Inglourious Basterds (USA/D/F 2009)

„Die Ode an das Kino“ wird auch hier gern herangezogen, wenn alle anderen Worte zu versiegen beginnen, weshalb dieses Qualitätssiegel schnell Gefahr läuft, zur einfallslosen Platitüde zu verkommen. Doch wie soll man Quentin Tarantinos neuen Film anders umschreiben, wenn nicht mit diesen fünf Worten, die zumeist mehr von der Überwältigung des Kritikers berichten, als von den Eigenschaften des betreffenden Films. Inglourious Basterds ist leider ein Werk, mit dessen Genuss diese adrenalingeladene Überwältigung einhergeht, weshalb hier auf eine einfallsreiche Umschreibung verzichtet und erneut auf obiges Klischee zurückgegriffen wird: „Basterds“ ist nicht nur eine Ode an das Kino, er ist pures Kino.
Den Filmen des Ex-Videothekars – das scheint Konsens der meisten Rezensenten – liegt es nicht im Sinn, sich der Realität anzunähern. Tarantino dreht Filme über Genres, kreiert eigene Popkulturuniversen, schreibt ausschließlich in eben solchen stattfindende Dialoge, welche nicht von Menschen, sondern figurativen Skizzen vorgetragen werden. Seine Filme strotzen vor Gewalt, doch führt er keinen Diskurs über diese. Das Blut ist da, die abgetrennten Gliedmaßen, doch in wessen Hand auch immer sie liegt, die Gewalt bleibt meist ohne Ambivalenz. Wenn Vic Vega einem Polizisten ein Ohr abtrennt, dann ist das vielleicht schockierend, aber zu solchen Mitteln greifen soziopathische Anzugträger im „Reservoir Dogs“-Universum nun einmal. Schlachtet Beatrix Kiddo dutzende ihrer Gegner auf ihrem Weg zu Bill ab, ist es ein Zeichen ihrer Meisterschaft mit dem Schwert oder einfach so cool, wie es die Inszenierung verlangt. Tarantino fordert uns nicht auf, unser Sehverhalten zu hinterfragen, vielmehr ringt er Bewunderung ab, ein Oh und ein Ah und ein paar Lacher. Es ist jedoch stets die distanzierte Betrachtung eines virtuos gewebten Netzes der Referenzen und überraschenden Verzweigungen.

Ja, mit „Basterds“ hat er sich in den oben beschriebenen Punkten gewandelt. Nein, es ist ihm nicht plötzlich aufgegangen, dass er sein soziales Gewissen auf Zelluloid bannen muss. Inglourious Basterds ist kein Film über den Zweiten Weltkrieg und auch keiner über die Shoah. Hier soll daher nicht spekuliert werden, ob und inwiefern Tarantinos  oftmals unterstellte Annäherung an dieses dunkle Kapitel menschlicher Geschichte nun die richtige, mögliche oder schlichtweg falsche Darstellung der Ereignisse in sich trägt. „Basterds“ ist ganz offensichtlich eine Fiktion und zieht durch seine Natur höchstens die uns in Erinnerung gebliebenen Bilder anderer Darstellungen von Nazis, G.I.’s und Juden in anderen Filmen hervor. Wir gleichen ab und erkennen Unterschiede, sind zufrieden oder nicht. Zwar mag der Film eine Rachefantasie sein, die nur im Kontext des Wissens um das Grauen der tatsächlich geschehenen Verbrechen ihre volle Kraft entfaltet, doch es ist und bleibt eine Fantasie, in ihrem Kern enthoben jeglicher Verankerung in historischen Ereignissen abseits der Filmgeschichte. So bemüht sich Tarantino nicht, mit Hilfe unzähliger Quellen das Eigenschaften- und Manierismenbündel Hitler darzustellen, wie es andere Filme vor ihm getan haben. Vielmehr zeichnet Schauspieler Martin Wuttke, ebenso wie Sylvester Groth mit seinem Goebbels, eine lächerliche Karikatur einer Filminterpretation einer historischen Persönlichkeit namens Adolf Hitler. Ähnlich „grob“ arbeiten häufig Satiren, doch Tarantinos in „Basterds“ geschaffene Welt entbehrt ansonsten der ironischen oder auch nur kritischen Überzeichnung. Sein Europa vor der Kulisse des Zweiten Weltkriegs ist hingegen ein kinematografisch zusammengesetzter Märchenschauplatz. Da spazieren französische Bauern durch die Westernlandschaft eines John Ford, wird ausgerechnet ein Filmkritiker für einen Geheimauftrag ins Feindesland geschickt und David Bowies „Putting out Fire“ aus Paul Schraders „Cat People“ begleitet Racheengel und Kinobesitzerin Shosanna (eine Entdeckung: Mélanie Laurent) bei den Vorbereitungen zu ihrer tödlichen Mission. Häufig fehlen Verbindungsstellen einzelner Handlungsstationen, es ist eben nicht nötig, zu erklären, wie eine dem Tode entronnene Jüdin im besetzten Frankreich zu einem Lichtspielhaus kommt. In diesem Universum ist es denkbar, filmbar, machbar.

