Wollmilchcast #83 – Once Upon a Time … in Hollywood von Quentin Tarantino

Nach dem Tarantino-Special sprechen wir diesmal über seinen neuen Film Once Upon a Time … in Hollywood, in dem Fernsehstar Leonardo DiCaprio und sein Stuntman Brad Pitt durch das L.A. von 1969 streifen, während Margot Robbie als Sharon Tate durch das Leben tanzt. Wir sprechen im Podcast über die fast sprachlose Filmfigur Sharon Tate, Tarantinos Hollywood-Liebe, die Coolness von Brad Pitt und den Mund von Damian Lewis. Viel Spaß!

Shownotes:

  • 00:00:58 – Once Upon a Time … in Hollywood von Quentin Tarantino (2019)(Spoiler, auch für jüngere Tarantino-Filme!)
  • 00:38:56 – Sharon Tate und die Sprache, GTA: Los Angeles, böse Hippies und das Ende
  • 01:35:41 – Verabschiedung

„Wollmilchcast #83 – Once Upon a Time … in Hollywood von Quentin Tarantino“ weiterlesen

Kontrapunkt: 90er Jahre-Vampire

Das Subgenre des Vampirfilms hat so seine eigenen Regeln: Bestimmte Klischees um das Töten der Blutsauger müssen (zumindest bei den hier besprochenen Filmen) immer erfüllt werden. Sex spielt immer eine Rolle und das mit dem Beißen ist auch obligatorisch. Dennoch gibt es auch Unterschiede in den Lesarten der Filme.

Interview mit einem Vampir (USA 1994)

Ein wohltuend zurückhaltend auftretender Brad Pitt mit Grunge-Frisur erzählt Schreiberling Christian Slater seine bis dahin 200 Jahre dauernde, weichgespülte Lebens-geschichte als Vampir. Das Szenario schwelgt nur so in seiner prachtvollen Gothic-Ausstattung, einer netten düsteren Atmosphäre, der Selbstverliebtheit des unsympathischen und weibstollen Tom Cruise und endlos langweiligen Dialogen, die wirken wie aufgesa(u)gte Theaterphrasen und null Erkenntnisgewinn um das Wesen der Vampire mit sich bringen. Immerhin wird es dann gegen Ende des melodramatischen Konflikte-Potpourri etwas temporeicher und Antonio Banderas, der als einziger prominenter Blutsauger eine mysteriöse Aura um seine Figur aufzubauen vermag, beißt das Spektakel dann noch aus den Untiefen der Genre-Hölle heraus. Inhaltlich auf das Drama ein Vampir zu sein aufbauend, kratzt der Film leider nur an der Oberfläche eines interessanten Themas.

Bram Stoker’s Dracula (USA 1992)

Die Exposition: genial. Doch danach geht es in diesem Rausch der Farben und Formen dauerhaft bergab. Stets überzeugend in den Set-Designs und Kostümen, verärgert die postmoderne Machart des Films, welche sich in der Reflexion des eigenen Mediums (man erinnere sich an den denkwürdigen Besuch einer Kinematographen-Vorführung) und der Zurschaustellung der eigenen Künstlichkeit offenbart. Letzteres geschieht mit betont künstlichen Lichtsetzungen, mehreren nicht räumlich zusammen passenden Motiven innerhalb eines Bildes sowie der Betonung der farbenfrohen Dekors/Kostüme und omnipräsenten Spezialeffekten. Die Handlung beginnt sich alsbald zu verflüchtigen, um sich in diesen visuellen Exzessen zu verlieren. Evident dafür ist Anthony Hopkins’ selbstparodistische Darstellung des wahnwitzig-überdrehten Vampirjägers Van Helsing. Viel Wahnwitz und Sinnesreize, aber wenig Sinn.

