Kontrapunkt: Krieg dem Feind

Mal wieder ein martialischer Kontrapunkt, indem Nazis und Entführern auf die Omme gehauen und der repressiven Gesellschaft der Stinkefinger gezeigt wird. Im bildlichen Sinne, versteht sich.

Inglourious Basterds (USA/D/F 2009)

Vorsicht: Der Filmtitel schreibt sich aufgrund von Tarantinos Rechtschreibschwäche genau so und nicht anders. Unter dem „richtig“ geschriebenen Titel findet man nur ein italienisches Trash-Movie, an dem sich dieses Fast-Meisterwerk um eine amerikanisch-jüdische Truppe, die im Frankreich des 2. Weltkriegs auf Nazijagd geht, nur lose orientiert. Wieso nur Fast-Meisterwerk? Weil Tarantino sich wie eh und je nur in seinem eigenen Referenz-Universum verliert, welches von Western (grandios: die Anfangssequenz) über Exploitation (wenn anzunehmen ist, dass von den Basterds am Leben gelassene Nazis ihre Uniformen irgendwann auch mal ausziehen) bis hin zum leicht entzündlichen Filmmaterial und Kino (als Handlungsort) selbst reicht. Das ist zwar stylish postmodern, aber wirkt eben bei dem Fakt, dass keine wirkliche Geschichte existiert, seltsam nichtig. Ohne Christoph Waltz, der für mich ins Rennen um den Nebenrollen-Oscar 2010 gehört, wäre die Ansammlung von Absurditäten nur halb so hochklassig. [SPOILER] Dafür hätte ich gern auf das Dilettieren der nervigen Diane Kruger verzichtet, deren Ableben im Film man durchaus genießt. [SPOILER ENDE] Für die einen Kino pur und Tarantinos bester Film seit Langem, für die anderen nur der beste Film, der derzeit in den Kinos der Republik läuft.

96 Hours (F 2008)

Ein Ex-Secret Service-Spezialagent geht mit aller Gewalt gegen die Entführer seiner Tochter vor. Zugegebenermaßen ist Charaktermime Liam Neeson in diesem Rachethriller eher verschenkt, doch seine Leistung ist in all den brutalen Gekämpfe und Geballere nur als äußerst solide zu bezeichnen. Die weiteren Figuren (allen voran Famke Janssen als dessen Ex-Frau) lassen jedoch jegliche Konturen vermissen. Bei diesem ausgesprochen deftigen und – trotz aller Schlichtheit bei der Story – kurzweiligen Männerfilm nerven akut einzig verwackelte Handkameraaufnahmen, die man bei Actionszenen bei all den (Möchtegern-) Hollywoodregisseuren unter Strafe stellen sollte. Man merkt auch abseits der fernen Referenz an Profikiller Leon, der auch im Sessel schlief, dass Luc Besson seine Finger mit im Spiel hatte: an der Inszenierung gibt es sonst nichts zu mäkeln.

Der Baader Meinhof Komplex (D/F/CZ 2008)

Oder: Wie Bernd E. immer wieder versucht, mit überambitionierten Projekten endlich einen Oscar zu gewinnen. Immerhin hat es „Der Baader Meinhof Komplex“ nach „Der Untergang“ auch auf die Liste der Nominierten für den „Besten nicht-englischsprachigen Film“ der Academy geschafft, doch leiden beide Filme dramaturgisch unter ihren hohen Ansprüchen. Entweder bei der Rekonstruktion vom Ende des Dritten Reichs aus deutscher Sicht (und vielen Blickwinkeln) oder der Geschichte der den Kapitalismus bekämpfenden RAF von 1967 bis Hanns Schleyers Tod 1977. Semi-dokumentarisch, akribisch nach Stefan Austs gleichnamigem Bestseller und enorm vollgepackt mit Fakten, versteht sich. Für mich, dessen Geschichtsunterricht mit der Gründung zweier deutscher Staaten endete, war es durch die Vielzahl von Erzählsträngen, Geschehnissen und Figuren nur schwer möglich, immer folgen und sie in den Kontext setzen zu können. Zeitgeschichte kann also – so beweist der technisch nahezu perfekte Film – durchaus brisant sein, aber eben auch zu voraussetzungsreich und nur schwer verdaulich.

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Lutz Granert (30) hat dasselbe studiert wie die Chefin. Die mal nicht ganz ernst gemeinte, mal tiefgründige Rubrik "Kontrapunkt" ist seit November 2008 legendär. Seit April 2012 ist er Chefredakteur beim multimania-Magazin. Bei Twitter kann man ihm folgen.

