Kontrapunkt: Kleine Verbrechen, Wer Gewalt sät & Das Omen III

Einmal Sneak und einmal DVD-Abend – wobei sich der Kinobesuch dieses Mal als wenig nahrhaft erwiesen hat. Und das nicht nur, weil ich keine Biervorräte mit nach Erfurt schleppte, während ich zuhause in Jena ein kühles Helles nach dem anderen zischen konnte.

Kleine Verbrechen (D/GR/CY 2008)

Ein Film, für den man nicht freiwillig Geld ausgeben würde. Ein Film, bei dem man sich fragt, warum die Deutsche Filmförderung, ZDF und arte Geld verpulverten, um ihn zu finanzieren. Ein Film, der irgendwie irritiert und kalt lässt. Leonidas (Aris Servetalis) ist Polizist auf einer kleinen griechischen Insel und plagt sich den ganzen Tag mit kaputten Rücklichtern, Nacktbaden und anderen „schweren Vergehen“ herum, bis eines Tages Zaharias (Antonis Katsaris), der Vater seiner späteren Freundin und prämierten TV-Moderatin Angeliki (Vicky Papadopoulou) tot am Fuße eines Abhangs gefunden wird.

Leonidas recherchiert und spinnt sich durch die Aussagen der Zeugen und deren Mutmaßungen verschiedene Versionen des Ablaufs dieses Unglücks zusammen – wie in „Rashomon“, nur eben nicht halb so gut. Eine eher schleppend inszenierte und ebenso pseudo-skurrile wie belanglose Thrillerkomödie, die abseits einiger witziger Einfälle nicht wirklich Substanz aufweist.

Wer Gewalt sät (GB/USA 1971)

„Straw Dogs“, so der passendere Originaltitel, wäre nichts weiter als ein konventioneller „Ein Mann sieht rot“ -Vorläufer, wenn Action-Regisseur und Co-Autor Sam Peckinpah nicht gut 90 Minuten mit der Gewaltentladung an sich halten würde.

Stattdessen zeichnet er solange minutiös das Psychogramm der Beziehung zwischen einem harmlos-schwächlichen amerikanischen Mathematikprofessor namens David Summer (Dustin Hoffman) und seiner sich nach Zuwendung und männlicher Stärke sehnenden britischen Frau Amy (Susan George), die schließlich von widerlich-hinterwäldlerischen Handwerkern vergewaltigt wird. Als David jedoch auch noch einem verfolgten Degenerierten in seinem Haus Unterschlupf gewährt, schlägt er gegen die marodierende Horde, die danach begehrt, ins Haus zu kommen, unerbittlich zurück.

Peckinpahs Film kann durch die Konzentration auf die sich zunehmend verschlechternde Beziehung des Pärchens zueinander nur als originell bezeichnet werden und bricht mit den Regeln des „Rachefilms“. Er spielt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers (ich habe mich auch gefragt: „Wann kommt endlich die Action?“), um sie letztendlich doch zu befriedigen. Ein Meilenstein, wenn auch gewisse reaktionäre Stereotype um die Rollenklischees der Geschlechter hervorbrechen.

Barbaras Baby – Das Omen III (GB/USA 1981)

Der einzige Grund, sich diesen Nachklapp anzuschauen, ist Sam Neill als Satansohn Damien Thorne, der als britischer Botschafter die Wiedergeburt von Jesus im Vereinigten Königreich verhindern will. Dabei setzt eine Gruppe von Mönchen alles daran, ihn mit einem von sieben geweihten Dolchen zu töten. Nicht so langweilig wie der Film selbst sind die stimmungsvollen Bilder, die dem ganzen tempoarmen Treiben durch schummrig beleuchtete, historisch anmutende Sets zumindest etwas Mysteriöses abzugewinnen vermögen.

Die zu spärlich gesäten Morde sind mit Ausnahme des saftigen Schusswaffen-Suizids auch nicht mehr so graphisch wie im Original und das Finale (das kein richtiges ist), gerät nur allzu enttäuschend. Hätte man den Film um etwa 20 Min. zähes Religions-Gefasel gekürzt und die Handlung etwas gestrafft, wäre der Film vielleicht ganz brauchbar. So ist man froh, dass – ACHTUNG: SPOILER – Damien am Ende stirbt (was der Originaltitel „The Final Conflict“ überhaupt nicht nahelegt).

Lutz Granert (30) hat dasselbe studiert wie die Chefin. Die mal nicht ganz ernst gemeinte, mal tiefgründige Rubrik "Kontrapunkt" ist seit November 2008 legendär. Seit April 2012 ist er Chefredakteur beim multimania-Magazin. Bei Twitter kann man ihm folgen.

8 Antworten auf „Kontrapunkt: Kleine Verbrechen, Wer Gewalt sät & Das Omen III“

  1. Also mit deinen Anmerkungen gehe ich soweit d’accord (und bin zufrieden, den blutigen Höhepunkt von Das Omen III trotz verfrühten Abgangs mitbekommen zu haben).
    Nur eine Anmerkung zu Kleine Verbrechen: Mal abgesehen davon, dass die Nennung eines Kurosawa-Films in diesem Zusammenhang eine Beleidigung für den japanischen Gott…äh…Meisterregisseur darstellt^^, würde ich den Vergleich zu Rashomon auch inhaltlich ablehnen. Während es dort um verschiedene Zeugenaussagen und damit verschiedene Versionen von ‚Wahrheit‘ geht, sind es in Kleine Verbrechen eher die Spekulationen, die Leonidas zur jeweiligen Fantasierung des Ablaufs des Unfalls bringen. Im Gegensatz zu Rashomon hat hier kein Zeuge das eigentliche Geschehen gesehen.