From Dusk Till Dawn (USA 1996)

Der erste Teil: ein ironischer Gangstertthriller, der zweite Teil: ein blutiges Vampirgemetzel. Ein ebenso haarsträubender wie schlicht großartiger Genre-Mix. Zwei Gangsterbrüder (Quentin Tarantino und George Clooney) wollen mit ihrer Beute nach Mexiko fliehen, nehmen eine Familie um Priester Jacob (Harvey Keitel) als Geisel und kehren fatalerweise in ein verlaustes Vampir-Etablissement ein. Es folgt der wohl erotischste Tischtanz der Filmgeschichte durch Salma Hayek bevor ein Kampf auf Leben und Tod beginnt. Tarantinos vor tollen Dialogen und Monologen sprühendes Drehbuch hält einige ironische Brechungen mit dem Genre parat („Sollten die nicht verbrennen oder sowas?“) und George Clooney mit Tattoo ist die coolste Sau wo gibt – mal abgesehen von Maskenbildner Tom Savini als „Sex Machine“ mit Puller-Revolver. Da sieht man über einige unnötige CGI-Effkte beim Vampiretöten gerne hinweg.

Inglourious Basterds (USA/D/F 2009)

„Die Ode an das Kino“ wird auch hier gern herangezogen, wenn alle anderen Worte zu versiegen beginnen, weshalb dieses Qualitätssiegel schnell Gefahr läuft, zur einfallslosen Platitüde zu verkommen. Doch wie soll man Quentin Tarantinos neuen Film anders umschreiben, wenn nicht mit diesen fünf Worten, die zumeist mehr von der Überwältigung des Kritikers berichten, als von den Eigenschaften des betreffenden Films. Inglourious Basterds ist leider ein Werk, mit dessen Genuss diese adrenalingeladene Überwältigung einhergeht, weshalb hier auf eine einfallsreiche Umschreibung verzichtet und erneut auf obiges Klischee zurückgegriffen wird: „Basterds“ ist nicht nur eine Ode an das Kino, er ist pures Kino.
Den Filmen des Ex-Videothekars – das scheint Konsens der meisten Rezensenten – liegt es nicht im Sinn, sich der Realität anzunähern. Tarantino dreht Filme über Genres, kreiert eigene Popkulturuniversen, schreibt ausschließlich in eben solchen stattfindende Dialoge, welche nicht von Menschen, sondern figurativen Skizzen vorgetragen werden. Seine Filme strotzen vor Gewalt, doch führt er keinen Diskurs über diese. Das Blut ist da, die abgetrennten Gliedmaßen, doch in wessen Hand auch immer sie liegt, die Gewalt bleibt meist ohne Ambivalenz. Wenn Vic Vega einem Polizisten ein Ohr abtrennt, dann ist das vielleicht schockierend, aber zu solchen Mitteln greifen soziopathische Anzugträger im „Reservoir Dogs“-Universum nun einmal. Schlachtet Beatrix Kiddo dutzende ihrer Gegner auf ihrem Weg zu Bill ab, ist es ein Zeichen ihrer Meisterschaft mit dem Schwert oder einfach so cool, wie es die Inszenierung verlangt. Tarantino fordert uns nicht auf, unser Sehverhalten zu hinterfragen, vielmehr ringt er Bewunderung ab, ein Oh und ein Ah und ein paar Lacher. Es ist jedoch stets die distanzierte Betrachtung eines virtuos gewebten Netzes der Referenzen und überraschenden Verzweigungen.

