Wollmilchcast #20.2 – Harry Potter und der Halbblutprinz

(c) Warner Bros.
(c) Warner Bros.

Da wir den 20. Wollmilchcast ganz zum Thema passend auf mehrere Teile aufgespalten haben, gibt es heute Teil 20.2. Matthias und ich sprechen in drei Episoden über alle acht Harry Potter-Filme, die zwischen 2001 und 2011 ins Kino gekommen sind. Nachdem sich Wollmilchcast 20.1 den ersten fünf Filmen gewidmet hat, geht es in Teil 20.2 mit Harry Potter und der Halbblutprinz weiter. Morgen folgt dann 20.3 und der Doppelschlag Harry Potter und die Heiligtümer des Todes 1 + 2.

 

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Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2

Das war es also. Zehn Jahre voller Magie haben ein Ende. Hat man die Bücher von J.K. Rowling ins Herz geschlossen, hing beim Schauen der Filme immer die Hassliebe in der Luft. Auf der einen Seite die Kürzungen, Verfälschungen, auf der anderen die britische Schauspielgarde, die Welt der Zauberer, deren Grundstein – das muss zugegeben werden – Chris Columbus in seinen beiden Filmen gelegt hat. Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2 läuft in den Kinos und es gibt kein zurück. In den sicheren Händen von David Yates seit „Harry Potter und der Orden des Phönix“ hat die Reihe das Auf und Ab der Regiewechsel hinter sich gelassen und kommt nun zu einem unausweichlichen Schluss. Den vielschichtigen künstlerischen Ehrgeiz eines Alfonso Cuarón kann auch ein fähiger Regisseur wie Yates nicht bieten. Das Franchise hat dafür den sicheren Weg gewählt, so dass ein Totalausfall wie Newells „Harry Potter und der Feuerkelch“ sich nicht wiederholen konnte. Selbst nach dem stellenweise enttäuschenden „Halbblutprinz“ war im Mindesten ein ordentliches Finale zu erwarten gewesen. Genau das hat David Yates, aber ebenso Steve Kloves und das gesamte Team hinter den Harry Potter-Filmen abgeliefert. Mochte „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1“ die atmosphärischere Hälfte sein, trägt der zweite Teil, der eigentlich der achte Teil, aber auch der siebte Teil ist, trägt also diese filmische Hälfte die Verantwortung, alles zu einem logischen und emotional fruchtbaren Ende zu führen, mit größter Fassung. Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2, fortan der Einfachheit halber „Harry Potter 7.2“ genannt, ist ein guter Film geworden, ein würdiger Abschluss einer Reihe, die quality cinema für das moderne Hollywood-Kino neu, weil jugendlich definiert hat.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod treibt diesen achten Ausflug des jungen Zauberers auf die Leinwand an. Natürlich ist die Kraft der Freundschaft das moralische Licht am Ende des Filmtunnels, aber schlussendlich muss Harry allein in den Wald gehen, wie auch sein glitschiges Spiegelbild Voldemort in diesem Teil mehr noch als in allen anderen allein da steht. Daran ändert die Horde von Todessern nichts, ebenso wenig wie der Versuch, sich in Form von Horcruxen zu vervielfältigen. Überhaupt ist Harry Potter 7.2 gerechterweise genauso Voldemorts Film, was Ralph Fiennes für seine bisher nuancierteste, weil menschlichste Darstellung des Bösewichts nutzt. Schließlich bildet dieser nur die andere Seite ein und derselben Münze. Da ist der eine, der den Tod als Variable in der Lebensrechnung zu akzeptieren lernt und der andere, der dies nicht tut. Deswegen beginnt „Harry Potter 7.2“, wie der Vorgänger aufhörte: mit Gräbern. Voldemort, der eines öffnet und Harry, der Abschied von einem Freund nimmt.

Die Zweiteilung des siebten Harry Potter-Bandes stellt sich im Nachhinein gar als positive Entscheidung heraus. Der achte Film lebt vom fliegenden Wechsel zwischen Action- und Charakterszenen. Hier bleibt die Zeit für einen gequälten Drachen, der sich auf den Trümmern einer Bank im Londoner Himmel umsieht, und dem verzweifelten Röcheln eines Sterbenden hinter einer Glasscheibe. David Yates Händchen für Parallelmontagen, welches schon den trägen „Orden des Phönix“ mit Schwung versorgte, kommt voll zum Einsatz. Gerade in einem alles erklärenden Flashback gelingt dem Film trotz oder gerade wegen der Änderungen eine eigene audiovisuelle Dynamik, wie man sie in der allzu buchtreuen Reihe seit dem fünften Film nicht mehr gesehen hat. Harry Potter 7.2 ist nicht die episodische Aneinanderreihung gekappter Erzählstränge aus einem anderen Medium. Obwohl komplette Handlungsstränge (Grindelwald & Dumbledore?) beim Abschluss der Reihe weggelassen wurden, fällt dies kaum auf. Immerhin bestand das siebte Buch von J.K. Rowling zu Großteilen aus Flashbacks und Büchern im Buch. Weniger filmisch ging es kaum.