    BTW: Schön, dass dir Straw Dogs doch noch gefallen hat. Hatte schon eine ähnliche Auseinandersetzung wie nach Blow Up befürchtet. Als Peckinpah-Fan muss ich allerdings sagen, dass mir sowohl The Wild Bunch als auch Bring Me the Head of Alfredo Garcia besser gefallen. Dort stößt auch das Frauenbild nicht ganz so bitter auf. ;)

  2. Wo ist denn bitte der Unterschied zwischen Spekulationen und „verschiedenen Versionen der Wirklichkeit“? Beides bedeutet eine subjektive Ansicht und somit auch nur Vermuten… Ja, es gibt keine Zeugen, aber bei „Rashomon“ streng genommen auch nicht ;-).

    Von Peckinpah hab ich bewusst einzig „Getaway“ gesehen – und den mal vor etlichen Jahren. Ich muss sagen, dass ich „Straw Dogs“ während der Filmsichtung irgendwie langweilig fand, aber deine Erläuterungen oder besser: Denkanstöße ;-) dazu haben mich dann doch noch einmal darüber reflektieren und ihn für gut befinden lassen.
    Und du immer mit deiner Ideologie-Frauenfeindlichkeit-Rollenklischee-Kritik… Mann Mann :-P

  3. „Wo ist denn bitte der Unterschied zwischen Spekulationen und “verschiedenen Versionen der Wirklichkeit”? Beides bedeutet eine subjektive Ansicht und somit auch nur Vermuten… Ja, es gibt keine Zeugen, aber bei “Rashomon” streng genommen auch nicht ;-).“

    der Unterschied ist, dass der beim Ereignis abwesende Leonidas sich nach dem Ereignis mit Hilfe von ‚Zeugen‘, die das Ereignis nicht einmal gesehen haben, zusammenreimt, was womöglich passiert ist. Währenddessen geht es in Rashomon um die Aussagen von Personen, die anwesend waren und aus unterschiedlichen Gründen ihre eigenen Wahrheit des Ereignisverlaufs verkünden. Daher geht es ja in Rashomon um die Relativität von Wahrheit oder anders gesagt: deren stets subjektive Färbung. In Kleine Verbrechen gibt es keine subjektive Färbung in diesem Sinne, weil es keine Zeugen gibt. Nur Theorien.

    „Und du immer mit deiner Ideologie-Frauenfeindlichkeit-Rollenklischee-Kritik… Mann Mann :-P“

    Dazu sind Frauen doch da oder hab ich da was bei Laura Mulvey und den ganzen Feministinnen falsch verstanden?

  4. Nun ja, hinsichtlich „Kleine Verbrechen“ gebe ich mich hiermit geschlagen: Unter dem Gesichtspunkt der Wahrheitkonstruktion DURCH Zeugen nicht ÜBER SPEKULATIONEN von Mutmaßern hast du Recht. Dennoch kann man m. E. jedoch dem Film durchaus vage Anleihen bei „Rashomon“ unterstellen.

    Frauen sollen nicht nur Ideologiekritik üben und Sexismus anprangern, da hast du die Mulvey und die anderen Alice Schwarzer-Epigonen falsch verstanden. Sie sollen auch Essen machen, sich um die Kinder kümmern und den Männern immer zu Willen sein ;-P…

  5. Warte nur balde auf meine Star Trek-Kritik und meine Meinung zu Uhura. hä hä hä

    Als Ausgleich werden meine Ausführungen zum in dieser Hinsicht schlimmeren Crank 2 aber recht unkritisch bleiben. Was eigentlich keinen Sinn macht, aber egal. Da hat halt The Stath mitgespielt, der darf das. ;)

  6. Nur weil n Typ, der ne coole Sau ist, in nem Film mitspielt, darf der Film also sexistisch sein? Interessante Begründung, die all deine bisherigen Ausführungen infrage stellt. Was lernen wir daraus? Frauen denken also schon manchmal mit den selben Körperregionen wie Männer, will ich mal behaupten. Und dass sie am Ende prinzipiell auf Glatzköpfe stehen, die Körperflüssigkeiten von sich geben, wenn sie sich vorher bewegt haben. Auf die Analogie Statham-Penis möchte ich aber nicht weiter eingehen, aber schön, dass wir das ganz Phallus-Konotationen-Feminismus-like klären konnten ;-)…

  7. „Nur weil n Typ, der ne coole Sau ist, in nem Film mitspielt, darf der Film also sexistisch sein?“

    Ja. *hüstel*

    „Und dass sie am Ende prinzipiell auf Glatzköpfe stehen, die Körperflüssigkeiten von sich geben, wenn sie sich vorher bewegt haben.“

    Der Frauenflüsterer hat gesprochen. ^^

  8. Mh, ob das einer der… äh… die Gründe dafür ist, dass ich auch Claudia davon überzeugen konnte, heute abend beim Film-Schauen anwesend zu sein? ;-)
    Solltest du eine SMS von ihr bekommen, hat das schon seine… pardon: ihre Richtigkeit.
    Wir wollen ja alles immer schon politisch korrekt gendern ;-).

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