Kino der Expositionen – The Dark Knight Rises (USA/GB 2012)

The Dark Knight Rises PosterFür manche dürfte es eine Befreiung sein, viele aber sehen mit dem Kinostart von The Dark Knight Rises das Ende einer Ära kommen, die die Betrachtung von Blockbustern und Comicverfilmungen verändert hat. In Ansätzen seit 2005 (Batman Begins), mit großen Schritten seit 2008 (The Dark Knight), hat der Batman-Reboot sich vom Stigma der sinnentleerten Wiederholung ebenso freigemacht, wie von den nerdigen Exzentritäten, die dem Genre normalerweise die Anerkennung der Kritiker verwehren. Der Siegeszug des verkleideten Vigilanten im Mainstream dürfte mit „The Dark Knight Rises“ seinen Höhepunkt feiern, insbesondere wenn im Winter die Oscar-Saison ins Rollen kommt. Nach den Entscheidungen der vergangenen Jahre (The Artist, The King’s Speech, The Hurt Locker, Slumdog Millionaire) wäre es vielleicht haarsträubend, nicht aber verwunderlich, dass die Academy eine große Abschiedsfeier für die Warner-Trilogie bereithält. Dann würde viel goldenes Konfetti die gegenseitigen Schulterklopfer umspielen, ob der Einsicht, dass Hollywood noch zu großem Qualitätskino fähig ist. Einmal unabhängig von dem Reflex, sich bei dieser Vorstellung einen quicklebendigen Francois Truffaut herbei zu wünschen, ist es wohl unbestreitbar, dass die jüngeren Batman- und andere Filme des Regisseurs die Vorstellung von anspruchsvollem Blockbusterkino in den letzten Jahren mehr geprägt haben und prägen werden als jedes Konkurrenzprodukt. Da kann der Dunkle Ritter noch so stümperhaft durch sein nur scheinbar ambitioniertes Drehbuch torkeln. Das tut er in The Dark Knight Rises nämlich, als hätte er beim Anblick des Einspielergebnisses von „Inception“ Augenlicht und Hirntätigkeit eingebüßt.

Nun also das große Finale. Ganz Gotham steht auf dem Spiel, weil ein affektiert daherredender Bodybuilder die Stadt durch eine Weapon of Mass Destruction in Schach hält und Bruce Wayne/Batman in den letzten Jahren sein Fitness-Training hat schleifen lassen. Als Pfeffer in der hyperrealistischen Suppe fungieren die Verweise auf #OccupyWallStreet, eine Bewegung, die hier auf wundersame Weise mit der französischen Revolution, der Pariser Commune und dem Stalinismus der 30er Jahre verschmilzt. Bedauerlicherweise fehlt der Mut, diese belustigende politische Synthese bis zum Ende durchzuziehen. Das, was gewiefte Kritiker als Subtext bezeichnen, bleibt nichtsdestotrotz der einzige Reiz dieser Comic-Verfilmung, die in Überlänge versucht, ihre Herkunft zu verleugnen. Entschlackt von den halbgaren, zeitgeschichtlichen Parallelen sticht ein Wort-für-Wort verfilmtes Drehbuch hervor, das seinen Zuschauern nichts zutraut und jeden Sachverhalt in meist dreifacher Ausführung aus dem teils verdeckten Mund teils talentierter Darsteller flutschen lässt.