Was „Harry Potter 7.2“ zuweilen darnieder drückt, sind trotzdem aus der Vorlage übernommene Schwächen. Figuren, die Off-Screen sterben und dann beweint werden, gehören dazu, genau wie ein aufgesetzt wirkender Epilog, der die Reihe Make-up-technisch an seine unfreiwillig komischen Grenzen bringt. Die große Konfrontation kann wiederum nicht mithalten mit jenem machtvollen Duell der Elemente zwischen Voldemort und Dumbledore in „Harry Potter und der Orden des Phönix“. Am Ende kämpfen eben keine zwei Goliaths gegeneinander. Dennoch bleibt vergleichsweise wenig auszusetzen an Harry Potter 7.2. Doch wenn die Filme ihre eigene Vorlage erfolgreich überwunden haben, war dies meist in jenen eng mit der Muggle-Realität verknüpften Momenten zu beobachten.  Man denke nur an die fliegenden Zauberer über London, der aus dem Nichts erscheinende Dumbledore auf einem U-Bahnsteig und Hermine, die durch die menschenleere Vorstadt ihres früheren Heims läuft, nach dem sie sich aus den Erinnerungen ihrer Eltern gelöscht hat. Rarer gesät sind sie im letzten Film der Reihe. Das ist allerdings kein Wunder, machen sie doch den Vorgänger mit seinem Campingtrip ganz wesentlich aus.

Eine der Leistungen des letzten Harry Potter-Films bleiben die ruhigen Minuten, welche er seinen Figuren, selbst denen der Nebendarsteller zugesteht. Mit einem Personal wie Maggie Smith, Michael Gambon, Ciarán Hinds und Warwick Davis wäre alles andere eine Verschwendung. Selbst wenn die Schlacht um Hogwarts mit fortlaufender Spielzeit als Klassentreffen nach zehn Jahren Zerstreuung  gelesen werden kann (eine wortlose Einstellung für Miriam „Professor Sprout“ Margolyes?), gibt sich Harry Potter 7.2 nur selten als pathetisches Massenspektakel in der Tradition von „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“. Grundsätzlich erzählt die Harry Potter-Reihe weniger vom epischen Kampf zwischen Gut und Böse, als vielmehr von ein paar Leuten, die Entscheidungen treffen und mit deren Folgen leben müssen. Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2 befriedigt deswegen nach all den Jahren voller übersteigerter Erwartungen als Film. Der weist ein paar allein gelassenen Jungs, die zu Doppelagenten, Auserwählten und Tyrannen heranwachsen, mehr Bedeutung zu als der Tatsache, dass ein ungemein erfolgreiches Franchise endet.


Zum Weiterlesen:

Kritiken zum Film bei Film-Zeit.de.

V.O.R.F.R.E.U.D.E.

Irgendwie ist der ganze Harry Potter-Hype ja eingeschlafen seit der Veröffentlichung des letzten Buches vor drei Jahren, zumindest wenn ich von mir ausgehe. Schuld daran ist v.a. der enttäuschende letzte Film „Harry Potter und der Halbblutprinz“. An entscheidenden Stellen wurde da auf wundersame Weise alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Der aktuelle Trailer zum letzten Film der Reihe (bzw. dem ersten Teil des letzten Films) hinterlässt trotzdem einen mehr als positiven Eindruck. Wie immer ist alles wahnsinnig düster und ernst. Andererseits ist J.K. Rowlings Vorlage nicht gerade ein Meisterwerk der Literatur. Da gibt es durchaus Möglichkeiten zur Qualitätssteigerung. Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1 startet am 17. November diesen Jahres in den deutschen Kinos. Nach diesem Trailer gibt’s als Kommentar dazu ein großes „ENDLICH!“.

Warnung! Cash Cow im Anmarsch!

