Die Roten Schuhe (GB 1948)

Das abgelegene Kloster im Fantasie-Himalaya in „Schwarze Narzisse“, der schwarz-weiße Himmel, den eine symbolische Treppe mit der Welt der Lebenden in „Irrtum im Jenseits“ verbindet und die Untiefen der Psyche des Serienmörders Mark, welche in „Peeping Tom“ ergründet werden.

Mit und ohne seinen Partner Emeric Pressburger ist die Realität, in die Michael Powell seine Figuren versetzt, oft genug relativ. Zwischenwelten tun sich da plötzlich auf, gegen deren häufig fatalen Sog sich die Männer und Frauen erwehren müssen, mal erfolgreich, mal zum Nachteil der eigenen geistigen Gesundheit.

In Die Roten Schuhe ist es die Kunst. Sie droht die Ballerina Vicky (Moira Shearer) zu entführen aus dem wirklichen Leben, das zunehmend außer Reichweite gerät. Vickys Traum geht in Erfüllung als sie der berühmte Impresario Boris Lermontov (Anton Walbrook) in sein Ensemble aufnimmt. Bald spielt sie die Hauptrolle in Andersens „Die Roten Schuhe“ und wird vom Publikum gefeiert. Vicky verliebt sich in den aufstrebenden Komponisten Julian Craster (Marius Goring), doch der obsessiv veranlagte Lermontov, dem das Ballett alles, das Leben nur ein Störfaktor ist, stellt sie vor die Wahl: Entweder sie gibt die Beziehung auf und wird zum Star der Ballettwelt oder die Arbeit im Ensemble – ihr Traum – ist für sie Geschichte.

Die roten Schuhe trägt Vicky streng genommen schon bevor sie von ihrem Mentor entdeckt wird. Auf die Frage, warum sie tanze, antwortet  sie schließlich herausfordernd „Warum leben sie?“. Die wunderbaren Schuhe, die das Mädchen in Andersens Märchen dazu zwingen, bis zur Erschöpfung, bis zum Tode weiter zu tanzen, ihr Rot hat man vor diesem Film noch nie gesehen.  In seiner fatalen Verführungskraft erinnert es an den Lippenstift, den sich die verrückt werdende Schwester Ruth im Finale von Schwarze Narzisse über die Lippen zieht. Es ist dort die Verlockung der Sinnlichkeit, hinter der sich Abgründe einer unrettbar verlorenen Seele verbergen. Es ist hier die Verheißung von Ruhm, Ehre und dem vollkommenen Aufgehen  und Verlust des Selbst in der künstlerischen Tat.

Powell und Pressburger waren Magier in der Komposition von Farbe und Bild, nicht zuletzt dank ihres Kameramanns, dem im April verstorbenen Jack Cardiff und in „Die Roten Schuhe“ haben sie sich in formaler Hinsicht selbst übertroffen. Den visuellen wie künstlerischen Höhepunkt nicht nur dieses Films, sondern des Tanzfilms generell, bildet die rund 17-minütige Erzählung der Geschichte-innerhalb-der-Geschichte – die Aufführung der „Roten Schuhe“. Das konventionelle Abfilmen der Bühnengeschehnisse, die daraus resultierende fundamentale Trennung zwischen der Erzählebene im Stück und derjenigen des Films überwinden P&P, in dem sie zunächst wie schon Busby Berkeley bei seinen Musicaleinlagen, das Kameraauge von der Zuschauerperspektive befreien und mitten auf der Bühne platzieren. Daraus folgend wird die Geschichte des Märchens in der Diegese (der Filmwelt) als gleichwertig behandelt. Anders gesagt: Die Fesseln des Theaters werden abgelegt.