Ja, mit „Basterds“ hat er sich in den oben beschriebenen Punkten gewandelt. Nein, es ist ihm nicht plötzlich aufgegangen, dass er sein soziales Gewissen auf Zelluloid bannen muss. Inglourious Basterds ist kein Film über den Zweiten Weltkrieg und auch keiner über die Shoah. Hier soll daher nicht spekuliert werden, ob und inwiefern Tarantinos  oftmals unterstellte Annäherung an dieses dunkle Kapitel menschlicher Geschichte nun die richtige, mögliche oder schlichtweg falsche Darstellung der Ereignisse in sich trägt. „Basterds“ ist ganz offensichtlich eine Fiktion und zieht durch seine Natur höchstens die uns in Erinnerung gebliebenen Bilder anderer Darstellungen von Nazis, G.I.’s und Juden in anderen Filmen hervor. Wir gleichen ab und erkennen Unterschiede, sind zufrieden oder nicht. Zwar mag der Film eine Rachefantasie sein, die nur im Kontext des Wissens um das Grauen der tatsächlich geschehenen Verbrechen ihre volle Kraft entfaltet, doch es ist und bleibt eine Fantasie, in ihrem Kern enthoben jeglicher Verankerung in historischen Ereignissen abseits der Filmgeschichte. So bemüht sich Tarantino nicht, mit Hilfe unzähliger Quellen das Eigenschaften- und Manierismenbündel Hitler darzustellen, wie es andere Filme vor ihm getan haben. Vielmehr zeichnet Schauspieler Martin Wuttke, ebenso wie Sylvester Groth mit seinem Goebbels, eine lächerliche Karikatur einer Filminterpretation einer historischen Persönlichkeit namens Adolf Hitler. Ähnlich „grob“ arbeiten häufig Satiren, doch Tarantinos in „Basterds“ geschaffene Welt entbehrt ansonsten der ironischen oder auch nur kritischen Überzeichnung. Sein Europa vor der Kulisse des Zweiten Weltkriegs ist hingegen ein kinematografisch zusammengesetzter Märchenschauplatz. Da spazieren französische Bauern durch die Westernlandschaft eines John Ford, wird ausgerechnet ein Filmkritiker für einen Geheimauftrag ins Feindesland geschickt und David Bowies „Putting out Fire“ aus Paul Schraders „Cat People“ begleitet Racheengel und Kinobesitzerin Shosanna (eine Entdeckung: Mélanie Laurent) bei den Vorbereitungen zu ihrer tödlichen Mission. Häufig fehlen Verbindungsstellen einzelner Handlungsstationen, es ist eben nicht nötig, zu erklären, wie eine dem Tode entronnene Jüdin im besetzten Frankreich zu einem Lichtspielhaus kommt. In diesem Universum ist es denkbar, filmbar, machbar.

Keine Apologie des Werkes eines filmbegeisterten Jungen, der nur spielen will, soll das hier jedoch sein. Tarantino bringt mehr als nur ein Genre-Pastiche. Zugegeben, ein paar seiner eher überflüssigen Markenzeichen hat er auch hier untergebracht. Das Hugo Stieglitz-Zwischenspiel sticht beispielsweise im falschen Moment äußerst unangenehm hervor. Was in seinen anderen Filmen aber clever ist, erscheint in „Basterds“ plötzlich schlau. Todernst ist die in fünf Kapitel unterteilte Geschichte trotz aller Lacher, welche überdimensionierte Pfeifen und hysterische Bingos hervorrufen. Über Christoph Waltz und seinen Hans Landa wurde viel geschrieben. Soviel sei gesagt: Er ist so brillant, wie die Vorschusslorbeeren es verheißen, doch wird seine Leistung keinesfalls von diesen erdrückt. Der SS-Mann Landa ist wohl zum einen Tarantinos größte Schöpfung, auf der anderen Seite aber die Personifizierung des gesamten Films. Ein Mann, der genüsslich und ein bisschen ulkig übertrieben seinen Strudel mampft, um dann lieblos seine Zigarette darin zu versenken. Einer, der im selben Atemzug mit Worten betört und bedroht. „Basterds“ ist schließlich kein cooler Actionfilm und das nicht nur auf Grund der zahlreichen Verhörsituationen, welche Tarantinos Sunspense-Qualitäten in Wort wie Bild zum Vorschein bringen. Vollzogen wird die Rache, wird das groß angekündigte „Nazis töten“ in einem ambivalenten Gewand. Für die von Aldo Raine (Brad Pitt) angeführten Basterds sind alle deutschen Soldaten Schergen Hitlers, würdig einzig der Bestrafung. Anders wäre ihr brutaler Schlachtzug kaum zu begründen. Aber wenn Tarantino sie nicht darzustellen versucht, so weiß er doch, dass sie existiert, die Wirklichkeit.

Deshalb ist die Rache der Basterds kein Spaß, deshalb zeigt er die Skalpierungen, die hemmungslos orgiastischen Bleigewitter, die Verstümmlungen, die ohne Rücksicht auf Schuld oder Unschuld der Opfer vor sich gehen. Deshalb macht er keine Gefangenen. Inglourious Basterds preist die Macht der Fiktion, die Macht der Bilder, ist Kino durch und durch. Gereift, wie der Regisseur und Autor nunmehr ist, führt die Blutspur der Basterds durch Frankreich bis ins Fegefeuer eines Pariser Kinos, in dem der Jubel des Publikums alsbald von unserem abgelöst wird, um schlussendlich im Schock zu ersterben. Das sich rächende Riesengesicht, es schaut auch auf uns.

