert er sie für besondere Einsätze in einer Special-Force. Die rabiaten Methoden des Generals, aber auch das rücksichtslose Vorgehen seines cholerischen Bruders, entsetzen James, der sich für mehrere Jahre in die kanadische Wildnis absetzt. Dort führt er ein spartanisches, aber befriedigendes Leben mit seiner Freundin. Doch er wird vom General gefunden, der Größeres mit ihm vor hat und ihn zur ultimativen Waffe machen will. Zunächst lehnt James ab. Als jedoch seine Freundin von seinem Bruder getötet wird, willigt er dem Experiment ein, um seine Rache an Victor in die Tat umzusetzen. Mit einem speziellen Metall, dem Adamantium, wird sein Skelett umhüllt, um ihn unverwundbar zu machen. Die Geburtsstunde von Wolverine.

Die Mixtur aus skurrilen Gestalten, die mit abnormen Fähigkeiten aufwarten und sich in den Kampf gegen oder für die Menschheit begeben und der für die „X-Men“-Trilogie typischen gesellschaftskritischen, Minoritäten unterstützenden Story, geht in diesem Film nicht auf. Denn eine Story ist, wenn überhaupt, nur in Fragmenten vorhanden. Das Drehbuch ist demnach auch die größte Schwachstelle von X-Men Origins: Wolverine, das zwar großen Wert darauf legt, eine Überzahl an Charakteren einzuführen, aber keine dieser auch nur ansatzweise zu vertiefen. Dabei bietet doch gerade der Bruderkonflikt zwischen Wolverine und Victor oder auch die tragische Vater-Sohn-Geschichte des Generals Stryker, der die Mutation seines Sohnes nicht verkraften konnte und daraus einen generellen Hass auf alle Mutanten entwickelte, einen herausragenden Filmstoff. Dagegen werden diese eigentlich starken Elemente mit albernen Zwischenbemerkungen beiseite geräumt. Schön, dass wir darüber gesprochen haben! Auch die Erklärung für Wolverines Gedächtnisverlust, der in den späteren/früheren Teilen signifikant ist, wird lächerlich lapidar dem Zuschauer vor den Latz geknallt: Eine Kugel aus Adamantium tötet Wolverine nicht, aber wird ihm das Gedächtnis rauben! Alles klar?!

Die Effekte hingegen sind gut gelungen, auf dem Stand der Zeit und lassen der Physis der Figur Wolverine genug Spielraum. Das hinein- und hinausschieben der Klingen sowie die Mann-gegen-Mann-Duelle sind launig, auch wenn manche Superzeitlupenaufnahme den Bogen überspannt. Generell ist dieser Film ungeheuer physisch und animalisch. Insofern wird er seinem Protagonisten, dem wilden Tier, voll und ganz gerecht. Was der Film im Übermaß an Körperlichkeit gewinnt, verliert er leider auf der Seite des Geistes.

Das Herumdoktern an der Vergangenheit von Filmklassikern mag in erster Linie ökonomischem Denken geschuldet sein. Doch wirkt sich dieses Eingreifen auch auf die filmgeschichtliche Wahrnehmung aus. Denn was bleibt einem Kunstwerk – besonders wenn es als gelungen betrachtet werden darf – wenn seine Abgeschlossenheit gebrochen wird und ihm verschiedenste Interpretationsmöglichkeiten nachträglich aufgedrückt werden. Es wird in Vergangenheit wie Zukunft beliebig und somit beliebig austauschbar. Am Ende bleibt dann so etwas wie der Killer-Mutant, der alle Eigenschaften eines X-Men besitzt, die ihn aber zu nichts mehr machen, als die Summe seiner Einzelteile, die irgendwie nicht zusammenpassen wollen.

[Ebenfalls veröffentlicht in der OFDb.]

14 Antworten auf „X-Men Origins: Wolverine (USA/AUS/CDN 2009)“

  1. Das Problem ist ja, dass die Handlung keinen Sinn macht. Schon allein die Tatsache, dass eine Adamantium-Kugel durch Adamantium durchdringt. Das muss man sich mal vorstellen, man baut 2 Schwerter aus Adamantium, aber das eine kann dann das andere kaputt schlagen. Ziemlich unlogisch. Der Gedächtnisverlust dagegen weniger. Ich halte es für plausibel, dass sich Logans Gehirn anschließend nicht exakt so zusammensetzt, wie es vorher war. Dass also einige Synapsen falsch verbunden werden. Die X2 hat ja gezeigt, dass die Erinnerungen noch da sind, nur eben woanders, wo sie sein sollten. Das geht also in Ordnung, die Adamantiumgeschichte weniger.