Keine Apologie des Werkes eines filmbegeisterten Jungen, der nur spielen will, soll das hier jedoch sein. Tarantino bringt mehr als nur ein Genre-Pastiche. Zugegeben, ein paar seiner eher überflüssigen Markenzeichen hat er auch hier untergebracht. Das Hugo Stieglitz-Zwischenspiel sticht beispielsweise im falschen Moment äußerst unangenehm hervor. Was in seinen anderen Filmen aber clever ist, erscheint in „Basterds“ plötzlich schlau. Todernst ist die in fünf Kapitel unterteilte Geschichte trotz aller Lacher, welche überdimensionierte Pfeifen und hysterische Bingos hervorrufen. Über Christoph Waltz und seinen Hans Landa wurde viel geschrieben. Soviel sei gesagt: Er ist so brillant, wie die Vorschusslorbeeren es verheißen, doch wird seine Leistung keinesfalls von diesen erdrückt. Der SS-Mann Landa ist wohl zum einen Tarantinos größte Schöpfung, auf der anderen Seite aber die Personifizierung des gesamten Films. Ein Mann, der genüsslich und ein bisschen ulkig übertrieben seinen Strudel mampft, um dann lieblos seine Zigarette darin zu versenken. Einer, der im selben Atemzug mit Worten betört und bedroht. „Basterds“ ist schließlich kein cooler Actionfilm und das nicht nur auf Grund der zahlreichen Verhörsituationen, welche Tarantinos Sunspense-Qualitäten in Wort wie Bild zum Vorschein bringen. Vollzogen wird die Rache, wird das groß angekündigte „Nazis töten“ in einem ambivalenten Gewand. Für die von Aldo Raine (Brad Pitt) angeführten Basterds sind alle deutschen Soldaten Schergen Hitlers, würdig einzig der Bestrafung. Anders wäre ihr brutaler Schlachtzug kaum zu begründen. Aber wenn Tarantino sie nicht darzustellen versucht, so weiß er doch, dass sie existiert, die Wirklichkeit.

Deshalb ist die Rache der Basterds kein Spaß, deshalb zeigt er die Skalpierungen, die hemmungslos orgiastischen Bleigewitter, die Verstümmlungen, die ohne Rücksicht auf Schuld oder Unschuld der Opfer vor sich gehen. Deshalb macht er keine Gefangenen. Inglourious Basterds preist die Macht der Fiktion, die Macht der Bilder, ist Kino durch und durch. Gereift, wie der Regisseur und Autor nunmehr ist, führt die Blutspur der Basterds durch Frankreich bis ins Fegefeuer eines Pariser Kinos, in dem der Jubel des Publikums alsbald von unserem abgelöst wird, um schlussendlich im Schock zu ersterben. Das sich rächende Riesengesicht, es schaut auch auf uns.

17 Antworten auf „Inglourious Basterds (USA/D/F 2009)“

  1. Zwei Anmerkungen:
    Brad Pitt im weißen Smoking als etwas wortkarger Italiener – da stellt man ihn sich unweigerlich in der Rolle des „Paten“ vor… und verwirft den Gedanken im selben Moment.
    Sensationell (oder nur Zufall?): Die Parodie auf Bob Ross. Hitlers erstes Erscheinen wird untermalt von einem überambitionierten Wuschelkopf-Maler. Könnte das der Meister des „Joy of Painting“ sein? Wir wissen es nicht.