Nun also das große Finale. Das Prestige der neuen Batman-Reihe steht zu keinem Zeitpunkt auf dem Spiel. Dafür wurden in den letzten Jahren zu viele weniger erfolgreiche Superheldenfilme gedreht, die augenfälliger hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. „The Dark Knight Rises“ ist trotzdem eine der schlechtesten unter den Comic-Verfilmungen der letzten Jahre. Das Spektakel, wenn man die schwerfälligen Boxkämpfe so nennen will, wird mit der spätestens seit „Inception“ erwartbaren Konfusion und dem fehlenden Gespür für die Wahrnehmung des Zuschauers inszeniert. Überhaupt: der Zuschauer, das unbekannte Wesen. Das scheint der Leitspruch dieses Werks, das dem Beobachter alles erleichtern will und ihn mit erdrückender Langeweile alles schwerer macht. 164 Minuten lang wird das Offensichtliche geheiligt. Dabei scheint sich jede Sekunde zu fein, um mit voller Inbrunst für ihren Glauben einzustehen. Ein Star-Ensemble, aus dem einzig Anne Hathaways Catwoman heraussticht (wenn sie nicht Catwoman ist), kaschiert die handwerklichen Mängel, unfreiwillig komischen Metaphern und klimaktischen Zusammenbrüche in Sachen Figurenpsychologie, während das Donnergewölk von einem Score eine epische Bedeutsamkeit vorgaukelt. Für eben diese findet The Dark Knight Rises jedoch keine visuelle Ausdrucksform, was in diesem Ausmaß selbst „The Dark Knight“ nicht anzulasten war.

Vermögen die inszenatorischen Mängel der Blockbuster Selling Points nach „The Dark Knight“ und „Inception“ nicht mehr zu überraschen, versetzt die radikale Abkehr von der visuellen Geschichtenerzählung, die im Abschluss der neuen – sicher bald alten – Batman-Trilogie vollzogen wird, in beträchtliches Erstaunen. Der unaufhaltsame Absturz des Dunklen Ritters mag, pessimistisch betrachtet, als stellvertretend für ein Blockbuster-Kino gelten, dem jegliches Vertrauen in seine Konsumenten ausgetrieben wurde. Enervierend an The Dark Knight Rises ist, das er sich, anders als die üblichen Sündenböcke sommerlichen Eskapismus, hinter einer aufgeblasenen Seriosität versteckt.


Einen Überblick der Kritiken zu „The Dark Knight Rises“ gibt es bei Film-Zeit.de.

Videoessay: Jim Emerson seziert The Dark Knight

Als nützliche Ergänzung zu jenem Post über den Niedergang des Actionkinos gibt es hier einen neuen Videoessay von Jim Emerson, der für PressPlay eine Actionsequenz aus The Dark Knight auseinander genommen hat. Man könnte anführen, dass Emerson etwas zu genau vorgeht und unnötig kleinlich ist, aber ich finde den Clip schon allein deswegen sehr reizvoll, weil er detailliert aufzeigt, wie die Action aufgebaut ist, welche Regeln aus dem Handbuch der Filmemacherei gebrochen werden und wie sie funktioniert bzw. nicht funktioniert. Das Zitat von Scorsese erscheint in diesem Kontext jedoch wie ein Schuss in den eigenen Fuß. Sehenswert ist das Video aber allemal.

Bei Emersons empfehlenswertem Blog Scanners ist die Diskussion derweil im vollen Gange. Dort hat sich Jim Emerson in den vergangenen Jahren immer wieder über die Filme von Christopher Nolan geäußert. Zusammengefasst hat er seine Meinung vor einer Weile bei msn.

Der vorliegende Videoessay ist übrigens nur der erste Teil einer geplanten Reihe namens „In the Cut“, die bei PressPlay in regelmäßigen Abständen gepostet werden soll.


 

Was die anderen schreiben: Inception

Inception ist zweifellos der derzeit am meisten diskutierte Film, was wohl darauf zurückzuführen  ist, dass es keine Konkurrenz gibt. Im weitgehend langweiligen Kinosommer 2010 ist der neue Nolan der leuchtende Messias unter dem Mainstream-Einheitsbrei. Unterschiedliche Meinungen zum Film wurden hier im Blog bereits gepostet. Der Kinostart liegt nun etwas mehr als zwei Wochen zurück. Es ist daher an der Zeit, einen Blick auf die Rezeption des Filmes zu werfen. Dabei sei die „etablierte Presse“ außen vor gelassen. Wer sich einen Überblick über die Einschätzungen von SZ, Zeit und Co. verschaffen will, sei auf Film-Zeit verwiesen. Hier ist zuallererst die Blogosphäre von Interesse.

