Crank 2: High Voltage (USA 2009)

„Crank 2“ ringt den drei Buchstaben O-M-G ganz neue Bedeutungen ab. Man könnte glatt sagen, dass das Sequel von Neveldine/Taylor so etwas wie der ultimative OMG-Film ist, zumindest im Bereich der Multiplex-Verwertung. Eine differenziertere Reaktion, die über „Oh mein Gott!“ oder ähnliche Ausstöße hinaus geht, konnte der Film zumindest mir als „Crank“-Neuling nicht entlocken. Und das ist vielleicht auch gut so.

Denkt man nämlich zuviel über die neuen Eskapaden des Chev Chelios (Jason Statham) nach, so würde einem zwangsläufig die Frauenfeindlichkeit – „latent“ ist hier das falsche Wort – und der seltsame Ansatz, einen white anglo-saxon male auf sämtliche in den USA zu findende Minderheiten loszulassen, auffallen. Crank 2: High Voltage kommt schließlich eher wie eine Parodie auf all die Stereotypen des Action-A- und B-Films daher, nur werden diese hier eben auf eine geradezu unerträgliche Spitze getrieben. Gibt man sich mit diesem „Interpretationsweg“  zufrieden, so wird der Film womöglich gerade so ein akzeptabler Spaß.

Ist das Gehirn also auf Standby gestellt, erfreuen Neveldine/Taylor mit einem politisch höchst unkorrekten Jump ’n‘ Run-Film, der die offensichtliche intermediale Inspiration auch visuell umzusetzen weiß. Unkonventionell ist die Variation von Point of View-Shots, extremen Kamerawinkeln und manischen Schnitten, aber nicht desorientierend. Crank 2 ist ein Actionfilm, der ohne die konsequente Videospielästhetik und der scheinbar angeborenen B-Film-Ironie des Jason Statham nur eine unansehnliche Ansammlung von Geschmacklosigkeiten wäre. Wie anders soll man es auch bezeichnen, wenn Chev und seine Liebste (in unterschiedlichen Stadien von Nacktheit: Amy Smart) freudig auf einer Rennbahn vor Tausenden von Zuschauern kopulieren oder die dauer-nervende Bai Ling recht unfreiwillig Feuer fängt? Überhaupt wirkt die ausufernde Gewalt, die diversen Frauen im Film angetan wird wie der perverse Traum eines buckligen, misogynistischen Stubenhockers. Doch wo war gleich nochmal der Standby-Knopf? Ach hier.

Das Unterhaltungspotential beschränkt sich jedoch all zu stark auf die Zurschaustellung von allerhand Extremsituationen. An sich komisch sind diese Momente nämlich eher selten, so etwa im Falle des Ganzkörper-Tourette-Sidekicks. Vielmehr regt die Suche Chevs nach seinem geklauten Herzen (da war er auch schon, der Inhalt) die meiste Zeit zum Kopfschütteln an. D.h. man kann in diesem Fall wohl zwei Sorten Zuschauer unterscheiden: Die, welche kopfschüttelnd und berechtigterweise angewidert den Saal verlassen und die, die kopfschüttelnd in ihren Sesseln verbleiben, alles nicht so ernst nehmen und über die Schocks lachen. Da ich zu letzteren gehört habe, ist es mir unmöglich, hier einen knallharten Verriss zu schreiben, der all die oben erwähnten Kritikpunkte seziert und mit wütenden Ausrufezeichen darlegt.

Crank 2: High Voltage ist also ein innovativ inszenierter Film, von dem so mancher amerkanischer Actioner rein visuell gesehen etwas lernen könnte. Für Fans von The Stath ist er außerdem nicht nur hinsichtlich der Action das, was „Death Race“ sein wollte, aber nicht war. Während ähnlich auf die Zerstörung des Körpers bedachte Gewaltpornos wie die „Saw“- oder „Hostel“-Reihen auf Grund ihrer übertriebenen Ernsthaftigkeit eine harte Kritik ihrer Subtexte verdient haben, kann und will ich eine filmische Hyperbel wie „Crank 2“  nicht damit abwatschen. Dazu hat der Film mich zu gut unterhalten. „Crank 2“ ist nämlich mal ‚was anderes‘.

