Wollmilchcast #82 – Die Filme von Quentin Tarantino, von Reservoir Dogs bis The Hateful Eight

Vor dem Kinostart von Once Upon a Time in Hollywood widmen wir uns in einem neuen Podcast Quentin Tarantinos Regiearbeiten von Reservoir Dogs (1992) bis The Hateful Eight (2015). Der neue Film Tarantinos spielt also keine Rolle, dafür blicken wir zurück auf seine Wandlung, die entscheidenden Phasen seiner Karriere und finden unterschiedliche Ansichten zu Filmen wie Pulp Fiction oder Kill Bill, zu Tarantinos ästhetischen Qualitäten und mehr. Über Once Upon a Time … wird es noch eine ausführliche Episode geben, doch zunächst fragen wir, was eine Tarantino-Rente nach seinem 9. oder 10. Film für uns bedeuten würde. Viel Spaß!

Shownotes:

  • 00:01:40 – Was macht Quentin Tarantino als Filmemacher aus?
    • Spoiler von Reservoir Dogs bis The Hateful Eight im ganzen Podcast!
  • 00:33:26 – Die drei Phasen der Karriere von Quentin Tarantino
  • 01:25:32 – Der Regisseur als Frührentner

„Wollmilchcast #82 – Die Filme von Quentin Tarantino, von Reservoir Dogs bis The Hateful Eight“ weiterlesen

Diary of the Dave: Deleted Scenes 2010

2010 war ein erlebnis- wie auch filmreiches Jahr. Natürlich konnte nicht alles sofort in tiefsinnigen Formulierungen für die Ewigkeit festgehalten werden. Einige Ereignisse hätten aber durchaus eine gewisse intellektuelle Auseinandersetzung verdient, gingen jedoch in der Hitze des Gefechts verloren. An dieser Stelle ist es an der Zeit, sich an diejenigen kinematographischen Episoden zu erinnern, die es leider nicht ins Tagebuch geschafft haben. Meinen ganz persönlichen drei bemerkenswertesten Filmereignissen folgen sieben ehrenwerte Nennungen (chronologisch geordnet) und ein „Überraschungsbonus“.

1 Inglourious Basterds

„Inglourious Basterds“ war für mich DAS große Kinoereignis des Jahres 2009. Im Sommer 2010 konnte ich dieses wunderbare Erlebnis wiederholen, da der Film in meinem Lieblingskino (dem Lichthaus in Weimar) in der Open-Air-Reihe gezeigt wurde, und das sogar OmU. Nach dem Erwerb des Tickets und eines Getränkes ging es an Kinosaal 2 vorbei und raus ins Grüne. Auf der kleinen Grünfläche hinter dem Gebäude des ehemaligen Straßenbahndepots standen weiße Plastik-Gartenstühle. An den Gesprächen meiner Co-Kinogänger vor dem Beginn der Vorstellung konnte ich erkennen, dass auch die meisten von ihnen den Film nicht zum ersten Mal sahen und sich freuten (oder sich über die Vorstellung in OmU ärgerten, was wiederum meinen Zorn über diese bescheuerten Banausen hervorrief). Der Film begann schließlich. Die Zigaretten im Publikum qualmten. Zu fortgeschrittener Zeit konnte man riechen, dass nicht nur Tabak geraucht wurde. Unvergesslich wurde das ganze auch dadurch, dass ich nur die üblichen Klamotten trug, die ich auch sonst getragen hätte. Trotz des Hochsommers wurde es dann im Verlauf des Abends empfindlich kälter, spätestens bei der Szene über die Fragen der jeweiligen Identität in der Kellerkneipe. Der Film konnte aber durchaus davon ablenken. Sehr herzerwärmend und für mich eine Premiere war der Applaus des Publikums bei Beginn des Abspanns, nachdem Hans Landa das bekommen hatte, was er verdient (man stelle sich Hans Globke mit einer Narbe im Gesicht vor!). Mit schmerzenden Händen (ich hatte begeistert mitgeklatscht), völlig abgekühlt, aber trunken vor Freude verließ ich das Kino. Ich freue mich schon auf die nächste Kinovorstellung des Films im Jahre 2011!

