Star Trek (USA/D 2009)

Wie Literaturverfilmungen basieren Reboots auf einem bestimmten Kanon. Sie zehren von einem bereits vorhandenem fiktiven Universum wie es in Comics, Serien oder Franchises geschaffen wird. Während jedoch die Vorlage von Remakes und Literaturverfilmungen sich oft genug auf ein einziges Werk beschränkt, bieten Reboots die Möglichkeit, frei nach Lust und Laune in einen großen Topf aus story arcs und Figuren zu greifen und eine neue Gewürzmischung für die Leinwand zu erfinden.

Genau das versucht J.J. Abrams in seiner „Star Trek“-Version, so dass man abgesehen von der altbekannten Crew auch jedem Trekkie bekannte Stichwörter wie ‚Christopher Pike‘ oder ‚Kobayashi Maru-Test‘ zu hören bekommt. Star Trek hat ansonsten aber leider nicht viel mit „Star Trek“ zu tun. Ignoriert man den Sci-Fi-Überbau, liefert der Film den Beweis dafür ab, dass auch von einem einfachen Blockbuster Grundkenntnisse im Inszenieren von Actionsequenzen, sowie eine nachvollziehbare Geschichte zu erwarten sein sollten. Beides kann man Abrams und seinem Film nicht attestieren.

Leidlich interessant wird sein Reboot einzig durch das in jeder Hinsicht lobenswerte neue Casting der ikonischen Figuren, welche die Brücke der Enterprise beherbergen. Ein Totalausfall ist daher bei keinem Crewmitglied auszumachen, auch wenn so mancher (Chris Pine und Simon Pegg, mein Finger zeigt auf euch!) am Rande zur peinlichen Witzfigur wandelt.

Mit seinem Versuch, das Reboot-Konzept auch in der Geschichte selbst unterzubringen, hat sich Abrams jedoch Segen und Fluch zugleich aufgeladen. Ausgehend von einer Manipulation des Raum-Zeit-Kontinuums unmittelbar vor Kirks Geburt (Eric Bana ist daran Schuld), geht er auf Nummer sicher, um den garantiert folgenden Fortsetzungen  von vornherein jedwede Freiheit zu ermöglichen. Anders als Christopher Nolan, der bei seinem Batman-Reboot alle Vorgänger ignoriert hat, löscht Abrams das Geschehen aus diversen Fernsehserien und zehn Kinofilmen einfach. Um allerdings noch ein bekanntes Gesicht unterzubringen (Leonard Nimoy als Spock aus der Zukunft), wird der Plot unnötig verkompliziert und zuweilen so unlogisch (Stichwort: Rote Materie), dass man sich wünscht, Spock selbst hätte das Drehbuch nochmal überarbeitet.

Abrams und die Drehbuchautoren waren sich der Schwerfälligkeit der Ausgangslage vielleicht bewusst, auf jeden Fall ist „Star Trek“ auch ein Beweis dafür, dass der Versuch, das Publikum zuviel „bei Laune“ zu halten, nicht nachgeahmt werden sollte. Eine panische Angst vor Dialogen und Ruhe im allgemeinen scheint die Filmemacher nämlich belastet zu haben. Warum muss Kirk von einem knallroten Megainsekt (!) auf einem Eisplaneten verfolgt werden? Abgesehen davon, dass die Evolution hier anscheinend anders verläuft als überall sonst, personifiziert diese kurze Episode die angenommene verkümmerte Aufmerksamkeitsspanne der jugendlichen Zielgruppe. Star Trek will ganz anders sein als seine grauhaarigen Vorgänger; ‚jung‘, ‚dynamisch‘, ‚zeitlich flexibel‘ stehen jetzt im Bewerbungsschreiben, doch ‚technisch versiert‘, ‚intelligent‘ und ‚besonnen‘ fehlen.

„Star Trek“ war früher die Reflexion auf gesellschaftliche Miss- und Zustände, die im Mantel einer „Master and Commander“-Geschichte, in der die See durch das All ersetzt wird, verkauft wurde. Abrams und Co. haben die Figuren übernommen, doch die Intention des ganzen für Ballast gehalten und über Bord geworfen. Griffen gerade die frühen Filme der Reihe immer wieder über die inhaltlichen Grenzen des Genres hinaus, ist Abrams ein Genrefilm gelungen, der nicht mehr sein will als ein Witz; einer, den man sofort vergisst, liegen die Türen des Kinosaals erstmal hinter einem.

Nicht so doof wie Wolverine, aber trotzdem eine weitere Blockbuster-Enttäuschung des Jahres 2009 ist der neueste Reboot-Versuch. Abrams mag ein Händchen für die Besetzungscouch haben, zu einem guten Regisseur macht ihn das nicht. Einfallslos den derzeitigen ästhetischen Konventionen des amerikanischen Actionkinos verpflichtet  – sprich: der Film glänzt mit unkenntlichen Actionszenen, welche  selbst „Eagle Eye“ in Sachen Wackelkamera überbieten – findet Abrams zu keiner Zeit eine eigene Stimme, unterschätzt stattdessen 127 Minuten lang die Konzentrationsfähigkeit seines Publikums. Und mal ehrlich: Wer will Spock knutschen sehen?