    Doch die Fehler ziehen sich durch den ganzen Film, wobei man von David Benioff, der öfters schwache Drehbücher abliefert, auch nicht viel erwarten konnte. Da schockt mich doch eher, dass Gavin Hood hier gar nix zu beitragen konnte. Keinerlei Handschrift zu sehen, im Grunde hätte den Film jeder inszenieren können. Egal, ich will mal hoffen, man belässt es dabei und verzichtet auf ein Sequel zum Prequel.

  2. „Egal, ich will mal hoffen, man belässt es dabei und verzichtet auf ein Sequel zum Prequel.“

    Bei dem Einspielergebnis allein in den USA (bis heute: 87 Mio) wohl eher unwahrscheinlich.
    Was mich allerdings bei der Gedächtnisgeschichte gestört hat, ist ja die Tatsache, dass man wohl kaum einfach frontal auf den Kopf schießen kann, dabei darauf hoffend, dass das „Gedächtnis“ tangiert wird. Wolverine kann noch Englisch sprechen, aber sich an nix erinnern? Die grundsätzliche Idee ist einfach sowas von doof (auch das Adamantium-Problem), als hätten die Drehbuchautoren den Zuschauern den Mittelfinger gezeigt.

  3. Ungereimtheiten gab es aber auch von inszenatorischer Seite. Ist euch mal aufgefallen, dass Wolverines Krallen mal matt aussehen (so wie Aluminium) und in anderen Szenen metallisch glänzend? Das Drehbuch lässt schon einige Möglichkeiten der Vertiefung aus, das hat Herr Schneider richtig herausgestellt, allerdings sind das nicht die einzigen Schwachstellen. Mich hat dieser Film ob der mangelnden Informationen, die er dem „X-Men“-Universum hinzugefügt hat, jdf. ganz gut unterhalten.

    Aber zu Prequels generell: Kann es sein, dass du, Jenny und Herr Schneider sich demnächst gewisse Raumschiffkapitäne in ihrer Jugend anschauen wollen? Wie gesagt: Ich erwarte eine dümmliche Soap mit guten Effekten…

  4. „Wie gesagt: Ich erwarte eine dümmliche Soap mit guten Effekten…“

    @ Lutz: Ich erwarte einen dummen Actionfilm mit konventionellen Effekten und der ständigen Wiederholung des Satzes: „Haltet euch fest!“ und seiner Variationen. Das wird den Kinobesuch aber nicht verhindern. ;)

    „Mich hat dieser Film ob der mangelnden Informationen, die er dem “X-Men”-Universum hinzugefügt hat, jdf. ganz gut unterhalten.“

    Der (weitgehend hirnlose) Unterhaltungswert wurde massiv gemindert durch die zunehmend von Spezialeffekten durchsetzten Actionszenen. Was am Anfang noch vergleichsweise handfest zur Sache geht, wird am Ende zur Wolverine-Version von John McClanes Kampf gegen den Jet, nur eben in ernst und im Matrix-Stil. Das hat mir jedenfalls keinen Spaß gemacht. Und der Sonnenuntergang hat das Fass zum Überlaufen gebracht.

  5. Ich verstehe nur nicht, wie Leute, die mir vorwerfen, Uwe Boll-Filme unterhaltsam oder irgendwie lustig zu finden, sich in dem Wissen, einen schlechten Film zu sehen, freiwillig ins Kino gehen wollen. Mir wird dann nämlich immer vorgeworfen, dass es „rausgeschmissenes Geld“ sei. Aber nun gut, ich komme mit ;-)…

    Mal eine Gegenfrage zu den Special Effects: Wie willst du bspw. den Supermutanten-Kampf am Ende ohne Special Effects inszenieren? Und abgesehen davon gab es auch noch einiges Handgemachtes… immerhin. Gut, der Sonnenuntergang, naja. Aber alles in allem macht es den Film nicht kaputt, finde ich. Er ist nicht intelligent, klar, aber wer was anderes erwartet als ein Actionspektakel mit ein paar Anknüpfungspunkten an die „X-Men“-Trilogie ist eh selber schuld ;-)…

  6. „Wie willst du bspw. den Supermutanten-Kampf am Ende ohne Special Effects inszenieren?“

    Z.B. ohne Atomkraftwerk, Sonnenuntergang, künstliches Matrix-herumgeschwebe und Zack Snyder-Zeitlupen, letztere durchziehen ja den ganzen Film. Mich hat das Finale zu sehr an George Lucas‘ „Stil“ erinnert und damit verdrängte Traumata geweckt.