Dank noch heute beeindruckender Special Effects eröffnet sich ein Tor in die grausame, von Hans Christian Andersen erdachte Fantasiewelt. Da tanzt das Mädchen in Zeitlupe nachts durch den von Menschen verlassenen Jahrmarkt, ihre einsame Selbstverlorenheit eindringlich auf eine Weise, von der moderne Filmemacher nur träumen können. „Träumen“ ist das richtige Wort für die gesamte, den Zuschauer sprachlos zurücklassende, Sequenz. Die umher gleitende Kamera scheint der einzige ständige Begleiter dieses Mädchens, das keine Ruhe finden kann und von den Schatten der dunklen, zunehmend sich zur Traumwelt wandelnden Stadt zum Weitertanzen gezwungen wird. Es ist dies ein Tanz, der nicht nur die pure, schöne Attraktion (wenn er darin auch sehr erfolgreich ist), sondern Mise en abîme, ein Spiegel der Filmhandlung, ist. Ein Kondensierung der Handlung auf wenige magische, märchenhafte Minuten; eine, die so weit in die restliche Story verzahnt ist, dass schlussendlich beide Ebenen ineinander übergehen und die vormalig auszumachenden Grenzen verschwimmen.

Dermaßen sticht hier technische Meisterleistung und gekonnte stumme Erzählung hervor, dass der restliche Film demgegenüber an Wirkung einbüßen muss. Immerhin eine Stunde dauert es, bis das Ballett zum Hauptdarsteller wird, denn Powell und Pressburger schenken dem Zuschauer bis dahin nur winzige Appetithäppchen, welche weder den Hunger nach der erwarteten P&P-Zauberei stillen können, noch sollen. Ohne den Auftritt Anton Walbrooks erschiene diese erste Hälfte wohl als unbedeutende seichte Tänzergeschichte.

Walbrooks dämonischer Charme verleiht dem besessenen Lermontov die Aura eines charismatischen Schattenwesens, das seine Tänzer aus der Realität entlockt und sie wie Blinde am Rande einer bodenlosen Kluft zurücklässt. Die glänzenden Augen, die seinem Theo in Leben und Sterben des Colonel Blimp noch eine tiefe Melancholie verliehen hatten, glimmen nun gefährlich, wann immer er die Macht über seine tanzenden Marionetten zu verlieren droht. So mysteriös wie die Welt des Märchens verzaubert dieser Magier der wirklichen Welt die zweite Hälfte des Films, findet sich Vicky wie auch der Zuschauer in seinem Bann wieder.

Dieser Lermontov lebt nicht nur das Ballett, er ist Ballett. Seine eleganten tänzelnden Bewegungen, der geschwungene melodische Akzent; das sind die Zutaten seines existenzbedrohenden Sirenengesangs. Er ist Michael Powell, der seine Zuschauer mit wunderschönen Bildern anlockt, manchmal gnädig ist, die Schönheit bewahrt und manchmal den Vorhang des Scheins fallen lässt; seine Zwischenwelten als alptraumhafte Labyrinthe entlarvt und dennoch folgt man seinem filmischen Gesang immer wieder gern.

[Erstmals veröffentlicht in der OFDb am 08. Juni ’09.]


Zum Weiterlesen:

 

Uralte Kritiken von mir zu den beiden P&P-Filmen Leben und Sterben des Colonel Blimp und Irrtum im Jenseits.

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Jenny Jecke (31) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

10 Antworten auf „Die Roten Schuhe (GB 1948)“

  1. „The Red Shoes“ kenne ich nicht, aber trotzdem mal wieder etwas Senf auf dein Brot:
    „Peeping Tom“ lief gestern unten im Hörsaal für die Filmtheorie-Leute. Ich kenne den zwar nicht, aber das ist doch eigentlich nur son „Das Fenster zum Hof“-Voyeur-Abklatsch, oder?

  2. „Ich kenne den zwar nicht, aber das ist doch eigentlich nur son “Das Fenster zum Hof”-Voyeur-Abklatsch, oder?“

    Die Art und Weise, wie du die Frage stellst, beleidigt zwar den Film, mich als Powell-Fan und Powell selbst (der zum Glück schon tot ist), aber ich geb‘ dir trotzdem mal ne Antwort:

    Nein.