11 Antworten auf „Star Trek (USA/D 2009)“

  1. Dass „Star Trek“ hier nicht viel mit „Star Trek“ zu tun hat, hab ich herausgestellt. Allerdings – und das ist eine Sache, über die man streiten kann – fand ich die Geschichte sehr nachvollziehbar und in sich logisch (von dem Rote Materie-Kram und seiner „Dosierung“ mal abgesehen), somit clever, aber auch ärgerlich, eben weil man sich ab nun jeden Freiraum nehmen und die Serie wie die Charaktere endgültig verraten kann. Bei deinen Einschätzungen von Kirk und Scottie kann ich dir nur zustimmen, was die plumpe Actionlastigkeit gepaart mit Effekteoverkill angeht auch. Es war aber auch nicht anderes zu erwarten als ein eindimensionaler Genre-Film. Denn du weißt ja: Abrams war und ist kein Star Trek-Fan, sondern nur ein publikumswirksamer Filmemacher, der die Zutaten für SF und Action kennt – sonst hätte er sich selbst kasteien müssen.

  2. Tja, dann soll er aber einen guten eindimensionalen Genre-Film machen. Wäre ST das gewesen, hätte ich über das Trekkie-Geheule hinweggesehen. Hoffentlich gibt’s beim nächsten Mal bessere Autoren (nicht die von Transformers!) und einen ordentlichen Regisseur. Wie wär’s mit Marc Forster? (hä hä hä) ;)

  3. Ich wäre ja für McG ^^. Allerdings wird sich erst noch herausstellen, ob er dieser Super-GAU auf dem Regiestuhl wirklich ist, wenn „T4“ extrem scheiße wird.

  4. Er soll extrem scheiße sein. Also scheiße im Sinne von Figuren interessieren einen nicht, Story ist nicht vorhanden usw. Klingt ja noch schlimmer als Transformers.^^

  5. Uwe Boll als Regisseur einer wsl. mehr als eingeplanten „Star Trek“-Fortsetzung hätte sicher seinen Reiz. Auch wenn die Action-Choreographie wsl. dann noch mehr leiden, der Plot noch dümmer, die Figuren noch schlichter gezeichnet und den Darstellern jede Motivation zu schauspielern abhanden kommen würde ;-)…

  6. außerdem ist es ja nichts neues, wenn Spock
    jemanden küßt, dass kam ja schon in der Serie
    vor, in der Folge „Platos Stiefkinder“, wo auch
    der bekannte Skandalkuss von Kirk mit Uhura
    (ist gewollt, dass der Name wie Hure klingt?),
    weswegen die Sendung zuerst nicht gezeigt wurde
    siehe
    http://memory-alpha.org/de/wiki/Platos_Stiefkinder
    so genug kluggeschissen

  7. Ist doch schön, wenn mal ein Experte hier was klar stellt! ;-) Hätte die Beziehung zwischen Spock und U. (was ihren Namen angeht, ist Lutz der Experte^^)etwas mehr Interesse auf Seiten der Filmemacher entfacht, wär das vielleicht auch nicht ganz so schlimm gewesen. Es kommt eben mehr oder weniger aus dem Nichts und das war dann doch ziemlich schockierend.^^

  8. Wie wäre es denn mit Bekmambetov. Ich meine seinen Filmen kann man schlechte oder etwas dröge Bücher vorwerfen, aber inszenatorisch hat der es wirklich drauf und mit Figuren, die etwas Tiefe mitbringen hat er auch keine Probleme. Sein Anton ist super.^^

  9. @ tumulder:
    Bekmambetov halte ich für den Antichrist. Seine „Wöchter“-Filme waren schon ein Musterbeispiel dafür, wie man selbst heißer Luft noch irgendwelche stylish-ästhetischen Dimensionen abgewinnen kann. Der Inbegriff eines Regisseurs, dem es nur um Stil, aber überhaupt nicht um Inhalt geht. Übrigens auch ein Grund, warum „Wanted“ abseits seiner ach so tollen Gewalt und Effekte so scheiße dumm war.

  10. Ich schrieb ja, daß die Bücher seiner Filme alle nicht das gelbe vom Ei waren. Bei Wanted durfte er gar nicht erst mitschreiben.;) Dennoch kam Wanted im Gegensatz zu den anderen Comic Verfilmungen der letzten Jahre sehr frisch rüber. Aber was schreibe ich hier eigentlich? Ich bin ja mit Abrams Star Treck zufrieden. Mag vielleicht daher rühren, da dies jetzt schon die sechste Neuausrichtung der Franchhise ist, die ich miterleben darf. Animated Series, Raumschiff Enterprise, The Next Generation, Voyager, Enterprise und jetzt eben Abrams Version.^^

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