    „Er ist nicht intelligent, klar, aber wer was anderes erwartet als ein Actionspektakel mit ein paar Anknüpfungspunkten an die “X-Men”-Trilogie ist eh selber schuld ;-)…“

    Bryan Singer hat bewiesen, dass einfache Blockbuster-Unterhaltung und Gehirn zusammenpassen können und Jon Favreau hat letztes Jahr gezeigt, dass einfache, weitgehend flache Unterhaltung nicht bescheuert sein muss. Nach all den Comic-Verfilmungen kann und will ich an Wolverine nicht die Messlatte eines B-Movies anlegen. Mit der Ausrede kann mir der Film einfach nicht mehr kommen.

  7. BTW mit der wirklich guten Besetzung und dem großen Budget will der Film ja auch mehr als ein B-Movie sein. Er muss sich schließlich auch der qualitativen Konkurrenz im Marvel-Filmuniversum stellen und da versagt er.

    Die Dummheit ist in Wolverine auch nicht mal lustig, sondern einfach Dummheit.

  8. Ich bin ja kein Vollbluttrekkie, fand aber den Neuen recht in Ordnung. Der Anfang ist etwas, naja, gewöhnungsbedürftig und wirkt in der ersten Viertelstunde wie „Star Trek 90210“. Dann beginnt die eigentlich Filmhandlung, die aus logischen Gesichtspunkten keinen Sinn ergibt, was dem Film aber letztlich nicht schadet, wenn man ihn als bloßes Theorem ansieht. Die Action ist in Ordnung, wenn auch für mich etwas zu ausgiebig verwendet. Aber nun gut, man muss das ja den Sehgewohnheiten des Mainstreampublikums anpassen. Zumindest hab ich aus der Star-Trek-Kinoreihe schon weitaus schlechtere Filme gesehen.

    Zu WOLVERINE: dem Film schadet es ungemein, möglichst viel über die Figur erzählen zu wollen. Das passt dann eben nicht alles zusammen. Es gibt keine einzelne Comicserie über Wolverine, die versucht seine 150 Lebensjahre zu erfassen. Dass der Film dies in 100 Minuten versucht, bricht ihm inhaltlich am Ende natürlich das Genick.

  9. Zu welchem? „Wolverine“ ist ja schon bei mir im Blog. Und „Star Trek“ müsste dieser Tage beim Manifest online gehen, eine Verlinkung reiche ich dann bei mir nach.

  10. @ the gaffer:
    Bei den Effekten bleib ich dabei: Ohne geht es nicht und der Film war mit ihnen nicht überfrachtet. Zumindest nicht in dem maße, dass ich es sagen könnte. zu einem Comichelden-Film gehören nun mal mehr Effekte als zu vergleichbaren Actionfilmen.

    Auch habe ich „Wolverine“ an keiner Stelle ein B-Movie genannt, sondern eben nur eher flach. Natürlich muss man die Messlatte bei „X-Men“ anlegen und mit den Filmen kann er nicht standhalten. Alles in allem war es aber auch nicht so, dass ich vor Konstruiertheiten oder unfreiwilliger Komik hätte losprusten müssen. mal abgesehen von einigen wirklich dümmlichen „Matrix“-Zeitlupen. Er hat unterhalten, war nicht übermäßig dumm, aber eben auch nicht vielschichtig genug, um der Figur Wolverine wirklich neue Facetten abzugewinnen. Das kann man ihm durchaus vorwerfen, seine Ambition, in erster Linie als Actionspektakel zu fungieren, jedoch nicht.

  11. Man kann aber auch ein gutes Actionspektakel drehen mit guten Actionsequenzen.

    Der Film war IMO übermäßig dumm, von seinen gigantischen Plotlöchern bis hin zum sinnlosen Verheizen all der Marvelfiguren. Da leidet dann auch die grundsätzliche Unterhaltung drunter.

    EDIT: BTW ich weiß schon, dass Wolverine kein B-Movie im kommerziellen Sinne ist, aber das Genre gehörte nun mal klassischerweise in diese Kategorie. Dieses Argument „als dümmliches Actionspektakel funktioniert’s“ kann ich gerade im Zusammenhang mit Hunderte von Millionen Dollar teuren Comicverfilmungen einfach nicht mehr hören. Bei Death Race lass ich so ein Argument noch zu, der Film will nix anderes sein. Bei Transformers ist es ähnlich, aber da ist die Action irgendwann unansehnlich und ermüdend, also kann das Argument nicht mehr den Film entschuldigen. In Wolverine fehlt jedoch die Ironie und gegen Ende die inszenatorische Stärke, um ein dümmliches, aber unterhaltsames Actionspektakel zu sein. Der Film nimmt sein erzähltes Drama viel zu ernst, weshalb die Intention der Macher nicht einfach nur das Spektakel sein kann.

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