2 Assault – Anschlag bei Nacht

Was als ein entspannter Filmnachmittag und -abend mit Bier, Antipasti und Chili con carne begann, entwickelte sich zu einer absurden und interaktiven (!) Filmvorführung, bei der die Unterscheidung zwischen den Filmschaffenden und dem Publikum weitestgehend verwischt wurde. In der Wohnung eines Kumpels, mit dem ich die Vorliebe für die Geschichte Osteuropas, Filme und scharfes Essen teile, wurde zunächst „Shoot‘ em up“ zum besten gegeben. Mit Chili con carne für ein ganzes Regiment ausgestattet, folgte „Wanted“. Ja, es war ein Tag für sinnlose, brutale, hirnverbrannte, frauenverachtende, urkomische, coole, sinnlose (hab ich wohl schon erwähnt) und wunderbar unterhaltsame Trash- und Ballerfilme. Mit der Ankunft von Stabsmitgliedern des Blogs (damals war ich selbst noch kein „the gaffer“-Mitarbeiter) wurde der Spaßfaktor noch erhöht, und zwar mit John Carpenters „Assault“ und der Interaktion eines diabolischen Schreiberlings mit dem Film. Vordergründig ein ziemlich düsterer, brutaler und humorloser Thriller, kann „Assault“ seine teils unfreiwillig komische, extrem trashige Ästhetik und die offensichtlichen Inkohärenzen im Plot nicht verbergen. Man muss den Mängeln des Filmes gegenüber einfach offen sein, dann ist er auch ein Genuss. Die bereits genannte Person mit teuflischem Hintergrund tat dies, indem sie spontan und live den Film mit einem improvisierten Audiokommentar und alternativen Dialogen begleitete. Dem Film konnte dadurch ganz neue Perspektiven entlockt werden, hauptsächlich über die sexuellen (oft auch homosexuellen) Motivationen der Charaktere. Auszüge aus diesem improvisierten Audiokommentar können an dieser Stelle (leider?) nicht zitiert werden. Pornographisch, geschmacklos, sexistisch, pubertär? Ja! Aber es war ein Riesenspaß. Und mein Blick auf „Assault“ ist für immer verändert!

3 Dead Man

Wie passen Hegel, Jarmusch, Bier und eine Knoblauch-Sauce, die einem für die nächsten 24 Stunden jegliches Sozialleben verbietet, zusammen? Eigentlich ganz gut! Philo-Kino war für mich im Frühling und Sommer dieses Jahres immer ein entspannendes Ereignis. Es wurde gegrillt, man aß mit Bekannten und Unbekannten zusammen Bratwürste, Steaks und Fetas. Dazu Bier und Wein. Um neun oder halb zehn fing der Film an. Für die meisten Anwesenden bedeutete das: Film-Gucken. Ein kleiner Kreis von Säufern, Musikfreaks und verlorenen Seelen zog sich hingegen in den Fachschaftsraum zurück, wo weiter getrunken und diskutiert wurde (meist eher über Neil Young als über Schopenhauer). Oft war ich Angehöriger der zweiten Gruppe. Nach dem Ende der Kino-Vorstellung gab’s für uns immer Resteessen (gratis Würste, Steaks und Kartoffeln mit der berüchtigten Knobi-Sauce). Und dann weiter trinken und quatschen bis in die Puppen. Einmal jedoch habe ich den Film tatsächlich geschaut: „Dead Man“. In einem Seminarraum mit Beamer und manchmal aussetzenden Boxen, mit deutscher Synchro, mit Leuten die ein und aus gehen, mit dem permanentem Gedränge bei der Getränkeausgabe und dem ständigen heiteren Flüstern lässt sich kaum von purem Kinogenuss sprechen. Aber das ist auch egal. Die Publikumsreaktionen auf die Gewaltszenen waren zumindest ähnlich wie im Kino. Nach der Vorstellung versuchte ein Fachschaftsmitglied, ordnungsgemäß eine Diskussion über den Film in Gang zu bringen, geleitet vom Semestermotto „Vergänglichkeit und [irgendetwas]“. Es entstand eine angeregte Meta-Diskussion, bei der letztlich der Diskussionsleiter verarscht wurde. Mein Banknachbar und ich traten mit tiefgreifenden Gedanken über die Bedeutung von Cole Wilsons ödipaler Ursünde hervor und fragten insbesondere nach der konkreten Reihenfolge ihrer drei Komponenten (Sex, Tod, Essen). Die Frage blieb unbeantwortet. Der Abend war aber ein voller Erfolg und klang wie immer im Raum der Fachschaft aus.