Kontrapunkt: Rauchen

Ich muss zugeben, dass ich mich von einem sehr gelungenen Essay auf schnitt.de hab inspirieren lassen bei dieser Retrospektive. Dabei soll keine Ode an den blauen Dunst im Vordergrund stehen (bei mir als zu 99%-Nichtraucher wäre das auch ein Verrat an mir selbst), sondern etwas Klarheit in die nebligen Facetten seiner filmischen Thematisierung gebracht werden.

Thank You for Smoking (USA 2005)

Ein eloquenter Lobbyist der Tabakindustrie namens Nick Naylor (Aaron “Harvey Dent” Eckhart) tritt in den Medien zur Ehrenrettung einer milliardenschweren Industrie gegen das negative Image der Zigarette solange an, bis er einer hinterlistigen Journalistin (Katie Holmes) auf den Leim geht, der er im Bett pikante Details preis gibt. Mit satirischen Seitenhieben auf die Filmindustrie (absurde Ideen zur Steigerung der Popularität des Rauchens in einem Science-Fiction-Film oder die Abänderung alter Filmplakate, auf denen der Glimmstängel zu sehen ist) und den Job des Lobbyisten (man muss im Angesichts von Krebskindern schon mal „moralisch flexibel“ sein und auch mal Käse als gesundheitsschädliches Genussmittel deklarieren) wird dabei nicht gespart. Dabei treffen viele bissige Gags genau ins Schwarze und es ist eine Freude, dem Vorzeige-Lobbyisten bei der Manipulation der Meinung der Menschen zuzusehen. Übrigens: Im gesamten Film wird keine einzige Zigarette geraucht. Na, wenn das mal kein politisches Statement ist!

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (USA/CDN 2007)

Der alles andere als knackige Titel steht in einem gewissen Zusammenhang zur Behäbigkeit des Films: Auf Genauigkeit und Exaktheit wurde sehr stark Wert gelegt, auf ausladende Länge aber auch. „Die Ermordung…“ hält sich eng an die biografischen Daten von Jesse James (Brad Pitt) in den letzten Monaten seines Lebens und illustriert mit der elegischen Musik von Nick Cave und wiederholten Aufnahmen von Wolken dessen düsteren Gemütszustand und das angespannte, von Misstrauen geprägte Klima, was zwischen ihm und seinen Gefährten, insbesondere seinem späteren Mörder und Verräter Robert Ford (Casey Affleck), geherrscht hat. Zwar gab der von Depressionen geplagte James nach außen hin den jovialen Lebemann, der in diesem Gestus genüsslich seine Zigarre als Symbol seiner Erhabenheit genoss. Innen aber schien er mit seinem Leben abgeschlossen zu haben. Nach einigen dialogverliebten Längen in den ersten zwei Stunden offenbart das Western-Epos zum Ende hin, als es sich zunehmend der Schilderung des Lebens von Robert Ford nach seinem legendären Mord annimmt, seine ganzen Qualitäten als schwermütige, großartig bebilderte Tragödie fernab der plakativen Mythenbildung.

Basic Instinct (USA/F 1992)

Ein moderner, hoch spannender Film Noir um einen aufbrausenden Cop Nick (Michael Douglas), den Ermittlungen in einem Mordfall zu der bisexuellen Millionenerbin und Romanautorin Catherine Tramell (Sharon Stone) führen. Eine leidenschaftliche Affäre, in der beide ihre Kräfte und Grenzen austesten, nimmt ihren Lauf. Legendär ist der wohl berühmteste Beinüberschlag der Filmgeschichte, wenn Sharon Stone ohne Unterwäsche als verruchte und Ketten rauchende Femme Fatale zu einem Mord verhört wird. Rauchen wird dabei mit Sünde und Laster in Verbindung bebracht, gerät der zunächst vom Glimmstängel abstinente, dann „rückfällige“ Nick doch immer tiefer in einen undurchsichtigen Strudel um Sex & Crime, den Regisseur Paul Verhoeven graphisch und körperlich mit Mut zur Provokation inszenierte und Joe Eszterhas wendungsreich schrieb. Dabei weiß man erst bei Sichtung der ebenso überkonstruierten wie sterilen Fortsetzung von 2005 wieder, was man an diesem Erotikthriller und insbesondere Michael Douglas hatte, der den Direktvergleich zum schauspielerischen Totalausfall David Morrissey als männlicher Part locker gewinnt.