  2. Ja, Ja, Ja. Ein unbeschreiblicher Film, auch wenn ich ihm die Bestnote gerade wegen der tarantioesken Manirismen verwehren mußte. Die hätte es verdammt noch mal gar nicht gebraucht. Für mich ist die Entlarvung von Protagonist und Antagonist im letztem Kapitel das schönste Geschenk Tarantinos überhaupt (bezogen auf das Genre). Das ist nihilistisch, zynisch und gleichzeitig so ehrlich. Und er bringt es auch noch zweimal kurz hintereinander. Erstens bei der Begegnung zwischen Raine und Landa im Kinofoyer und zweitens wenn Landa nicht mit Raine die Bedingungen für seinen Verrat aushandelt, sondern mit Raines Vorgesetzten am Funkgerät. Ich empfand das soetwas von mutig seitens Tarantino, er stiehlt dem Publikum die Helden. Raine bleibt nur noch Landas Skarifizierung mit dem Hakenkreuz. Was in Verbindung mit dem Wissen um die historische Realität noch einmal eine ganz andere Dimension erhält. Dagegen kann sich Tarantinos Movie Movie Philosophie nicht wehren. Und ich glaube auch nicht, daß er das wirklich möchte.^^

  3. @Alex: An den Paten hab ich auch denken müssen. Der Pitt und die ganze Szene waren einfach köstlich. Ebenso wie die Einstellung mit dem überdimensionierten Hitler-Bild. Darin war der Lockenkopf tatsächlich sehr auffällig.^^

    @tumulder: Das schöne an dem Film ist ja, dass er uns den Raum gibt, bei der Interpretation mit unserem Wissen um die historische Realität zu hantieren und am Ende verlockt er uns eben dazu. Aber niemals nimmt er uns in dieser Hinsicht die Denkarbeit ab.

  4. Sehr schön geschrieben! =)

    Ich muss den Film echt noch einmal schauen. Bei den vielen Lobeshymnen fühl ich mich mit meiner Bewertung irgendwie fehl am Platz :D

  5. Mal ganz nebenbei: Ich frage mich ernsthaft warum es Leute gibt, die zwanghaft eine Diskussion über die Prämisse des Film anfangen müssen. Tarantino legt einem doch den Schlüssel quasi von Beginn an in die Hand. Sein erster Satz: „Es war einmal“. Offensichtlicher geht es doch gar nicht mehr. :)

    PS: Schöne Besprechung. Mir gefällt das mit dem rächenden Risengesicht, das auf uns schaut. Obwohl ich glaube, dass dieses Gesicht bei uns im Kino auf den Kerl neben mir geschaut hat, der mich die ganze Zeit mit seiner Chipstüte genervt hat. :D

  6. „Ich frage mich ernsthaft warum es Leute gibt, die zwanghaft eine Diskussion über die Prämisse des Film anfangen müssen.“

    Meinst du den Umgang mit Hitler oder den Umgang mit Juden oder beides?

    Gäbe es keine Diskussionen über den Film, würde ich mir ehrlich gesagt Sorgen machen. Dass der Märchenstatus des Films noch nicht die Diskussion über den generellen Umgang mit Hitler im Film verhindert, finde ich äußerst löblich. Gerade hierzulande kann die Auseinandersetzung mit dem Werk deswegen nur förderlich sein, sofern die Gegenstimmen entsprechende Argumente ins Feld führen (abseits von „das geht einfach nicht“), welche die Natur des Films berücksichtigen.

    In den USA wird angesichts der mordlüsternen Basterds mit härteren Bandagen diskutiert: http://www.theauteurs.com/notebook/posts/925 (3. Absatz)

  7. Hm, also ich bin dieser Diskussion die zwanghaft danach fragt, ob „man das darf“ (bzgl. Hitler/Geschichtsverfälschung) überdrüssig. Natürlich darf man das, auch wenn Kunst natürlich Grenzen kennen muss, die Tarantino meiner Meinung nach aber noch einmal angetastet hat. Wir müssen (also der deutsche Film) mal langsam davon weg, dass wir unsere Filme nur mit doppeltem Netz und Boden erzählen können. Letztes Beispiel „John Rabe“: Ohne verblendeten Nazi und – sry – „Qutoen-Jude“, die dem letztem Depp die Intention des Films verklickern, geht es bei uns offensichtlich nicht – und wird es auch niemals gehen, wenn man gleich errschreckt aufschreit wenn da ein Tarantino kommt und Hitler in einem Kino in die Luft jagt.