Die Nackte Kanone

Es muss nicht immer eine Kinoleinwand sein. Auch ein kleiner Laptop auf dem Tisch einer WG-Küche, um den sich vier Leute zwängen, kann reichen, denn diesen Film kann man auch mit dem piepsigen Ton der Notebook-Lautsprecher genießen. An diesem klirrend kalten Januarabend konnten wir nicht wissen, dass Leslie Nielsen das Ende des Jahres nicht mehr erleben würde. Durch Frank Drebin wird er aber immer unsterblich sein.

Armee im Schatten

Jean-Pierre Melville dekonstruiert in seiner Adaptation von Joseph Kessels autobiographischen Roman das Heldenbild der französischen Résistance. Diese wurde nicht durch Helden geprägt, sondern durch Menschen, die in einer Extremsituation zu extremen Mitteln griffen, oftmals gegen die eigenen Leute. Ein stilles, sperriges Meisterwerk, das sich wohl erst bei mehrmaligem Sehen voll entfalten wird.

Nokan

Ein wunderschöner Film über Zeremonien, Abschied, Trauer und Schmerz, der makabren Humor mit tiefer Emotionalität vermischt. Der Film des Jahres, bei dem ich am Schluss fast wie ein kleines Kind geheult habe. Oder doch nicht „fast“?

Hot Fuzz

Der zweite Teil der „Blood and Ice Cream“-Trilogie war mein Lacher des Jahres im Heimkino. Ein Plädoyer für die zügige Reparation baufälliger Gebäude, das die Lachmuskeln stark strapaziert.

Braindead

Morgens um halb drei in Jena… ich meine Sonntag Nachmittag kurz nach dem Aufstehen. Um mein postalkoholisches Intoxikationssyndrom zu bekämpfen, erschien mir ein hirnloser Splatterfilm genau richtig. Nichts hatte mich auf diese wunderbare Geschmacksverwirrung mit einem solch herrlichen 50er Jahre Teeny-Komödien-Charme, einem satirischen Blick auf dysfunktionale Familien und einer innovativen Anleitung zur Beseitigung lästiger Partygäste vorbereitet… Der ideale Katerfilm.

The Expendables

Dieses schweiß-, blut-, testosteron- und Botox-geschwängerte Machwerk war mein Kino-Lacher des Jahres. „The Expandables“ ist eine eindrucksvolle Demonstration dafür, dass man auch ohne sinnvolle Story und ausdrucksstarke (!) Charakterdarstellung (!!) viel Spaß im Kino haben kann: männliches Prügeln, Rumgeballer und Rumgeprotze reichen völlig aus. In der Nachdiskussion wurde für „töten“ das Synonym „wegrotzen“ sehr treffend geprägt.

Franziskus, der Gaukler Gottes

Mein neorealistisches Ereignis des Jahres war trotz des vordergründig religiösen Themas auch für einen bekennenden Atheisten wie mich interessant. Manche Episoden waren schwächer als andere. Die Bilder der Begegnung Francescos mit dem Leprakranken sind jedoch unvergesslich, einprägsam, unglaublich stark und bilden den Höhepunkt des Films.

Und das Nicht-Ereignis des Jahres

Das alljährliche internationale Très-Courts-Festival fand dieses Jahr nicht statt. Seit 2005 nahm das Lichthaus in Weimar immer im April bzw. Mai daran teil, mit den etwa 50 internationalen Ultrakurzfilmen (maximal drei Minuten) und einer regionalen Auswahl. Dieses Jahr nix… nächstes Jahr auch nix… Herzlichen Dank, liebe „große Koalition“ in Erfurt!

10 Jahre // 15 Favoriten (3)

Im letzten Teil meines Dekaden-Specials geht’s etwas mainstreamiger (lies: amerikanischer) zu, als in den anderen beiden. Wer sich einen Überblick verschaffen will über die Konkurrenz, kann sich meine MyMovies Liste der gesehenen Filme bei der IMDb ansehen, die natürlich allerdings nicht vollständig ist. Was hat die Zusammenstellung der Liste mir gebracht? Vor allem eine Konfrontation mit all den Filmen, die ich noch nicht gesehen habe. Die von Apichatpong Weerasethakul („Syndromes and a Century“) und den Gebrüdern Dardenne („Lornas Schweigen“) beispielsweise. Aber gerade deswegen macht man Listen, liest die Listen anderer Leute und diskutiert darüber.