Drama! Chöre! Zeitlupen! Nicht zu übersehen ist, dass ein „Epos“ mit einem Paukenschlag zum Ende kommt.  Das will uns zumindest die Marketingabteilung von Warner glauben machen. Ebenso wenig zu übersehen bzw. zu überlesen waren die diversen Mängel in J.K. Rowlings siebten und damit letzten Potter-Band „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“, gerade was die Pathos-Ecke betrifft. Ob Regisseur David Yates und Drehbuchalbtraumautor Steve Kloves nun dazu in der Lage sind, Plot und Spannung des Buches sinnvoll auf zwei Spielfilme zu verteilen, wird sich am 17. November 2010 und am 15. Juli 2011 zeigen. Dann laufen Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil I und II in den deutschen Kinos an. Bisher haben die Filme der Reihe allerdings von Kürzungen profitiert. Nach dem enttäuschenden „Halbblutprinz“ bleibt die Vorfreude gedämpft.

Den aktuellen Trailer gibt’s auch bei MovieMaze.

Harry Potter und der Halbblutprinz (USA/GB 2009)

Stilistisch gesehen haben die Verfilmungen der Erfolgsromane von J.K. Rowling mit dem dritten Teil „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ ihre Heimstätte gefunden. Die karge, dennoch romantische Berg- und Seenlandschaft um Hogwarts liefert seitdem den stimmigen Hintergrund für das zunehmend unheimlich anmutende Schulgebäude, dem die kindliche Freude an der Magie der sprechenden Gemälde und wandelnden Treppen von Film zu Film entzogen wird. Die Wiederauferstehung Voldemorts im Nachfolger, seine vermehrt öffentlich agierenden Todesser, das drohende Unheil einer erneuten faschistischen Diktatur in der Außenwelt stellt auch den Status des geliebten Zaubererinternats als Insel der unversehrten Glückseligen in Frage. So kulminiert der sechste Teil Harry Potter und der Halbblutprinz in der Einsicht, dass  die Kindheit in vielerlei Hinsicht vorbei ist. Geborgen in der Parallelwelt Hogwarts können Harry, Ron und Hermine nicht länger sein, denn die Schule und ihre Schüler sind endgültig Teil der Welt und ihrer erwachsenen Konflikte geworden. Hogwarts/die Kindheit barg eine schöne Zeit, doch diese hat unwiderruflich ihr Ende gefunden. Verantwortung und Autonomie heißen die Ingredienzen der Zukunft. Freud und Leid der Pubertät, wie es Regisseur David Yates und Drehbuchautor Steve Kloves so detailliert auf die Leinwand bringen, dienen dabei als vorwiegend komisches Symptom der Abnabelung Harrys von seinem väterlichen Surrogat Dumbledore. Der Schulleiter weiht ihn diesmal in seine Erinnerungen an den jungen Tom Riddle, den späteren Voldemort, ein, um den Auserwählten auf den unausweichlichen Endkampf mit diesem vorzubereiten. Zu allem Überfluss muss Harry (Daniel Radcliffe) sich mit seinen aufwallenden Gefühlen für Rons Schwester Ginny herumschlagen und die zwielichtigen Machenschaften Draco Malfoys (Tom Felton) im Auge behalten. Der hat tatsächlich einen Auftrag vom Dunklen Lord höchstpersönlich. Während die anderen Jugendlichen in den Gängen ausgiebig knutschen, wandelt dieser Draco wie ein schwarzer Schatten einsam durch die Gänge. Ihm sind Unschuld und Schutz längst entrissen worden.

Es ist schon eine unfreiwillige Tradition der Potter-Filme, dass bestimmte Nebenfiguren Harry, den Held und Heilsbringer der Geschichte, sowohl schauspielerisch wie auch in Sachen Charakterfülle in den Schatten stellen. Ob Malfoy, Severus Snape oder Tom Riddle selbst – mehrere Figuren in diesem Film tragen gewichtigere Konflikte mit sich herum als der Auserwählte. Selbst die Probleme innerhalb der nicht vorhandenen Beziehung zwischen Ron und Hermine, ihr Hin und Her zwischen Eifersucht und Zuneigung, werden nuancierter ausgeführt als Harrys hölzerne Liebelei mit der schauspielerisch überforderten Bonnie Wright alias Ginny Weasley. Durchweg überzeugt Radcliffe in seinem Zusammenspiel mit Jim Broadbent, der als  Professor Horace Slughorn zum Ensemble dazu stößt. Der Celebritiy-verrückte Slug liebt es, seine Beziehungen zur Zauberer-Prominenz aller Welt unter die Nase zu reiben und in seinen Augen gibt der Auserwählte naturgemäß ein glänzendes Exemplar für seine Sammlung ab. Broadbent zieht alle Gefühlsregister in seiner Rolle, die eine sympathischere, fachkundige Spiegelung des aufgeblasenen Gilderoy Lockhart aus dem zweiten Film darstellt. Einer nicht zu übersehenden Erbärmlichkeit dieses Lehrers, der seine Eitelkeit als Mentor eines exklusiven Schülerclubs füttert, setzt Broadbent mit seinen großen verzweifelt naiven Augen das verdrängte, unterschwellige Bewusstsein für seine Verantwortung am Aufstieg Voldemorts entgegen. Der Oscar-reife Auftritt des Briten reiht sich ein in die alles überragende Abwendung der Reihe von den Kinderbuchwurzeln.