  8. Wer dem Film Geschichtsverfälschung vorwirft, hat ihn, wie du in deinem ersten comment angemerkt hast, nicht gesehen. Insofern geht diese Diskussion ins Leere.
    Eine wesentliche Frage, welche der Film stellt, ist eigentlich komplizierter, denn es geht ja um den Umgang mit Erinnerungs(pop)kultur. Die Basterds töten schließlich nicht Hitler (und obsiegen über die Geschichte), sondern einen lächerlichen Hitler-Cartoon, wie er vielleicht in unseren Köpfen nach Ansicht zuvieler Filme und Aufnahmen seiner Reden entsteht. Ich sehe den Film und seine Herangehensweise deshalb nicht als Ersatz einer realistischen Herangehensweise (wie sie Hirschbiegel versucht hat), welche historische Authentizität zu simulieren sucht und Hitler als menschliches Wesen anerkennt. Ebenso gilt die Rachefantasie letztendlich einem offensichtlichen Klischee der Nazis, welches nur bedingt im Film umgesetzt wird, nämlich nur bei den Führungspersonen, das ist einer der Gründe dafür, dass die Gewalt im Kino umso weniger angenehm entladend ist. Wie Seeßlen in seinem Buch einleuchtend anmerkt: Dem richtigen Hitler hätte Frederik Zoller als Held nicht behagt.

    EDIT: Du hast natürlich recht, dass die Nazi-Dramaturgie á la John Rabe den deutschen Film nicht gerade weiterbringt. ;)

  9. Die Basterds töten schließlich nicht Hitler (und obsiegen über die Geschichte), sondern einen lächerlichen Hitler-Cartoon, wie er vielleicht in unseren Köpfen nach Ansicht zuvieler Filme und Aufnahmen seiner Reden entsteht.

    Exakt. Nichts anderes habe ich bei mir geschrieben: „Und so ist die Geschichte die er in „Inglourious Basterds“ erzählen möchte, eine Wunschphantasie die ebenso naiv wie verständlich ist: Die Kraft der Imagination – in diesem Fall das Kino – siegt über das Böse, siegt dort wo die Realität versagt hat. Und es stimmt schon: Wenn Tarantino am Ende von „Inglourious Basterds“ das Kino, also quasi sein Heiligtum, sein ganz persönlicher Tempel, in Flammen aufgehen lässt und der versammelten Nazi-Entourage um Hitler, Goebbels und Göring die Lichter ausbläst, dann ist das nicht nur ein gewaltiges Opfer eines an seine Existenz glaubendes Märchens, sondern auch das dezidierte Verlangen eines sich durch sich selbst befreiendes Kinos, das die Aufforderung zur Unterhaltung, die Spaß machen und nicht belehren soll, in sich trägt. In dem kleinen französischen Kino brennen nämlich nicht zuvorderst der historische Hitler oder der historische Goebbels, gehen nicht die historischen Embleme, Standarten und Symbole des nationalsozialistischen Terrorregimes in Flammen auf, sondern das oftmals verzerrte Bild des Dritten Reichs, das die Filmgeschichte in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht und kultiviert hat.“

    Konsens also. :)

  10. Ich halte die ganze Konzentration auf die Dritte Reich Thematik, gerade auch wie sie Seeßlen betreibt, einfach für eitel. Wer genau hinschaut wird bemerken, daß man Tarantinos Nazis auch mit jedem anderem Horrorregime der Kriegsfilmgeschichte austauschen könnte. Ich meine Tarantino bezieht sich viel mehr auf die Topoi des Kriegsfilms an sich. Hier stehen doch viel mehr die Manirismen des Kriegsfilms (der in seiner Gesamtheit auch immer schon Transporteur von Ideologie war, ist und vielleicht auch noch viele Jahrzehnte sein wird) im Mittelpunkt. Tarantino erzählt doch schon seit eh und je mehr durch Gestik und Form, als durch Story. Man muß jede einzelne Szene für sich betrachten. Ganz klar, sonst wird man nie mit seinen Filmen zurecht kommen.

  11. Nun ja, ich würde sagen, das eine bedingt hier das andere, denn Tarantinos Auseinandersetzung mit dem Kriegsfilm berührt eben hierzulande anscheinend immer noch offene Wunden (ist ja auch verständlich), während in der US-Blogosphäre beispielsweise die Darstellung der Juden viel sensibler aufgenommen und diskutiert wurde und wird (z.B. durch Jonathan Rosenbaum). Man könnte den Film aber ebenso als Tarantinos Kommentar zur amerikanischen Politik nach dem 11.09. lesen. Anders als in seinen anderen Filmen über Genres (Kill Bill, Death Proof z.B.) ist bei IB der Deutungshorizont größer.

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