Entgegen der recht eindeutigen 87%, die „Inception“ derzeit bei RottenTomatoes für sich verbuchen kann, sind die  deutschsprachigen Filmblogs* alles andere als einer Meinung. Abgesehen von den obligatorischen 10/10-Verbeugungen und den 3/10-Verrissen, wird „Inception“ auch von jenen, die Christopher Nolans Ehre verteidigen, kritisch beäugt. So bescheinigt Dr. Borstel dem Film die „rundum gute Unterhaltung“, merkt jedoch im selben Text an: „[…]Inception mag vielleicht komplex sein, seine angebliche Intelligenz suggeriert er aber bloß“. Ein ähnliches Fazit wird auch bei CineKie gezogen. Auffällig ist das häufig zu Rate gezogene Argument, für einen Blockbuster sei „Inception“ doch erstaunlich anspruchsvoll, was wiederum mehr über den derzeitigen Stand amerikanischer Filmkunst ausdrückt als über den Film selbst. Ijon Tichy, Raumpilot von Film-Rezensionen.de, sieht den Film beispielsweise als „bestmöglichste Verschmelzung“ von „Kommerz- und Autorenkino“:

Dass diese trotzdem in Scharen in die Kinos strömen und nicht gleich sofort wieder scharenweise rausgehen liegt daran, dass er den Popcorn-Zuschauer behutsam in der ersten Hälfte des Films mit seinem nicht konsequent logischen Universum vertraut macht. Danach muss jeder selbst schauen, wie mit dem Konstrukt aus Realität und Traum zurechtkommt.

Nicht nur Gratwanderung zwischen Kunst- und Kommerz ist „Inception“ für Timo K. Vielmehr verliere mit Nolans Traum-Thriller „hoffentlich der Sommer-Blockbuster seine Unschuld“. Ein „konventionell aufgebautes Heist-Movie“ sei der Film im Grunde.

Und doch gelingt es ihm aus dem Konglomerat verschiedenster Elemente und Motive anderer Werke etwas völlig Eigenwilliges zu kreieren, wo lediglich die Bedingungen gegen den Strich gebürstet werden. So wird in „Inception“ nichts gestohlen, sondern eingepflanzt, nicht in andere Länder gereist, sondern in andere Traumebenen, nicht vor der Polizei geflüchtet, sondern vor den Abwehrmechanismen des Unterbewusstseins.

Den 9/10 Punkten Timos fügt Judge noch einen hinzu. Voll des Lobes bezeichnet er den Film als „absolutes Meisterwerk“. Natürlich hat nicht jeder dermaßen positive Eindrücke aus der Kinovorstellung von Nolans neuem Hit mitgenommen. Hart ins Gericht geht Flo Lieb, was sich u.a. in den 33 Kommentaren niederschlägt, welche seine Kritik schmücken. Als einer der wenigen Blogger ist er mit DiCaprios Leistung alles andere als zufrieden, beschwert sich über dessen einseitige Mimik (endlich erkennt es einer! [subjektive Anm. d. Verf.]), die man so oder so ähnlich bereits in vielen anderen Filmen zu sehen bekam. Ausgehend von den (Nicht-)Einflüssen C.G. Jungs und Sigmund Freuds auf Nolans Traumkonstruktion, kann Flo die vielerorts gefeierte Intelligenz des Filmes nur in geringem Maße entdecken:

Allein die Tatsache, dass die Idee der Firmenauflösung direkt als solche in Fishers Unterbewusstsein etabliert wird, entfernt sich von Freud und Jung und ist ein müder Versuch anzudeuten, dass Fisher sie in die Tat umsetzen wird. Als ob jeder, der im Traum einen Wagen kauft, am nächsten Tag zum Autohändler fährt. Wären Träume so offensichtlich wie „Lös die Firma deines Vaters auf“, hätte es der Traumdeutungen von Freud und Jung überhaupt nicht bedurft. Hinzu kommt, dass obschon mit Ariadne eine Figur ausschließlich als Statthalter des Zuschauers erschaffen wird, Nolan viel erzählt, aber nichts wirklich erklärt. […] Nichts in Nolans Traumkonstruktionen hat Hand und Fuß und selbst die angebliche „reale“ Welt ist voller Unsinnigkeiten.

