Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2

Das war es also. Zehn Jahre voller Magie haben ein Ende. Hat man die Bücher von J.K. Rowling ins Herz geschlossen, hing beim Schauen der Filme immer die Hassliebe in der Luft. Auf der einen Seite die Kürzungen, Verfälschungen, auf der anderen die britische Schauspielgarde, die Welt der Zauberer, deren Grundstein – das muss zugegeben werden – Chris Columbus in seinen beiden Filmen gelegt hat. Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2 läuft in den Kinos und es gibt kein zurück. In den sicheren Händen von David Yates seit „Harry Potter und der Orden des Phönix“ hat die Reihe das Auf und Ab der Regiewechsel hinter sich gelassen und kommt nun zu einem unausweichlichen Schluss. Den vielschichtigen künstlerischen Ehrgeiz eines Alfonso Cuarón kann auch ein fähiger Regisseur wie Yates nicht bieten. Das Franchise hat dafür den sicheren Weg gewählt, so dass ein Totalausfall wie Newells „Harry Potter und der Feuerkelch“ sich nicht wiederholen konnte. Selbst nach dem stellenweise enttäuschenden „Halbblutprinz“ war im Mindesten ein ordentliches Finale zu erwarten gewesen. Genau das hat David Yates, aber ebenso Steve Kloves und das gesamte Team hinter den Harry Potter-Filmen abgeliefert. Mochte „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1“ die atmosphärischere Hälfte sein, trägt der zweite Teil, der eigentlich der achte Teil, aber auch der siebte Teil ist, trägt also diese filmische Hälfte die Verantwortung, alles zu einem logischen und emotional fruchtbaren Ende zu führen, mit größter Fassung. Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2, fortan der Einfachheit halber „Harry Potter 7.2“ genannt, ist ein guter Film geworden, ein würdiger Abschluss einer Reihe, die quality cinema für das moderne Hollywood-Kino neu, weil jugendlich definiert hat.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod treibt diesen achten Ausflug des jungen Zauberers auf die Leinwand an. Natürlich ist die Kraft der Freundschaft das moralische Licht am Ende des Filmtunnels, aber schlussendlich muss Harry allein in den Wald gehen, wie auch sein glitschiges Spiegelbild Voldemort in diesem Teil mehr noch als in allen anderen allein da steht. Daran ändert die Horde von Todessern nichts, ebenso wenig wie der Versuch, sich in Form von Horcruxen zu vervielfältigen. Überhaupt ist Harry Potter 7.2 gerechterweise genauso Voldemorts Film, was Ralph Fiennes für seine bisher nuancierteste, weil menschlichste Darstellung des Bösewichts nutzt. Schließlich bildet dieser nur die andere Seite ein und derselben Münze. Da ist der eine, der den Tod als Variable in der Lebensrechnung zu akzeptieren lernt und der andere, der dies nicht tut. Deswegen beginnt „Harry Potter 7.2“, wie der Vorgänger aufhörte: mit Gräbern. Voldemort, der eines öffnet und Harry, der Abschied von einem Freund nimmt.

Die Zweiteilung des siebten Harry Potter-Bandes stellt sich im Nachhinein gar als positive Entscheidung heraus. Der achte Film lebt vom fliegenden Wechsel zwischen Action- und Charakterszenen. Hier bleibt die Zeit für einen gequälten Drachen, der sich auf den Trümmern einer Bank im Londoner Himmel umsieht, und dem verzweifelten Röcheln eines Sterbenden hinter einer Glasscheibe. David Yates Händchen für Parallelmontagen, welches schon den trägen „Orden des Phönix“ mit Schwung versorgte, kommt voll zum Einsatz. Gerade in einem alles erklärenden Flashback gelingt dem Film trotz oder gerade wegen der Änderungen eine eigene audiovisuelle Dynamik, wie man sie in der allzu buchtreuen Reihe seit dem fünften Film nicht mehr gesehen hat. Harry Potter 7.2 ist nicht die episodische Aneinanderreihung gekappter Erzählstränge aus einem anderen Medium. Obwohl komplette Handlungsstränge (Grindelwald & Dumbledore?) beim Abschluss der Reihe weggelassen wurden, fällt dies kaum auf. Immerhin bestand das siebte Buch von J.K. Rowling zu Großteilen aus Flashbacks und Büchern im Buch. Weniger filmisch ging es kaum.