8 Antworten auf „Crank 2: High Voltage (USA 2009)“

  1. Während ähnlich auf die Zerstörung des Körpers bedachte Gewaltpornos wie die “Saw”- oder “Hostel”-Reihen auf Grund ihrer übertriebenen Ernsthaftigkeit eine harte Kritik ihrer Subtexte verdient haben, kann und will ich eine filmische Hyperbel wie “Crank 2″ nicht damit abwatschen. Dazu hat der Film mich zu gut unterhalten. “Crank 2″ ist nämlich mal ‘was anderes’.

    Applaus! Applaus!“ Applaus!!!

  2. Während ähnlich auf die Zerstörung des Körpers bedachte Gewaltpornos wie die “Saw”- oder “Hostel”-Reihen auf Grund ihrer übertriebenen Ernsthaftigkeit eine harte Kritik ihrer Subtexte verdient haben, kann und will ich eine filmische Hyperbel wie “Crank 2″ nicht damit abwatschen. Dazu hat der Film mich zu gut unterhalten. “Crank 2″ ist nämlich mal ‘was anderes’.

    So, nachdem ich jetzt zwei Tage Luft geholt habe, kann ich meinen Ärger über diesen Absatz hoffentlich in zivilisierter Form zum Ausdruck bringen.^^

    Einmal davon abgesehen, daß der Umkehrschluß deiner Begründung nichts anderes als ein Freifahrtsschein für so ziemlich alles im Kino bedeutet, solange es nur unterhaltsam dargebracht wird, werden doch in den von dir genannten Negativbeispielen all die Gewalt, Mysogenie anderen Geschmacksübertretungen im Rahmen der klassischen Dramaturgie eingesetzt. Eine Dramaturgie, die genau zwischen Gut und Böse zu unterscheiden weiß. Es kann doch kein Mensch behaupten, daß die durchgeschnittenen Achillessehnen eines Eli Roth und die perversen Fallen eines Bousman eindeutig als nicht legitime Handlungen dargestellt werden. Ich möchte beide Filme nicht unbedingt verteidigen, da sie mir eigentlich recht schnuppe sind. Bei Crank 2 kann ich diese dramaturgische Legitimation im Gegensatz zu Crank (den ich dir hiermit wirklich ans Herz lege, damit du vielleicht mal die Worte innovativ und kreativ aus diesem Review streichst;)) noch nicht einmal im Ansatz erkennen. Es geht mir weniger um Geschmack oder moralische Wertung, es geht mir um die Funktion der Handlungen innerhalb des Mediums. Natürlich kann ich z.B. in GTA stundenlang auf meinen Kontrahenten einprügeln (nicht wirklich, sofern ich nicht im God-Modus spiele), aber wird das nicht irgendwann langweilig, da ich dafür keinerlei Belohnung in Form von Punkten oder dem Näherkommen an das eigentliche Spielziel erhalte? Nahezu alle Videospiele ziehen ihren Reiz aus einem Belohnungssystem. Insofern halte ich Crank 2 sogar in dieser Hinsicht für recht mißlungen. Er spiegelt eher die Vorurteile der „Killerspiel“-Kritiker wieder, als daß er den Kern des Mediums, das er reflektieren möchte, ernsthaft in Angriff nimmt.

  3. … eines Eli Roth und die perversen Fallen eines Bousman nicht eindeutig als nicht legitime Handlungen dargestellt werden. …

    Sorry, in diesen kleinen Kästen verliert man schon mal die Übersicht.:D

  4. „Einmal davon abgesehen, daß der Umkehrschluß deiner Begründung nichts anderes als ein Freifahrtsschein für so ziemlich alles im Kino bedeutet, solange es nur unterhaltsam dargebracht wird,[…]“

    Du kannst mein Zitat nicht aus dem Kontext reißen, schließlich habe ich vorher geäußert, dass ich den Film als parodistische Komödie auffasse. Ich betrachte den Film unter diesem Blickwinkel und kann ihm seine Gewaltdarstellung ebenso wenig vorwerfen, wie Mike Myers und Jay Rouch eine rassistische Haltung gegenüber Holländern.