Anthony Capristo verweist auf einen zentralen Kritikpunkt, wenn er schreibt:

Christopher Nolans nüchterne, geradezu lieblose Bebilderung eines surrealistischen Sujets ist die visuelle Antithese zur Dialektik eines Traums. Geradezu widersprüchlich, wenn man konstatiert, dass der Brite inszenatorisch nie besser war.

In der Mehrzahl scheiden sich die Bloggergeister an Nolans Herangehensweise an Träume im allgemeinen. Verspielt der Film sein Potential, indem er die surrealen Dimensionen des Unbewussten zurückschraubt oder rechtfertigt der Plot die Notwendigkeit des Realismus? Diese Frage ebenfalls anreißend, geht Christoph Wirsching in seinem veritablen Verriss noch einen Schritt weiter und erkennt in dem Film ein „erzkonservative[s], in seinen chauvinistischen Implikationen auch durchaus fragwürdige[s] Schuld- und Sühne-Drama aus der untersten, schimmeligsten Saccharin-Schublade“.

Um eine allseits beliebte Floskel heranzuziehen: An „Inception“ scheiden sich die Geister. Ungeachtet, zu welcher Fraktion man gehört, ob man ein großes Meisterwerk zu sehen bekommen hat, einen zumindest intelligenten Blockbuster oder ein aufgeblasenes Nichts, muss man Nolan zumindest zu Gute halten, dass er etwas Schwung in die Bloggerwelt gebracht hat.

Gegen Ende dieses kurzen Überblicks seien hier ein paar Texte empfohlen, die im Spannungsfeld zwischen Interpretation und Kritik liegen und womöglich neue Einsichten in Nolans Verwirrspiel gewähren. Auf SPOILER sollte man gefasst sein:

  • „Interpretationen und Spekulationen“ von Elisabeth Maurer
  • Ein Zwiegespräch von David Bordwell und Kristin Thompson, welches sich um die Narration und Figurenzeichnung des Filmes dreht
  • „Everything you wanted to know about ‚Inception'“ findet man bei Salon.com
  • Jim Emersons Blog bietet eine wachsende Anzahl von Artikeln (und hunderten Kommentaren) zum Film, die zugleich hilfreiche Linksammlungen beherbergen
  • Über Emerson wurde ich auf einen hervorragenden Artikel aufmerksam, der „Inception“ mit der Struktur von Videospielen und „The Matrix“ vergleicht: „Inception’s Usability Problem“

*Update 16/8*

  • Doug Dibbern vergleicht „Inception“ mit Anthony Manns „The Heroes of Telemark“, der wohl Pate für die verschneite Actionsequenz im dritten Traumlevel stand.

But if I had to choose, I’d choose functionalism over frillery, restraint over ostentation, Kirk Douglas’s monumental chin over Leonardo DiCaprio’s anguished forehead, Norway over dreamscapes, and a well-told story over pop-philosophy.

*Update 01/9*

Hinter den Sieben Bergen wird „Inception“ in einer ausführlichen Kritik mit nur 55% bedacht und die Asexualität hervorgehoben, die Nolans Traumkonzept zu Grunde liegt:

Die ganze Bande schiebt klaglos über Wochen ihren trostlosen Traumagentendienst und entwickelt nicht den leisesten Anflug eines hetero-, homo- oder anderswie sexuell codierten Begehrens.
Sexuell stehen sie auf einer Stufe mit Agent Smith aus „Matrix“, einem Handlanger der Maschinen. (Das kommt ja auch hin, könnten böse Zungen behaupten, sind diese Figuren doch nichts als die konventionskompatiblen Schatten in der Matrix der amerikanischen Filmindustrie).