12 Antworten auf „Kontrapunkt: Krieg dem Feind“

  1. Ich glaube, man sollte Tarantinos Freude an Referenzen nicht über einen Kamm scheren und gerade bei Basterds nicht, was ich an anderer Stelle schon ausführlich erläutert habe.
    Zur Handlung: der Film ist übrigens in insgesamt rund 15 Szenen(!) erzählt (hab die genaue Zahl gerade nicht im Kopf). Bedenkt man seine Länge ist das erstaunlich. Die „Handlung“ findet deswegen in den Dialogen statt und die wiederum sind brillant. That’s it.

  2. „Ich glaube, man sollte Tarantinos Freude an Referenzen nicht über einen Kamm scheren und gerade bei Basterds nicht, was ich an anderer Stelle schon ausführlich erläutert habe.“

    Inwiefern? Ich habe in deiner Kritik herausgelesen, dass JEDER Tarantino-Film SEIN EIGENES UNIVERSUM schafft, ok. Auch ist es eben Fakt, dass jedes davon eben aus – wenn auch unterschiedlichen – Referenzen/Referenzstrukturen besteht. Und ich verstehe nicht, was nun in Bezug darauf in „Inglourious Basterds“ deines Erachtens besser sein soll und sich gewandelt hat. Es ist die möglicherweise fiktivste aller seiner geschaffenen Welten und mag dadurch dem Kino als Ort, wo Träume produziert werden, zustreben, aber nur aus diesem Verweis, dieser Parallele heraus finde ich das wenig stichhaltig.

    (BTW: Weitere Diskussionen am besten dann als Kommentar zu deiner Kritik, weil dann wsl. passender.)

  3. Zur „Handlung“: Auf die Struktur bist du ja bei dir gar nicht eingegangen. Und ich würde mal das Gegenteil behaupten: In Tarantinos Filmen gibt es stets sehr viel tote Zeit, in der nur gelabert wird, aber effektiv nichts passiert oder keine Handlung rekonstruiert wird. Ich erinnere nur an die elendig langen Dialoge in der Kellerkneipe bis endlich mal die Neger-Pointe fällt oder August Diehl die Leute sozusagen enttarnt. Das ist zwar schon irgendwie spannend oder erzeugt zumindest Spannung, aber über diesen Zweck hinaus frage ich mich, wozu es dient. Die Geschichte mit dem frisch gebackenen Vater wird später auch nicht mehr aufgegriffen, ist also auch komplett überflüssig.

  4. @luzifus
    Die Geschichte mit dem frisch gebackenen Vater wird später auch nicht mehr aufgegriffen, ist also auch komplett überflüssig.

    Aber das ist doch einfach falsch. Die Geschichte mit dem frisch gewordenen Vater funktioniert doch auf zweifacher Ebene. 1. Untergräbt Tarantino mit seinen Tod durch die Basterds den Heldenstatus seiner Agenten. Der Soldat ist unschuldig, man nimmt einem Kind den Vater etc. (Kriegshelden Topos) und 2. setzt er ihn halt auf der dramaturgischen Ebene ein. Überflüssig ist das nur, wenn man den Film aus der Sicht einer klassischen Erzählung betrachtet. Die einzelnen Kapitel sind jedoch für sich abgeschlossene Erzählstränge mit einer für sich stehenden Pointe. Aus meiner Sicht jedenfalls.

    Tarantino immer wieder vorzuwerfen er würde mit seinen Filmen keinen Bezug auf die Realität nehmen halte ich mittlerweile für zumindest überdenkenswert. Er bezieht sich ja auf das Kino an sich, das Teil unserer Kultur und damit natürlich auch Teil unserer Wirklichkeit ist. Das auch in bestimmten Maße unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit beeinflußt. Als harmloseres Beispiel nenne ich jetzt mal Heidi Klums Sermon zu Danny Boyles letzten Film. „Da kann man mal sehen, wie schwer es die Kinder in Indien haben.“ Sinngemäß etwa. Als ganz böses Beispiel nenne ich Privat Ryan von Steven Spielberg. Dort läßt Spielberg seine Truppe einen deutschen Soldaten verschonen, und genau dieser Soldat schießt im Finale dann auf seine Gönner. Nicht zufällig, sondern von Spielberg aufs ekelhafteste inszeniert (ich weiß, Spielbergs Intellekt wird dies aus rein dramaturgischer Sicht heraus betrachten, aber das ändert nichts an der Ekelhaftigkeit dieser Szene). Es ist unbestritten, daß Spielbergs Film die Sicht auf den WWII und dessen „Helden“ gerade in den Staaten beeinflußte. Tarantino gibt meines Erachtens mit Inglourious Basterds einen nicht nur unterschwelligen Kommentar zum Kriegskino ab. Das kann man nicht wegdiskutieren. Und so meine ich doch, das die Geschichte um den frisch gebackenen Vater überhaupt nicht überflüssig, sondern ganz bewußt gesetzt ist.