    „Bei Crank 2 kann ich diese dramaturgische Legitimation im Gegensatz zu Crank (den ich dir hiermit wirklich ans Herz lege, damit du vielleicht mal die Worte innovativ und kreativ aus diesem Review streichst;)) noch nicht einmal im Ansatz erkennen.“

    IMO ist das Ausmaß der Gewalt in sogenannten Gewaltpornos dramaturgisch nicht motiviert. Die Gewalt muss in einem Folterfilm wie SAW vielleicht stattfinden, aber das Ausmaß selbst und der nach ihr lechzende Blick der Kamera sind fragwürdig. Da kann die Dramaturgie auch nicht mehr als Ausrede dienen, schließlich ist es egal, ob die Guten oder die Bösen die Gewalt einsetzen, wenn der Film sie als Hauptdarsteller betrachtet. Ich kann und will die Gewaltdarstellung in einen Film, der mittendrin seine Kontrahenten in einen Gozilla-ähnlichen Kampf schickt, nicht ernst nehmen. Tut mir leid, aber Crank 2 geht jeder Realismus ab und ebenso die pervers voyeuristische Darstellung exzessiver Gewalt, die in den genannten Beispielen zu finden ist. In denen ist Dramaturgie nur eine Ausrede, um sich im Blut zu suhlen.

    BTW: Nur weil ich Teil 1 nur in Ausschnitten gesehen habe, darf ich sehr wohl behaupten, dass der Nachfolger innovativ ist, schließlich hebt ihn seine Optik und sein Schnitt (die nicht einfach nur überdreht, sondern handwerklich „gut“ überdreht sind) von Hunderten anderen Genre-Konkurrenten ab.

    „aber wird das nicht irgendwann langweilig, da ich dafür keinerlei Belohnung in Form von Punkten oder dem Näherkommen an das eigentliche Spielziel erhalte? Nahezu alle Videospiele ziehen ihren Reiz aus einem Belohnungssystem.“

    Crank 2 hat ein Belohnungssystem, in dem Sinne, das Chev wie in einem klassischen Jump ’n‘ Run nach einer zu überwindenden Aufgabe seine Anzahl an Leben wieder auffrischen muss. Die Stromschläge haben ja eine ähnliche Funktion wie die Powerups bei Super Mario, deren Ansammlung den Weg zum Endgegner ermöglicht.

    P.S.: Ich hoffe, du hast mittlerweile mit dem Ausatmen begonnen. ;)

  5. Ich habe schon lange ausgeatmet, kein Mensch kann zwei Tage die Luft anhalten.:D Aber ich glaube ich habe mich in meinem vorherigem Kommentar ein wenig mißverständlich ausgedrückt.

    Du kannst mein Zitat nicht aus dem Kontext reißen, schließlich habe ich vorher geäußert, dass ich den Film als parodistische Komödie auffasse.

    Was ändert das an deiner Aussage? Menschenverachtung ist nicht schlimm, solange man drüber lachen und sie nicht ernst nehmen kann? Das ist ja gerade der springende Punkt, über den ich mich ständig in der Bewertung von Gewaltdarstellung im Film echauffieren könnte. Es ist ja nicht schlimm sich von Crank 2 unterhalten lassen zu können, aber nur weil die Gewalt etc. als Parodie auf was auch immer abzielt, wird sie nicht schöner. Du schreibst ja selbst, du mußtest dein Gehirn auf Stand By stellen. Aber warum funktioniert das anscheinend im Fall der Komödie besser als bei einem Folterporno, der ebenfalls weit entfernt der Realität auf der Kinoleinwand stattfindet. Ich mag sie ja selber nicht sonderlich und halte die Steigerung von Gewalt für den falschen Weg im aktuellen Genrekino, und das als Horrorfilm-Liebhaber. Warum wird aber Gewalt in einem lustigem Sujet, das sie ja eigentlich verharmlost, anders wahrgenommen und bewertet als in einem Horrorfilm, der die Folgen der Gewalt recht deutlich veranschaulicht? Weil sie in ersterem Fall positive Emotionen wie Lachen hervorruft und im letzterem negative wie Ekel oder Angst? Wenn Chev Chelios nochmal und nochmal seinem am Boden liegenden Kontrahenten die Fresse blutig schlägt, obwohl er schon längst im Besitz des Koffers ist, kann man sein Gehirn also auf Stand By schalten, da es in einer parodistischen Komödie passiert. Wenn jedoch Beth in Hostel II am Ende ihrem Folterer den Penis abschneidet, um ihr Leben zu retten, – nicht nur weit weniger blutig geschildert und im Kontext des Filmzitats zu Lenzis Cannibal Ferox zu sehen, in dem die Indios ebenfalls ihren Peiniger entmannen – dann kann man sein Gehirn nicht auf Stand By schalten. Dann sieht man darin einen Grund den Subtext zu hinterfragen. Das halte ich für falsch, der Subtext sollte immer hinterfragt werden, und ich glaube Crank 2 schneidet hier sehr schlecht ab. Jump & Run hin, Komödie her. Auf die anderen Punkte deiner Antwort gehe jetzt nicht weiter ein, da wir uns da nur im Kreis drehen würden.^^