*Naturgemäß konnten hier nicht alle deutschsprachigen Filmblogs berücksichtigt werden. Falls sich ein Autor an einem längeren Zitat aus seinem Text stört, möge er sich bitte bei mir melden.

Für weitere Hinweise zu deutsch- oder englischsprachigen Interpretationen des Filmes wäre ich dankbar. Für unbedingt lesenswerte, aber hier fehlende Kritiken, gilt dies natürlich auch.

Inception (USA/GB 2010)

Für Meta-Auseinandersetzungen um die Diskussionen, den Hype und den Backlash der Hype-Hasser ist hier leider kein Platz. Christopher Nolans Inception ist ambitioniert bis in die letzte Einstellung, will E- und U-Film sein und bildet somit ein seltenes Geschöpf im Blockbustersommer des Jahres 2010. Ob man im Nachhinein gern das Geld für die Kinokarte ausgegeben hat, wird nicht unwesentlich davon abhängen, wie man zu den anderen Filmen des Regisseurs steht. Das eigentlich Traurige ist nun, dass „Inception“ in Bezug auf die Fähigkeiten seines Machers keinerlei Neuigkeiten bereithält. Wie in vielen seiner Filme baut Nolan ein diegetische Welt, über die nur er die Kontrolle besitzt. So komplex konstruiert ist sie wie die Stadtaufsichten, welche er in „Inception“ so gern einbaut. Diese Kontrolle gibt er ausgerechnet in einem Film, der mit seiner verschachtelten Traumthematik nach einer ausnahmslosen Subjektivität schreit, nie aus der Hand. Man denke dagegen an „Memento“, der seine Wirkung allein aus der Fixierung auf den Blickwinkel der Hauptfigur gezogen hat und ziehen konnte. Während sich Martin Scorsese im ähnlich gelagerten „Shutter Island“  auf Gedeih und Verderb auf die Sicht des Cops Teddy einlässt mit allen Konsequenzen, welche diese Entscheidung mit sich bringt, ist Nolans allwissender Blick zu jeder Zeit zugegen. Selbst im Finale, in dem mehrere Schichten von Träumen-in-Träumen durchlaufen werden, bleibt uns der kalte Blick des Puppenspielers nicht erspart. So souverän diese Parallelmontage auch gehandhabt wird, so einfallslos ist sie im Grunde. Träume sind in „Inception“ nichts weiter als lineare Geschichten, die den Gesetzen der nächst höheren Ebene – des jeweiligen „Levels“ darüber – unterliegen. Wie das Drehbuch wurden sie geplant, verbessert, perfektioniert. Damit gleicht der Film dieses Sommers™ einer Dominokette, eingefangen in einer Mise en abyme.

Der fabelhafte Trailer lügt deshalb ein Werk vor, das keiner zu sehen bekommen wird. Einen Film, in dem die unendlichen Möglichkeiten der menschlichen Vorstellungskraft erkundet werden, in dem Paris auf den Kopf gestellt wird, nur weil ein Geist es so befiehlt. Die entsprechende Szene in „Inception“ ist dabei nichts anderes als ein überflüssiger Augenschmaus. Ellen Page darf als Architektin der Traumwelten beweisen, was sie drauf hat. Da verbringen die Gedankendiebe sozusagen ein paar Minuten in Q’s Labor. Da werden die Schauwerte angedeutet, bevor das eigentliche Abenteuer losgeht. Für den Rest des Films ist Ariadne (Page) nicht dafür zuständig, den traumatisierten Dieb Cobb (Leonardo DiCaprio) durch ein Labyrinth in die Freiheit zu führen, wie es ihr Name suggeriert. Sie führt uns, die Zuschauer, ein in die Regeln der Inception und hilft mit ihrer endlosen Fragerei, den überladenen Plot und das Vokabular dieser seltsamen Profession zu verstehen. Wie Page werden auch die meisten anderen Darsteller als Randfiguren verschwendet; ganz einfach weil ihnen kein Charakter geschenkt wird. Einzig Tom Hardy als Fälscher innerhalb der Diebesbande kann hier seine eindrucksvolle Visitenkarte hinterlegen und empfiehlt sich als Actionheld, der all das besitzt, was einem wie Sam Worthington fehlt.