Children of Men (J/USA/GB 2005)

Die besten Dystopien erschüttern uns in Mark und Bein, zeichnen das Bild einer Zukunft, die wir keinesfalls erleben wollen und verweisen so auf die gefährlichen Wurzeln, welche dafür in der Gegenwart gelegt werden. In einem mit einigen Dystopien versehenen Jahrzehnt, stellte Alfonso Cuaróns „Children of Men“ zweifellos den Höhepunkt dar. Denn keiner der anderen Genre-Beiträge wie „V wie Vendetta“ oder „Equilibrium“ vermochte es, eine vergleichbare Verzweiflung und Aussichtslosigkeit angesichts der Zustände in unserer Zukunft zu suggerieren. Dabei bedient sich Cuarón in erster Linie nicht einmal bei dem bekannten Motiv des Überwachungsstaates, wie es so viele andere seit Samjatins „Wir“ getan haben. Nichts weniger als das drohende Aussterben der Menschheit hat die Gesellschaft in ein Chaos gestürzt, wie es nur durch das latente Gefühl der Sinnlosigkeit des eigenen Daseins entstehen kann. Wenn nach uns nichts mehr kommt, warum noch dem Handeln Grenzen setzen? Terroristen jeder Couleur, ein drohender Aufstand im Inneren und ein rücksichtsloser Polizeistaat am Rande des Kollaps… Vor dem Hintergrund dieser Kulisse fällt es ausgerechnet dem resignierten Theo (Clive Owen) zu, das schwach glimmende Licht er Hoffnung vor dem Verlöschen zu bewahren.

Die allseitige Bedrohung in dieser Welt, in der keine Kinder mehr geboren werden, setzt Cuarón mit beachtlicher Selbstsicherheit bei der Wahl der stilistischen Mittel (u.a. die berühmten Plansequenzen) um, ohne der Gefahr zu erliegen, sich in selbstverliebten Spielereien zu sulen.

Ratatouille (USA 2007)

Gut zu essen, das ist eine wunderbare Angelegenheit. Die komplexe Gewürz-mischung einer Sauce auf der Zunge zergehen lassen. Die Geschmacks-explosionen im Gaumen nachverfolgen, genießen, ihre Ingredienzen erahnen. Wenn der Widerstreit scheinbar nicht kombinierbarer Sinneseindrücke im Mund beigelegt, der Genießende eines besseren belehrt wird, findet dieser sich schon bald im siebten Himmel wieder. Gutes Essen gehört zu den schönen Seiten des Lebens und der Akt des (liebevollen) Kochens übrigens auch. Nicht die sklavische Verehrung von Rezepten, sondern die instinktive Mischung, die abwegigen Eingebungen. Deswegen ist Kochen die vergänglichste aller Künste und seine Freuden – sowohl auf Seiten des Künstlers als auch des Konsumenten – unheimlich schwer medial ausdrückbar. Zumindest solange es kein Geruchs-/Geschmackskino gibt. Dass nun ausgerechnet Pixar einer der besten Filme über das Thema gelungen ist, kann aus heutiger Sicht kaum überraschen. Die können ja so gut wie alles. Wenn es um die Aufnahme in Bestenlisten geht, hatte „Ratatouille“ in den letzten zehn Jahren viel Konkurrenz aus dem eigenen Stall. „Wall-E“ mag (anfänglich) radikaler sein, „Die Unglaublichen“ bieten mehr Unterhaltung und „Oben“ ist ein einziger Stich ins Herz. Doch „Ratatouille“ ragt mit einer nahezu perfekten und v.a. gleichmäßig hochwertigen Erzählung heraus und kreiert aus einfachen Zutaten eine unerwartete Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Kunst für Mensch und Ratte. Classical Hollywood Cinema eben, wie es kaum noch zu finden ist. Hauptsächlich aber macht „Ratatouille“ eines: Appetit.