Fast zum verzweifeln ist es daher, dass die in den ersten Minuten des Films etablierte Atmosphäre allumfassender Bedrohung nicht konsequenter durchgehalten wird. Da gleitet die Kamera noch rasend schnell durch Londoner Straßen, gibt den Blick fliegender Todesser wieder, welche die Zauberer-Welt mit Entführungen in Angst und Schrecken versetzen. Da offenbart der Film seine Nähe zum Zeitgeschehen, wenn er einen Terroranschlag der Schergen Voldemorts auf die Londoner Millennium Bridge schildert, welcher in der Vorlage in dieser Ausführlichkeit nicht einmal vorkam. Unsicher über seine eigene erzählerische Haltung kontrastiert der Film allerdings jeden dramatischen Wendepunkt mit dem Comic Relief vertauschter Liebestränke und knutschsüchtiger Freundinnen. Eine Prise davon sorgt für Erheiterung in der ansonsten klaustrophobischen Umgebung Hogwarts,  charakterisiert durch die verschachtelten Gänge der mittelalterlichen Schule und die erdrückenden punktuellen Weichzeichner, welche aus den Erinnerungen von Dumbeldores Pensieve in den Schulalltag übergegriffen haben und die Figuren zusätzlich wie Gefangene  im Bild kadrieren. Im Übermaß wirken die pubertären Eskapaden dagegen aufgesetzt und geraten den Stärken des Films zum Nachteil. Einzelne Sequenzen überragen deswegen den Gesamteindruck, denn „Harry Potter und der Halbblutprinz“ gibt sich zu keiner Zeit erzählerisch so homogen wie sein Vorgänger, der „Orden des Phönix“, ebenfalls inszeniert von David Yates. Wieder einmal kann man einem Drehbuch von Steve Kloves – der nur den „Orden“ nicht geschrieben hat – den Vorwurf der episodenhaften Überführung des Buches auf die Leinwand machen. Schwerwiegender als dieser qualitative Abfall im Vergleich zum Vorgänger ist der Hang dazu, bei folgenschweren Ereignissen in der Handlung auf die große Dramatik oder auch nur weitreichende Gefühlsäußerungen zu verzichten. Gut kommt der Film ohne den pathetischen Ausklang der Vorlage aus, doch bleibt in Hinsicht auf die Entwicklungen in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ zu fragen, ob dem Auserwählten im Finale Wut, Zorn und Hass nicht etwas besser gestanden hätten als die unentschlossene Apathie, welche Kloves dem Helden angedeihen lässt. Harry ist zwar kein Kind mehr, aber noch immer keine vielschichtige Figur.

Ein vorwiegend inhaltsarmes Übergangsbuch war der „Halbblutprinz“ zum Leidwesen der Leser. Mit Blick auf das nun bekannte Finale der Serie haben sich die Filmemacher nicht dazu durchringen können, eine zumindest ansatzweise abgerundete Geschichte zu erzählen. Ein Übergangsfilm ist im selben Maße der filmische Halbblutprinz  geworden, der sich trotz vieler löblicher Kürzungen den abschließenden Paukenschlag versagt und den Zuschauer damit unsicher in die  zweiteiligen „Heiligtümer des Todes“ entlässt. Damit ist Harry Potter und der Halbblutprinz zwar vielschichtiger und unterhaltsamer als die meisten Fließbandblockbuster dieses Jahres; doch noch immer wartet man auf den Potter-Film, der auch nur im Entferntesten die Aussicht auf den zukünftigen Status als moderner Klassiker in sich birgt, vergebens.