Doch reden wir nicht weiter von Schauspielern, denn um die geht es weder Nolan noch seinem Drehbuch. Was „Inception“ in meinen Augen am meisten schadet, ist seine Ausgangsidee: Dass man Träume soweit konstruieren kann, bis ihr künstliches Wesen nicht mehr von der Realität mit all ihren Einschränkungen zu unterscheiden ist. Nur so kann die Diebesbande um Cobb Gedanken stehlen und Ideen in einen fremden Geist implantieren. Kontrolle ist das Stichwort. Die Kontrolle – so schreit das Drehbuch von allen Ecken und Enden – entgleitet Cobb, da sich die Erinnerungen an seine verstorbene Frau (verführerisch wie immer: Marion Cotillard) in seine Arbeit drängen. Die Kontrolle lässt sich der Film-(Traum-)Architekt Nolan jedoch niemals wirklich aus den Händen nehmen. Irrationalität oder Surrealität, die unvorhersehbare Aufhebung der Naturgesetze in absurden Situationen –  eben die Mitbringsel des Unbewussten – werden entweder vollständig ignoriert oder auf den Trainingsplatz verbannt. Stattdessen erstickt „Inception“ all jene faszinierenden Fragen und Geheimnisse um die Funktionsweise des menschlichen Geistes in der langweiligen Ästhetik eines Actionthrillers. Dessen Gesetze verlangen es schließlich so. Diese zu brechen, hieße ein paar Steine aus der Dominokette einfach an einen anderen Ort zu stellen. Sich auch nur im entferntesten der Gefahr zu stellen, das ganze minutiös aufgebaute Kartenhaus mit Namen „Inception“ in sich zusammenfallen zu lassen, ist nicht Nolans Sache. Vielleicht will er es nicht. Vielleicht kann er es gar nicht.

Kontrapunkt: Die Filme von Christopher Nolan

Dieser Regisseur hat einen kometenhaften Karriere-Aufstieg zu verzeichnen: Christopher Nolan. Von der New York Times als „blockbuster auteur“ bezeichnet, gelang es ihm insbesondere durch seine beiden „Batman“-Filme, kommerziellen Erfolg und inhaltlichen Anspruch miteinander zu vereinen. Eine Kombination im hollywood’schen Mainstream-Kino freilich, die selten ist.

Dabei hat Nolan auch einmal klein angefangen, mit einem merkwürdigen Kurzfilm namens Doodlebug. Darin verfolgt ein verängstigter Mann in einem heruntergekommenen Zimmer Ungeziefer, welches er erschlagen will. Wie sich herausstellt, ist das Ungeziefer eine kleinere Ausgabe von sich selbst, desselben Mannes in einer anderen raumzeitlichen Dimension, die durch serielle Wiederholung derselben Tätigkeit(en) gekennzeichnet ist. Dieser Riss im Raum-Zeitgefüge bleibt unerklärt, was diesem kafkaesken Schwarz-Weiß-Film beinahe schon experimentelle Züge um das Spiel mit der (Kamera-)Perspektive verleiht.