Was „Harry Potter 7.2“ zuweilen darnieder drückt, sind trotzdem aus der Vorlage übernommene Schwächen. Figuren, die Off-Screen sterben und dann beweint werden, gehören dazu, genau wie ein aufgesetzt wirkender Epilog, der die Reihe Make-up-technisch an seine unfreiwillig komischen Grenzen bringt. Die große Konfrontation kann wiederum nicht mithalten mit jenem machtvollen Duell der Elemente zwischen Voldemort und Dumbledore in „Harry Potter und der Orden des Phönix“. Am Ende kämpfen eben keine zwei Goliaths gegeneinander. Dennoch bleibt vergleichsweise wenig auszusetzen an Harry Potter 7.2. Doch wenn die Filme ihre eigene Vorlage erfolgreich überwunden haben, war dies meist in jenen eng mit der Muggle-Realität verknüpften Momenten zu beobachten.  Man denke nur an die fliegenden Zauberer über London, der aus dem Nichts erscheinende Dumbledore auf einem U-Bahnsteig und Hermine, die durch die menschenleere Vorstadt ihres früheren Heims läuft, nach dem sie sich aus den Erinnerungen ihrer Eltern gelöscht hat. Rarer gesät sind sie im letzten Film der Reihe. Das ist allerdings kein Wunder, machen sie doch den Vorgänger mit seinem Campingtrip ganz wesentlich aus.

Eine der Leistungen des letzten Harry Potter-Films bleiben die ruhigen Minuten, welche er seinen Figuren, selbst denen der Nebendarsteller zugesteht. Mit einem Personal wie Maggie Smith, Michael Gambon, Ciarán Hinds und Warwick Davis wäre alles andere eine Verschwendung. Selbst wenn die Schlacht um Hogwarts mit fortlaufender Spielzeit als Klassentreffen nach zehn Jahren Zerstreuung  gelesen werden kann (eine wortlose Einstellung für Miriam „Professor Sprout“ Margolyes?), gibt sich Harry Potter 7.2 nur selten als pathetisches Massenspektakel in der Tradition von „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“. Grundsätzlich erzählt die Harry Potter-Reihe weniger vom epischen Kampf zwischen Gut und Böse, als vielmehr von ein paar Leuten, die Entscheidungen treffen und mit deren Folgen leben müssen. Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2 befriedigt deswegen nach all den Jahren voller übersteigerter Erwartungen als Film. Der weist ein paar allein gelassenen Jungs, die zu Doppelagenten, Auserwählten und Tyrannen heranwachsen, mehr Bedeutung zu als der Tatsache, dass ein ungemein erfolgreiches Franchise endet.


Zum Weiterlesen:

Kritiken zum Film bei Film-Zeit.de.

8 Antworten auf „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2“

  1. Dennoch bleibt vergleichsweise wenig auszusetzen an Harry Potter 7.2

    Kann ich zumindest für mich nicht behaupten. Sehe den 8. Film vielmehr als Tiefpunkt der Reihe. Was Yates beim 5. Film noch richtig gemacht hat, veraute er sich in den letzten drei Filmen größtenteils selbst (wobei viel, wenn nicht sogar die Hauptschuld, dass die Adaptionen enttäuschen, Steve Kloves zuzuschreiben ist). Wobei für die Potter-Filme wohl gilt: lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

  2. Was Kloves betrifft, sind wir wohl einer Meinung. Habe mir gestern den Orden nochmal angeschaut und war erneut schockiert, dass niemand die Fähigkeiten Goldenbergs erkannt hat.