Zodiac (USA 2007)

Die Urkatastrophe des Serienkiller-Motivs ist bekanntlich Jack the Ripper und was hat ihn dazu gemacht? Nicht die Brutalität. Nicht die Kaltblütigkeit. Nicht die Opfer. Nicht der Ort. Whitechapel gehört zu den Zutaten genau wie die Prostituierten, die ihm zum Opfer gefallen sind, doch Jack the Ripper ist aus einem einzigen Grund zum Mythos geworden: Bis heute ist seine Identität unklar, denn er wurde nie gefasst. Darin gleicht ihm der Zodiac-Killer, dessen Verfolgung David Fincher seinen zweiten Ausflug in das Genre widmet. Hinzu kommen die Briefe und mit ihnen die seltsame Symbiose zwischen Killer und Presse, die problematische Kanonisierung der Opfer und damit letztlich die Ungewissheit. Gab es den Zodiac-Killer überhaupt? War es ein Täter, waren es mehrere? Fragen über Fragen, die Robert Graysmiths (Jake Gyllenhaal) Obsession füttern. Der Karikaturist und spätere Buchautor bewegt sich zunächst an der Peripherie der Ereignisse, müssten die eigentlichen Helden des Serienkillerfilms in diesem Fall doch der Inspektor David Toschi (Mark Ruffalo) oder der waghalsige Journalist Paul Avery (Robert Downey Jr.) sein. Graysmith avanciert jedoch bald zum Pendant all jener Ripperologen, deren Suche nach dem Mörder auch die Zeit nichts anhaben konnte. Das Genre auf seine Wurzeln zurückführend, zeichnet Fincher gleichzeitig ein stellenweise erschütterndes Bild der Taten und ihrer Auswirkungen auf San Francisco. Weniger reißerisch als viele Genrebeiträge (auch sein eigener „Sieben“), aber dafür eben ganz nah. Ein einfaches Picknick am See wird danach nie wieder dasselbe sein.

Che – Revolución & Guerilla (F/E/USA 2008)

Wäre „Ocean’s Eleven“ ein ernsthafter Arthouse-Film, würde er wahrscheinlich so ähnlich aussehen wie „Che“. Ein Film über professionelle Räuber, der von der Zusammenstellung des Teams bis zum Gelingen des Coups jeden Schritt minutiös nachzeichnet, eben weil Soderbergh, der Analytiker, dafür verantwortlich zeichnet. Was also war zu erwarten, als sich der Mann mit der abwechslungsreichen Filmografie daran machte, Che Guevara auf der Leinwand zu begegnen? Kein Biopic, denn „Che“ gehört  nicht zur „Erin Brokovich“-Sorte, sondern  entspringt vielmehr dem augenscheinlich entfremdenden „The Good German“-Soderbergh, der die Marketingabteilung des jeweiligen Studios gerne vor unlösbare Aufgaben stellt. Zum Ausklang eines Jahrzehnts, das von einem ganzen Biopic-Hype überfallen wurde, stellte sich Soderbergh gegen den Strom und lieferte statt der Aufarbeitung des Lebens einer Legende die Analyse zweier revolutionärer Kämpfe. Damit ist „Che“ eine der ungewöhnlichsten Annäherungsweisen an eine historische Persönlichkeit, da der filmische Doppelschlag sich der klassischen Narrativisierung des Lebensweges widersetzt. Es ist wohl einer der abgeklärtesten Blicke auf eine Legende, den man in Filmform finden kann. „In seinem Zweiteiler wühlt sich Soderbergh durch die Barrieren, welche die Mythenbildung mit sich bringt, um eine vielleicht nicht neue, aber vormals verschüttete Sicht auf Guevara zu gewähren. Er nähert sich dem Selbstbild eines Soldaten an, eines argentinischen Arztes, der in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts zum Revolutionär wurde und als solcher 1967 in Bolivien starb. „Guerilla“ beweist, dass Soderbergh der perfekte Regisseur für diesen Job ist.“

Inglourious Basterds (USA/D 2009)