  5. „Und ich verstehe nicht, was nun in Bezug darauf in „Inglourious Basterds“ deines Erachtens besser sein soll und sich gewandelt hat. Es ist die möglicherweise fiktivste aller seiner geschaffenen Welten und mag dadurch dem Kino als Ort, wo Träume produziert werden, zustreben, aber nur aus diesem Verweis, dieser Parallele heraus finde ich das wenig stichhaltig.“

    Tarantino erschafft in Basterds zwar wiederum sein eigenes Universum, aber er erkennt das Vorhandensein der Realität an. Wie er in einem Interview gesagt hat, er will schwierige Themen anpacken, aber nicht durch die gewohnten Wege, sondern durch Genres hindurch. Deswegen ist es ja auch zunächst etwas überraschend, wenn er Basterds als einen Film über Rassismus bezeichnet, allerdings nicht mehr, bedenkt man die King Kong-Episode oder Shosannas Beziehung zu ihrem Vorführer und die letztendliche Rache. Anders als in vielen seiner Filme, scheint die erschaffene Kinowelt, die vielen Referenzen, sein Kino in extremo, hier kontextualisiert und dem Film als ganzes und seiner Erzählung zuträglich auf der einen Seite, auf der anderen Seite, wie tumulder auch anmerkt, findet hier eine Reflexion über das Genre statt. Diese wiederum sagt uns einiges über unseren Umgang mit Geschichte. Da sind wir wieder bei der Realität. Was mir an dem Film gefällt ist, dass er in seiner absoluten Künstlichkeit mehr Fragen über unseren (z.T. filmischen) Umgang mit der Vergangenheit aufwirft, als so manch anderer betont realistischer Film. Deswegen hat er mir wesentlich mehr gegeben als der strukturell gar nicht so unähnliche Death Proof (ich weiß, der Vergleich ist unfair).

    „In Tarantinos Filmen gibt es stets sehr viel tote Zeit, in der nur gelabert wird, aber effektiv nichts passiert oder keine Handlung rekonstruiert wird.“

    „Tote Zeit“ ist das ja gerade in IB nicht. Ganz im Gegenteil. Abgesehen von der Freude an guten Dialogen, welche man, zugegeben, bei einem Tarantino schon mitbringen sollte, passiert in den langen Dialogszenen doch oft vielmehr als in einem handlungsbetonten Film. Das Katz- und Mausspiel Landas mit dem Bauern (oder der Kruger) mit Hilfe der Sprache zeichnet den Charakter des Jägers; die Tavernenszene dient, wie tumulder geschrieben hat, der Charakterisierung der Basterds, aber auch der doppelbödigen Darstellung der „Nazis“ und damit ist sie letztendlich Wegbereiter der finalen Entladung und Teil von Tarantinos Diskurs über die Natur von Rache und ihrem Mittel, der Gewalt.

  6. Deswegen ist es ja auch zunächst etwas überraschend, wenn er Basterds als einen Film über Rassismus bezeichnet, allerdings nicht mehr, bedenkt man die King Kong-Episode oder Shosannas Beziehung zu ihrem Vorführer und die letztendliche Rache.

    Hehe, man sollte doch einmal bedenken wer in IB als einziger seinen Hass gegen den anderen wirklich ausleben darf. Das sind die Basterds, und allen voran Aldo Raine. Sie skalpieren, verprügeln, sie unterstellen ihrem Gegner Dummheit, sie ritzen Hakenkreuze auf die Stirn. Aldo Raine ist ein Rassist. Die Nazis muß Tarantino nicht überbordend als Rassisten darstellen, jeder weiß, daß sie Rassisten sind.;)

  7. @ tumulder zur Kellerlokal-Episode:
    Ich bin wiederum nicht der Meinung, dass der Heldenstatus der Agenten durch den Tod des jungen Vaters untergraben wird. Der junge Vater wird schließlich von Frau von Hammersmark erschossen (Aldo hätte ihn wsl. sogar laufen lassen) und die Basterds werden nicht als Helden, sondern als positive, wenn auch vollkommen überzogen dargestellte Identifikationsfiguren gezeichnet, die sie GERADE DURCH ihre Skrupellosigkeit eben bei den Skalpierungen im popkulturellen Universum des Films auch bleiben.