  3. „Doch wenn die Filme ihre eigene Vorlage erfolgreich überwunden haben, war dies meist in jenen eng mit der Muggle-Realität verknüpften Momenten zu beobachten. Man denke nur an die fliegenden Zauberer über London, der aus dem Nichts erscheinende Dumbledore auf einem U-Bahnsteig und Hermine, die durch die menschenleere Vorstadt ihres früheren Heims läuft, nach dem sie sich aus den Erinnerungen ihrer Eltern gelöscht hat.“

    Diese Momente gehören tatsächlich zu der stärksten der Reihe und irgendwie ist mir gerade aufgefallen, das Yates eigentlich der einzige Regisseur ist, der diese regelmäßig und nicht nur zu Beginn des jeweiligen Schuljahrs in seine Filme integriert. Sehr schön und inspirierend beschrieben – auch allgemein!

  4. Danke! Das ist der große Verdienst von Yates. Cuaron hat die Steilvorlage geliefert, aber erst bei Yates wird offenbar, dass die Außenwelt so leicht nicht durch den Schutzwall Hogwarts verschwindet.

  5. Interessante Beobachtungen. Meist stehe ich mit meinen Vorlieben zu dieser meiner Meinung insgesamt sehr schwachen Filmreihe ja allein.

    Aber hier würde ich zum einen Flo Liebs Kommentar unterschreiben, dass Yates beim 5. Teil alles richtig machte (meiner Meinung nach der beste Film der Reihe, auch und vor allem von der Regieleistung gesehen), sich dann aber selbst zunehmend alles vermasselte. Der letzte Film war dann für mich auch der absolute Tiefpunkt der Reihe. Zum anderen, hast jenny Yates besondere Qualität in ihrem letzten Kommentar wunderbar auf den Punkt gebracht: Er glänzt wirklich wenn es darum geht die Figuren in einer (unserer) Realität zu verankern, und die besten Momente sind die, in denen Yates sie zweifeln und changieren lässt, zwischen den Welten, und ihnen innerhalb des ziemlich hermetischen Drehbuchkorsetts auch mal Luft zum atmen lässt.

    Als Adaptionen oder auch Neuinterpretationen des literarischen Stoffes sehe ich aber alle Filme (mit Einschränkungen beim Teil von Cuaron) als unfassbar gescheitert an. Das ist wirklich biederste und lustloseste „Stationenabarbeitung“, die vor allem auch Kloves als Drehbuchautor betreibt. Dass er es eigentlich (auch) anders kann, und es versteht komplexe Figuren und Kontexte zu entwerfen, hat er mit seinen frühen Drehbüchern aus den 80ern und 90ern bewiesen. Zudem offenbarte er sich für mich auch mit seinen beiden Regiearbeiten als wahrer Meister des US-amerikanischen Kinos. Was für eine Tragik, dass er damit aufgehört hat!!

    Ich hoffe nur er hat inzwischen soviel Geld verdient, dass er sich mal wieder an einen persönlichen Stoff heranwagt und diesen im Idealfall auch selbst verfilmt. Wäre nicht das erste Mal, dass ein begnadeter Filmemacher nach langer Abstinenz wieder auf den Regiestuhl zurückkehrt (siehe z.B. Malick oder Skolimowski).

  6. Ich würde sagen, dass 3 und 5 am ehesten die Filme sind, die für sich allein stehen können (3 wegen Cuaron, 5 weil er als einziger Nicht-Kloves so etwas wie eine filmische Erzählweise bereits im Drehbuch verankert hat, die sich stark von den Büchern unterscheidet). Insgesamt stehe ich der Reihe aber trotzdem positiv gegenüber, gerade weil über die Jahre immer wieder ein Ringen mit den Gegebenheiten des Franchise-Systems zu erkennen ist und sich aus dieser Reibung eben manchmal ganz wunderbare Einzelmomente ergeben, die ich als Potterhead, aber auch als Cineast nicht missen möchte.

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