Mein persönliches Kinoereignis des Jahres. Nicht nur wegen Christoph Waltz und Mélanie Laurent. Nicht nur wegen des „Es war einmal…“ und der Konsequenz, mit der Quentin Tarantino diese Idee bis zum Ende führt. Nicht nur wegen großartiger Bilder, wie dem in Flammen aufgehenden Riesengesicht, der Aschenputtel-Szene und den zwei Männern, die sich in einer Holzhütte gegenüber sitzen und reden. Was als Nazi-Klopperei in den Trailern verkauft wurde, entpuppt sich als Tarantinos bei weitem ehrgeizigstes Projekt. In jeder Sequenz, jeder Einstellung spürt man seine Ambition, ein Werk epischer Proportionen auf die Leinwand zu bannen und es ist ihm gelungen. „Inglourious Basterds“ beweist, dass sich der einstige Posterboy der Postmoderne längst in eigenen Sphären mit einem unüberschaubaren System der (Selbst-)Referenzialität bewegt. Tarantinos Sprache – seine narrativen und metaphorischen Codes – ist das Kino und wo andere seiner Werke sich in Richtung semiotischer Spielereien, deren Strukturen interessanter sind, als die vermeintlichen Lebewesen, die sie verkörperten, bewegten, ist „Inglourious Basterds“ nicht „nur“ ein Film, sondern totales Kino geworden. Eines, das Gehirn ebenso anspricht wie das Herz. Ein wunderbares Werk, das dem amerikanischen und italienischen Western ebenso viel zu verdanken hat, wie der BRD-Trilogie Fassbinders und damit mal eben kinematografisch den Atlantik zu überspannen weiß.

Kontrapunkt: Krieg dem Feind

Mal wieder ein martialischer Kontrapunkt, indem Nazis und Entführern auf die Omme gehauen und der repressiven Gesellschaft der Stinkefinger gezeigt wird. Im bildlichen Sinne, versteht sich.

Inglourious Basterds (USA/D/F 2009)

Vorsicht: Der Filmtitel schreibt sich aufgrund von Tarantinos Rechtschreibschwäche genau so und nicht anders. Unter dem „richtig“ geschriebenen Titel findet man nur ein italienisches Trash-Movie, an dem sich dieses Fast-Meisterwerk um eine amerikanisch-jüdische Truppe, die im Frankreich des 2. Weltkriegs auf Nazijagd geht, nur lose orientiert. Wieso nur Fast-Meisterwerk? Weil Tarantino sich wie eh und je nur in seinem eigenen Referenz-Universum verliert, welches von Western (grandios: die Anfangssequenz) über Exploitation (wenn anzunehmen ist, dass von den Basterds am Leben gelassene Nazis ihre Uniformen irgendwann auch mal ausziehen) bis hin zum leicht entzündlichen Filmmaterial und Kino (als Handlungsort) selbst reicht. Das ist zwar stylish postmodern, aber wirkt eben bei dem Fakt, dass keine wirkliche Geschichte existiert, seltsam nichtig. Ohne Christoph Waltz, der für mich ins Rennen um den Nebenrollen-Oscar 2010 gehört, wäre die Ansammlung von Absurditäten nur halb so hochklassig. [SPOILER] Dafür hätte ich gern auf das Dilettieren der nervigen Diane Kruger verzichtet, deren Ableben im Film man durchaus genießt. [SPOILER ENDE] Für die einen Kino pur und Tarantinos bester Film seit Langem, für die anderen nur der beste Film, der derzeit in den Kinos der Republik läuft.

96 Hours (F 2008)

Ein Ex-Secret Service-Spezialagent geht mit aller Gewalt gegen die Entführer seiner Tochter vor. Zugegebenermaßen ist Charaktermime Liam Neeson in diesem Rachethriller eher verschenkt, doch seine Leistung ist in all den brutalen Gekämpfe und Geballere nur als äußerst solide zu bezeichnen. Die weiteren Figuren (allen voran Famke Janssen als dessen Ex-Frau) lassen jedoch jegliche Konturen vermissen. Bei diesem ausgesprochen deftigen und – trotz aller Schlichtheit bei der Story – kurzweiligen Männerfilm nerven akut einzig verwackelte Handkameraaufnahmen, die man bei Actionszenen bei all den (Möchtegern-) Hollywoodregisseuren unter Strafe stellen sollte. Man merkt auch abseits der fernen Referenz an Profikiller Leon, der auch im Sessel schlief, dass Luc Besson seine Finger mit im Spiel hatte: an der Inszenierung gibt es sonst nichts zu mäkeln.