    Zudem habe ich IB nicht vorgeworfen, dass er keine realistischen Ansprüche hat. Ich habe mich damit in erster Linie auf the gaffers Kritik bezogen, in der sie die besondere Klasse dieses Films mit dessen Verweis auf die größte Fiktion in Tarantinos Filmen und die Referenz aufs Kino begründet. Anders gesprochen: Ein Film ist in meinen Augen nicht schon dann ein Meisterwerk, wenn es auf das Kino, auf Filmgenres, das Filmmaterial oder die diegetische, fiktive Welt des Films verweist. Dafür bedarf es schlicht mehr. Wie eben bspw., dass man dem Film irgendeine (filmgeschichtliche) Relevanz unterstellen kann. Kann man IB aber nicht. Und Tarantinos Verweis aufs Kriegskino – wie du sagst – oszilliert stets unentschlossen zwischen brutalem Zynismus und brillianter Satire. Ich nehme den Film bspw. nicht ernst – aber ich denke, genau das ist das Todesurteil für ein „Meisterwerk“. (Mh, ich denke, jetzt werde ich endgültig gekreuzigt ;-)).

    @ Jenny:
    Das klären wir ganz ausführlich heute abend ;-). Ich denke aber wiederum, dass aus dieser satirisch-zynischen Attitüde heraus kein Diskurs über Rassismus entstehen kann. Zumindest keiner, den ich ernst nehmen würde/könnte. Das ist das Problem.

  8. @luzifus
    Hier will dich keiner kreuzigen.^^ Ich bin echt erstaunt, daß du die Basterds als Helden sehen kannst. Sie sind doch gar nicht die Übersoldiers der Befreier, mein Gott, das sind Nulpen. Was erreichen sie? Gar nichts. Selbst Hitler und Gefolge dürfen sie zum Schluß lediglich zerschießen, da Shosana Dreyfus ihnen die Möglichkeit dazu gibt, Landa die Möglichkeit sieht, sich aus dem Staub zu machen etc.. Und in der Kellerszene kommt doch all die Unfähigkeit der Basterds zum Ausdruck. Sie verlassen sie nicht, obwohl es dort von deutschen nur so wimmelt. Der Höhepunkt ist natürlich, daß der englische Agent, dessen einzige Befähigung aus seiner Kenntnis über die Deutschen aus deutschen Filmen besteht, noch nicht einmal drei Whiskey bestellen kann, ohne die Truppe auffliegen zu lassen. Das ist doch ein eindeutiges Statement. Und ob Raine selbst schießt, oder die Hammersmark, macht doch im Endeffekt nichts aus. Er bereitet die Möglichkeit vor.

  9. @Lutz:

    Das mit der Kreuzigung machen wir dann heute Abend. Da ich die Diskussion hier nicht abbrechen lassen will, geht’s weiter im Text.

    „in der sie die besondere Klasse dieses Films mit dessen Verweis auf die größte Fiktion in Tarantinos Filmen und die Referenz aufs Kino begründet.“

    „Ein Film ist in meinen Augen nicht schon dann ein Meisterwerk, wenn es auf das Kino, auf Filmgenres, das Filmmaterial oder die diegetische, fiktive Welt des Films verweist.“

    Ich preise den Film ja nicht, nur weil er eine Ode an das Kino ist, sondern weil es sich hier, statt um ein hermetisch abgeschlossenes Zitatenetz, eben um besagten Diskurs handelt, der den Zuschauer nicht außer Acht lässt. Zu diesem Schluss kann ich allerdings nur gelangen, weil ich den Film nicht im geringsten zynisch finde und die Basterds ebenso wenig als Helden betrachten kann. Das ist ja der Gag am Filmtitel, der Erzählung und dem Marketing.

  10. @ tumulder:
    Ich zitiere mich mal selbst (sorry):
    „Der junge Vater wird schließlich von Frau von Hammersmark erschossen (…) und die Basterds werden nicht als Helden, sondern als positive, wenn auch vollkommen überzogen dargestellte Identifikationsfiguren gezeichnet, die sie GERADE DURCH ihre Skrupellosigkeit eben bei den Skalpierungen im popkulturellen Universum des Films auch bleiben.“

    Ich behaupte also eben NICHT, dass die Basterds Helden, wohl aber positive Identifikationsfiguren sind. Der Satz davor war jedoch zugegebenermaßen etwas missverständlich (dort bezog ich mich aber auf deinen Post) ;-).

  11. wenn auch vollkommen überzogen dargestellte Identifikationsfiguren gezeichnet

    Sorry, ich sehe da keinen Unterschied. Ich habe die Basterds jedenfalls zu keiner Sekunde als Identifikationsfiguren empfunden. Der Film hat überhaupt keine klassischen Identifikationsfiguren, wenn überhaupt ist das dann Shosanna Dreyfus.

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