    ^^

  3. Öhm, ok…

    BTW: Du konntest wohl nicht widerstehen und die Review – im Wissen, dass sie dort evtl. etwas mehr Aufmerksamkeit erhält, aber mangels Bewertung eigentlich verschenkt ist – zu „Die roten Schuhe“ in der OFDb hochstellen? Du böses Mädchen! :-P

  4. Mangels Bewertung verschenkt? Das musst du noch mal ausführen. Der Film hatte noch keine Kritik, so einfach ist das.

    „Du böses Mädchen!“

    Muss ich mir jetzt eine imaginäre Peitsche vorstellen?^^

  5. Du mit Peitsche? Wäre doch mal was.
    Na seit deiner „Watchmen“-Startseite-Ja, du hast mal wieder geschafft-Kritik und der fehlenden Bewertung, worauf resultierte, dass sie nur wenige Klicks hatte (du hast zumindest damals so argumentiert), solltest du doch eigentlich wissen, dass Reviews in der OFDb a) nur dann oft gelesen werden, wenn man eine Punktzahl abgibt und b) ohnehin so etwas darstellen wie Perlen für die Säue (und Eber). Naja gut, auch ich will ja nicht so wirklich begreifen, dass 50% der User da ein IQ im niedrigen zweistelligen Bereich hat ;-).

  6. Die wenigen Klicks würde ich eher darauf zurückführen, dass die Tipps am visuellen Arsch der Welt, äh, Seite platziert sind. Oder darauf, dass viele Leser wissen, dass meine Kritiken endlos und langweilig sind. Abgesehen davon, kann man die Punktzahl erst sehen, wenn man auf „mehr“ drückt.

    Über die Intelligenz der OFDb-User möchte ich nicht spekulieren und abschließend nur darauf verweisen, dass die Vergabe von Punkten u.a. den Überraschungseffekt einer Review versaut und nur die Lesefaulheit fördert. Daher je vager das Punktesystem, desto besser (weswegen ich fünf- Punkte-Systeme denen mit zehn vorziehe) und am besten ist IMO die Abwesenheit desselben.

  7. @ the gaffer:
    Man rufe in der OFDb die Übersichtsseite eines beliebigen populären Films auf, zu dem es mindestens 20 Kritiken gibt. Jede Wette, dass sich darunter min. 5 befinden, die nicht den Standards der deutschen Sprache entsprechen, was Kommasetzung oder Groß- und Kleinschreibung angeht oder die mit rassistischen/dummen Bemerkungen nur so um sich schmeißen. Soviel zum IQ einiger (nicht aller) User der OFDb. Von den prähistorischen grammatikalischen Ergüssen mancher Kurzkommentare ganz zu schweigen. Ein Punktesystem finde ich genau dann sinnvoll, wenn aus der Review nicht eindeutig hervorgeht, wie gut oder schlecht der Rezensent den Film nun fand. Nehmen wir den letzten Abschnitt deiner „Rote Schuhe“-Kritik: findest du den Film nun 8, 9 oder 10 von 10? :-P
    Und: Heute „Che“?

  8. „Nehmen wir den letzten Abschnitt deiner “Rote Schuhe”-Kritik: findest du den Film nun 8, 9 oder 10 von 10?“

    Hat man das ganze Ding gelesen, wird man wohl sehen, dass ich den Film sehr gut finde, aber nicht perfekt. Ist es da noch wichtig, ob eine 8,5 oder eine 8,6 oder was immer drunter steht? Wenn die Review es weder schafft, Lust auf oder Abscheu vor dem Film zu erregen, noch zumindest ein generelles Interesse erweckt oder meinetwegen neue Bedeutungshorizonte aufmacht, dann sind die Zahlen auch zwecklos. Die regen letztendlich nur dazu an, dass der Rewiever sich auf ihre Aussagekraft verlässt und das finde ich problematisch.

  9. „Und: Heute “Che”?“

    Weiß noch nicht. Hab gerade einen gelb!-Dreh hinter mir, den ich körperlich erstmal verkraften muss. Im Sinne von: *argh, meine Füße tun weh! heul* oder so ähnlich. ;)

  10. Deine Füße tun weh und so? Du bekommst schon mal kein „Du bist keine Pussy“-Zertifikat von mir ;-)…
    Was macht eigentlich meine potenzielle „The New Economy“-CD? Mach Norman mal (Über-)Druck!

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