Der Baader Meinhof Komplex (D/F/CZ 2008)

Oder: Wie Bernd E. immer wieder versucht, mit überambitionierten Projekten endlich einen Oscar zu gewinnen. Immerhin hat es „Der Baader Meinhof Komplex“ nach „Der Untergang“ auch auf die Liste der Nominierten für den „Besten nicht-englischsprachigen Film“ der Academy geschafft, doch leiden beide Filme dramaturgisch unter ihren hohen Ansprüchen. Entweder bei der Rekonstruktion vom Ende des Dritten Reichs aus deutscher Sicht (und vielen Blickwinkeln) oder der Geschichte der den Kapitalismus bekämpfenden RAF von 1967 bis Hanns Schleyers Tod 1977. Semi-dokumentarisch, akribisch nach Stefan Austs gleichnamigem Bestseller und enorm vollgepackt mit Fakten, versteht sich. Für mich, dessen Geschichtsunterricht mit der Gründung zweier deutscher Staaten endete, war es durch die Vielzahl von Erzählsträngen, Geschehnissen und Figuren nur schwer möglich, immer folgen und sie in den Kontext setzen zu können. Zeitgeschichte kann also – so beweist der technisch nahezu perfekte Film – durchaus brisant sein, aber eben auch zu voraussetzungsreich und nur schwer verdaulich.

Inglourious Basterds (USA/D/F 2009)

„Die Ode an das Kino“ wird auch hier gern herangezogen, wenn alle anderen Worte zu versiegen beginnen, weshalb dieses Qualitätssiegel schnell Gefahr läuft, zur einfallslosen Platitüde zu verkommen. Doch wie soll man Quentin Tarantinos neuen Film anders umschreiben, wenn nicht mit diesen fünf Worten, die zumeist mehr von der Überwältigung des Kritikers berichten, als von den Eigenschaften des betreffenden Films. Inglourious Basterds ist leider ein Werk, mit dessen Genuss diese adrenalingeladene Überwältigung einhergeht, weshalb hier auf eine einfallsreiche Umschreibung verzichtet und erneut auf obiges Klischee zurückgegriffen wird: „Basterds“ ist nicht nur eine Ode an das Kino, er ist pures Kino.
Den Filmen des Ex-Videothekars – das scheint Konsens der meisten Rezensenten – liegt es nicht im Sinn, sich der Realität anzunähern. Tarantino dreht Filme über Genres, kreiert eigene Popkulturuniversen, schreibt ausschließlich in eben solchen stattfindende Dialoge, welche nicht von Menschen, sondern figurativen Skizzen vorgetragen werden. Seine Filme strotzen vor Gewalt, doch führt er keinen Diskurs über diese. Das Blut ist da, die abgetrennten Gliedmaßen, doch in wessen Hand auch immer sie liegt, die Gewalt bleibt meist ohne Ambivalenz. Wenn Vic Vega einem Polizisten ein Ohr abtrennt, dann ist das vielleicht schockierend, aber zu solchen Mitteln greifen soziopathische Anzugträger im „Reservoir Dogs“-Universum nun einmal. Schlachtet Beatrix Kiddo dutzende ihrer Gegner auf ihrem Weg zu Bill ab, ist es ein Zeichen ihrer Meisterschaft mit dem Schwert oder einfach so cool, wie es die Inszenierung verlangt. Tarantino fordert uns nicht auf, unser Sehverhalten zu hinterfragen, vielmehr ringt er Bewunderung ab, ein Oh und ein Ah und ein paar Lacher. Es ist jedoch stets die distanzierte Betrachtung eines virtuos gewebten Netzes der Referenzen und überraschenden Verzweigungen.