Der Übergang zum zweifelsohne narrativen, aber zugleich die standardisierten Sehgewohnheiten aufbrechenden Film gelang Nolan dann mit Memento, auch wenn er sich noch nicht thematisch wie formalästhetisch (zum Teil wieder schwarz-weiß) von seinem Kurzfilm löste. Auch hier greift er den Riss im Raumzeitgefüge wieder auf, macht ihn gar zum zentralen Gegenstand der achronologisch erzählten Story, doch legitimiert er dies durch eine Schädigung des Kurzzeitgedächtnisses der Hauptfigur. Leonard Shelby (gespielt von Guy Pearce) hat darin kein Zeitgefühl, kann Zeit nicht empfinden, weil er nach einigen Minuten nicht mehr weiß, was gerade geschehen ist. Sein Leben ist durch seine eigene Zeitwahrnehmung episodisch strukturiert (so auch der Film) und zirkuliert in ewig gleichen Handlungsmotivationen. Er sucht den Mörder seiner Frau, einen Mann namens „John G.“, immer wieder. Auch wenn er ihn gefunden und ermordet hat, wird dies wieder zu seinem Lebensziel, sobald ihn sein „Zustand“ dieses Ereignis vergessen lässt. Shelbys Leben in seiner abgeschotteten, nach eigenen Regeln funktionierenden Gedankenwelt, die sich von jener der Lebensumwelt drastisch unterscheidet, ist in serieller Wiederholung organisiert, ein abgeschlossenes System im System.

Ähnlich lässt sich auch die durch Halluzinationen geprägte Wahrnehmung von Will Dormer (Al Pacino) in Insomnia deuten, die anders als seine Kollegen und die der Bewohner Alaskas funktioniert. In seinem Kopf konvergieren Traum und Realität, Vorsätzlichkeit und Fahrlässigkeit beim Tod seines Kollegen, im Film metaphorisch dargestellt durch das Grün der Natur (Leben) und Eis (Tod), welche beide nebeneinander existieren, miteinander. Der Film lebt von diesen dualistisch aufgeladenen Schauplätzen und es ist bezeichnend, dass die Schlüsselszenen des Films im Nebel stattfinden, welcher die vernebelte Wahrnehmung und die aufgewühlte Gedankenwelt Dormers exemplifiziert.

Diese Gedankenwelt ist in Inception ein zentraler Bestandteil. Sie wird von Dom Cobb (Leonardo Di Caprio) und seinen Kollegen im Unterbewusstsein eines Träumenden um Ideen bestohlen oder neu angeordnet, indem eine neue Idee ins Unterbewusstsein implementiert wird. Nolan präsentiert dabei atemberaubende Bilder der Schwerelosigkeit und Zeitlupen, die allesamt durch die Traumlogik motiviert sind. Ähnlich „Memento“ und Prestige (Dreiteilung eines Zaubertricks; auch der Film hält am Ende einen überraschenden Twist bereit) wird auch bei „Inception“ das Sujet auf die Struktur des Films übertragen. Dass für Cobb die Grenzen zwischen Traum, Erinnerung und Realität verschwimmen, wird für den Zuschauer durch das wiederholten Hin- und Herspringen zwischen mehreren Traumebenen und dem daraus folgenden Overkill in den Erzählsträngen deutlich. Er erhält einen Einblick in die Funktionsweise der Traummanipulation – stets konfrontiert mit dem Zweifel, ob er seinen Augen trauen kann. Und auch hier wird wieder die philosophische Frage gestellt, ob eine Welt außerhalb der eigenen Gedanken existiert oder einen Wert hat. Das kann man auch als eine Allegorie auf das Filmemachen verstehen: Ohne diese im Innern reifenden Ideen, nur durch die perspektivlose Abbildung der äußeren Welt entstehen keine Spielfilme.

Nolan spielt mit diesen psychologischen Themen. Alle Figuren sind ausgestattet mit einem Makel in den kognitiven Fähigkeiten. Er stellte gar Fragen um die moralische Befindlichkeit eines gebrochenen Helden und einer von Verbrechen erschütterten Stadt, als er sich der Frischzellenkur des „Batman“-Comicuniversums annahm. Stets anspruchsvoll, aber unterhaltsam, stets mainstreamtauglich, aber mit Mut zu außergewöhnlichen Themen. Da freut man sich schon auf Nolans nächsten „Batman“-Film.

Meine detailliertere Besprechung von „Inception“ findet ihr auf MovieMaze.de.