  6. „Es ist ja nicht schlimm sich von Crank 2 unterhalten lassen zu können, aber nur weil die Gewalt etc. als Parodie auf was auch immer abzielt, wird sie nicht schöner.“

    Ich habe mich vielleicht ungenau ausgedrückt, aber ich betrachte Crank 2 als eine Parodie auf die Stereotypen des Actionfilms. Seinen parodistischen Effekt erreicht der Film durch massive Übertreibung sowohl auf inhaltlicher als auch auf stilistischer Ebene. Da der ganze Film extrem unrealistisch daherkommt, kann ich mich nur insofern über die Gewaltdarstellung echauffieren, als der Film zu sehr auf die Schockierung seiner Zuschauer setzt und abseits davon zu wenig komödiantische Elemente besitzt.
    Als wesentlich problematischer als die Gewaltdarstellung habe ich die zweifelhafte Darstellung von Frauen empfunden. Wenn sie bei der Gewalt eins drauf setzen, müssen sie’s beim Sex auch machen, das schien die Devise der Filmemacher. Dabei wandeln sie ständig am Rande zu Mysogynie, was dem Film nicht gerade gut tut (das erwähne ich ja in der Kritik).

    „Warum wird aber Gewalt in einem lustigem Sujet, das sie ja eigentlich verharmlost, anders wahrgenommen und bewertet als in einem Horrorfilm, der die Folgen der Gewalt recht deutlich veranschaulicht? Weil sie in ersterem Fall positive Emotionen wie Lachen hervorruft und im letzterem negative wie Ekel oder Angst?“

    Ich glaube durch ihre Darstellungsweise konzentrieren sich Gewaltpornos auf realistische Gewalt als Faszinosum, was ich sowieso schon recht fragwürdig finde und im schlimmsten Falle verlieren sie sich in ihr. In Komödien wie Tropic Thunder oder Crank 2 wird Gewalt soweit übertrieben (oder in einen unrealistischen Kontext gesetzt), dass die Gewalt an sich zur Parodie wird. Auf Grund dessen ist die vom Film angenommene Haltung des Zuschauers gegenüber der Gewalt eine andere.

    „Wenn jedoch Beth in Hostel II am Ende ihrem Folterer den Penis abschneidet, um ihr Leben zu retten, – nicht nur weit weniger blutig geschildert und im Kontext des Filmzitats zu Lenzis Cannibal Ferox zu sehen, in dem die Indios ebenfalls ihren Peiniger entmannen – dann kann man sein Gehirn nicht auf Stand By schalten. Dann sieht man darin einen Grund den Subtext zu hinterfragen.“

    Das war seltsamerweise eine der wenigen Szenen in Hostel 2, die mir, äh wie sagt man da, ‚gefallen‘ hat. Vielleicht kam da die Hardcore-Femministin in mir hoch. Nun ja, ich glaube, der Kontext ist alles, wenn es um die Frage nach dem Subtext geht und bedingt (!) entschuldigt der unrealistische Kontext Crank 2 IMO von der Frage nach dem gewaltverherrlichenden Subtext.

    BTW: Habe die letzten zwei Tage nicht mit Einatmen verbracht, sondern eine dringend nötige Blogpause eingelegt. Daher die Verzögerung.

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