Ja, mit „Basterds“ hat er sich in den oben beschriebenen Punkten gewandelt. Nein, es ist ihm nicht plötzlich aufgegangen, dass er sein soziales Gewissen auf Zelluloid bannen muss. Inglourious Basterds ist kein Film über den Zweiten Weltkrieg und auch keiner über die Shoah. Hier soll daher nicht spekuliert werden, ob und inwiefern Tarantinos  oftmals unterstellte Annäherung an dieses dunkle Kapitel menschlicher Geschichte nun die richtige, mögliche oder schlichtweg falsche Darstellung der Ereignisse in sich trägt. „Basterds“ ist ganz offensichtlich eine Fiktion und zieht durch seine Natur höchstens die uns in Erinnerung gebliebenen Bilder anderer Darstellungen von Nazis, G.I.’s und Juden in anderen Filmen hervor. Wir gleichen ab und erkennen Unterschiede, sind zufrieden oder nicht. Zwar mag der Film eine Rachefantasie sein, die nur im Kontext des Wissens um das Grauen der tatsächlich geschehenen Verbrechen ihre volle Kraft entfaltet, doch es ist und bleibt eine Fantasie, in ihrem Kern enthoben jeglicher Verankerung in historischen Ereignissen abseits der Filmgeschichte. So bemüht sich Tarantino nicht, mit Hilfe unzähliger Quellen das Eigenschaften- und Manierismenbündel Hitler darzustellen, wie es andere Filme vor ihm getan haben. Vielmehr zeichnet Schauspieler Martin Wuttke, ebenso wie Sylvester Groth mit seinem Goebbels, eine lächerliche Karikatur einer Filminterpretation einer historischen Persönlichkeit namens Adolf Hitler. Ähnlich „grob“ arbeiten häufig Satiren, doch Tarantinos in „Basterds“ geschaffene Welt entbehrt ansonsten der ironischen oder auch nur kritischen Überzeichnung. Sein Europa vor der Kulisse des Zweiten Weltkriegs ist hingegen ein kinematografisch zusammengesetzter Märchenschauplatz. Da spazieren französische Bauern durch die Westernlandschaft eines John Ford, wird ausgerechnet ein Filmkritiker für einen Geheimauftrag ins Feindesland geschickt und David Bowies „Putting out Fire“ aus Paul Schraders „Cat People“ begleitet Racheengel und Kinobesitzerin Shosanna (eine Entdeckung: Mélanie Laurent) bei den Vorbereitungen zu ihrer tödlichen Mission. Häufig fehlen Verbindungsstellen einzelner Handlungsstationen, es ist eben nicht nötig, zu erklären, wie eine dem Tode entronnene Jüdin im besetzten Frankreich zu einem Lichtspielhaus kommt. In diesem Universum ist es denkbar, filmbar, machbar.

Keine Apologie des Werkes eines filmbegeisterten Jungen, der nur spielen will, soll das hier jedoch sein. Tarantino bringt mehr als nur ein Genre-Pastiche. Zugegeben, ein paar seiner eher überflüssigen Markenzeichen hat er auch hier untergebracht. Das Hugo Stieglitz-Zwischenspiel sticht beispielsweise im falschen Moment äußerst unangenehm hervor. Was in seinen anderen Filmen aber clever ist, erscheint in „Basterds“ plötzlich schlau. Todernst ist die in fünf Kapitel unterteilte Geschichte trotz aller Lacher, welche überdimensionierte Pfeifen und hysterische Bingos hervorrufen. Über Christoph Waltz und seinen Hans Landa wurde viel geschrieben. Soviel sei gesagt: Er ist so brillant, wie die Vorschusslorbeeren es verheißen, doch wird seine Leistung keinesfalls von diesen erdrückt. Der SS-Mann Landa ist wohl zum einen Tarantinos größte Schöpfung, auf der anderen Seite aber die Personifizierung des gesamten Films. Ein Mann, der genüsslich und ein bisschen ulkig übertrieben seinen Strudel mampft, um dann lieblos seine Zigarette darin zu versenken. Einer, der im selben Atemzug mit Worten betört und bedroht. „Basterds“ ist schließlich kein cooler Actionfilm und das nicht nur auf Grund der zahlreichen Verhörsituationen, welche Tarantinos Sunspense-Qualitäten in Wort wie Bild zum Vorschein bringen. Vollzogen wird die Rache, wird das groß angekündigte „Nazis töten“ in einem ambivalenten Gewand. Für die von Aldo Raine (Brad Pitt) angeführten Basterds sind alle deutschen Soldaten Schergen Hitlers, würdig einzig der Bestrafung. Anders wäre ihr brutaler Schlachtzug kaum zu begründen. Aber wenn Tarantino sie nicht darzustellen versucht, so weiß er doch, dass sie existiert, die Wirklichkeit.

Deshalb ist die Rache der Basterds kein Spaß, deshalb zeigt er die Skalpierungen, die hemmungslos orgiastischen Bleigewitter, die Verstümmlungen, die ohne Rücksicht auf Schuld oder Unschuld der Opfer vor sich gehen. Deshalb macht er keine Gefangenen. Inglourious Basterds preist die Macht der Fiktion, die Macht der Bilder, ist Kino durch und durch. Gereift, wie der Regisseur und Autor nunmehr ist, führt die Blutspur der Basterds durch Frankreich bis ins Fegefeuer eines Pariser Kinos, in dem der Jubel des Publikums alsbald von unserem abgelöst wird, um schlussendlich im Schock zu ersterben. Das sich rächende Riesengesicht, es schaut auch auf uns.