Public Enemy No. 1 – Todestrieb (F/CDN 2008)

Public Enemy No. 1 - TodestriebEin bisschen stieg das Gefühl eines Déjà-vu-Erlebnisses in mir auf, als ich letzte Woche in der Spätvorstellung des zweiten Teils der Biografie von Jacques Mesrine saß. Oder war es ein Fehler in der Matrix? Wohl kaum, denn da war er wieder, der Verbrecher gespielt von Vincent Cassel, der in Frankreich Banken ausraubt, ins Gefängnis kommt, ausbricht, einen neuen Kompagnon trifft, der von einem französischen Star gespielt wird (Mathieu Amalric), sich mit ihm überwirft, eine hübsche Freundin findet, die von einem französischen Star (Ludivine Sagnier) gespielt wird, sich mit ihr streitet, ein Casino ausraubt, jemanden entführt usw. Natürlich läuft das alles nicht in dieser Reihenfolge ab und ich kann Regisseur Jean-François Richet nicht vorwerfen, einzig die Handlungsstationen des Vorgängers noch einmal mit anderen Frisuren zu wiederholen. Doch da saß ich eben im Kino und wunderte mich, warum in „Mordinstinkt“ all die obigen Elemente noch relativ frisch gewirkt hatten und das vergleichbar flotte Tempo von „Todestrieb“ im Gegensatz dazu hin und wieder zur Ermüdung führte. Plötzlich nervten etwa die verwackelten Actionszenen, welche in der ersten halben Stunde die Exposition ersetzen und damit den Einstieg in den Film auch nicht gerade erleichtern.

Das soll nicht heißen, Public Enemy No. 1 – Todestrieb leide im Vergleich zum Vorgänger an einem rapiden Qualitätsverlust. Beauftragt, die hohe Ereignisdichte von Mesrines Biografie als homogene, zweiteilige Erzählung auf die Leinwand zu bringen, versuchen Richet und sein Drehbuchpartner Abdel Raouf Dafri alles, um sowohl erzählerische Motive aus dem Vorgänger im zweiten Teil zu variieren, als auch Mesrines Transformation zum Public Enemy No. 1, den Wandel vom Mordinstinkt zum Todestrieb des gewalttätigen Robin Hood-Verschnitts glaubhaft zu machen. Im Zusammenspiel mit den Medien kommt Mesrines eitle Großmannssucht zum Tragen. So entführt er einen Journalisten, der ihn in einem Artikel beleidigt hat, prahlt in seiner Autobiografie mit Morden, welche er nicht begannen hat und führt, wenn er gerade nicht irgendetwas ausraubt, Interviews wie jeder andere Celebrity.

War Mordinstinkt noch vom Hintergrund des Algerienkriegs und dem Niedergang der französischen Kolonialmacht in den Anfangsjahren der Fünften Republik geprägt, macht der Terror in den Nachbarländern Mesrine in den Medien nun Konkurrenz. In demselben Maße wie es in den Siebzigern zur Radikalisierung von Teilen der Linken kommt, scheint Mesrine selbst zum verzerrten Spiegelbild seiner Außenwelt zu werden. Richets ambivalente Herangehensweise schwankt hierbei jedoch immer wieder zwischen der Entlarvung seiner grenzenlosen Brutalität und der Bewunderung des schelmischen Banditen, stets erfolgreich in seinen Versuchen, der Staatsmacht ein Schnippchen zu schlagen. Bis diese selbst alle Zügel der Legalität fahren lässt.

Das Leben Jacques Mesrines als Allegorie auf RAF, Rote Brigaden und Co.? Nur stellenweise wird diese Deutung dem Film gerecht, sind doch seine schon im Vorgänger angedeuteten, rar gesäten Motive  – z.B. die Schließung von Hochsicherheitsgefängnissen – einigermaßen halbgar aufbereitet, kaum ernst zu nehmen und meistens in der irrationalen Blase gefangen, in der sich auch der Instinktmensch Mesrine bewegt. Todestrieb ist in erster Linie die Charakterstudie eines sich zunehmend in seinen Taten verlierenden Raubtieres, welches recht früh erkennt, dass es aus der Falle, die sein Leben ist, kein Entkommen gibt und sich daraufhin immer tiefer in ihr verfängt.

Trotz der in der zweiten Hälfte überaus spannenden Kost bleibt die Frage im Raum stehen, ob dem Leben und Sterben des Jacques Mesrine nicht auch ein einziger Film gerecht geworden wäre. Ein bisschen weniger Déjà-vu, ein Tick mehr Mut zur erzählerischen Lücke, überhaupt die Fähigkeit eine Lebensstation wegzulassen, wenn sie dem Bild Mesrines nichts neues hinzufügen kann – die Erfüllung dieser Wünsche verweigern uns die Macher. Da beide Teile, „Mordinstinkt“ und „Todestrieb“, sich in Ton und Atmosphäre nicht  – wie etwa „Kill Bill 1+2“ – fundamental voneinander unterscheiden, vielmehr an ihren Enden einander überlappen, hätte ein beherzter Cutter dem Ganzen durchaus gut getan. Abgesehen davon hat ein Film William Wellman, Howard Hawks und deren Kollegen doch auch gereicht.


Zum Weiterlesen:

Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt

avatar

Jenny Jecke (31) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

5 Antworten auf „Public Enemy No. 1 – Todestrieb (F/CDN 2008)“

  1. Ja, so sieht es leider aus. Ich hätte mir auch einen formalen und inhaltlichen Bruch zu Mordinstinkt gewünscht. Mich beschleicht das Gefühl, Richet wußte nicht so recht mit all dem Material umzugehen. Anstatt einen Blick auf das politische Frankreich zu werfen, immerhin heißt der Film Public Enemy #1, filmt er lieber eine geplatzte Geldübergabe. Unverständlich.

  2. Anstatt einen Blick auf das politische Frankreich zu werfen, immerhin heißt der Film Public Enemy #1

    Der Kritik würde ich mich durchaus anschließen wollen. Allerdings muss man Richet zu Gute halten, dass er damit auch ganz schnell ein Fass ohne Boden aufgemacht hätte. Dann hätte er gleich noch einen dritten Teil machen können. ;-)

  3. „Abgesehen davon hat ein Film William Wellman, Howard Hawks und deren Kollegen doch auch gereicht.“

    Worauf spielst du da an?
    Ansonsten kann ich (einmal mehr) nur zustimmen, auch wenn es eben die Verfilmung einer Autobiographie ist, die – wahrscheinlich – auch keinen Mut zur Lücke bewiesen hat.

  4. bin gerade etwas geplättet und komplexer Denkvorgänge nicht fähig, da ich die (erste) Sichtung von „Letztes Jahr in Marienbad“ gerade hinter mir habe. Sinnvolle Antworten gibt’s morgen früh.

    Zu später Stund‘ noch ein großes OMG.

  5. @tumulder:
    „Mich beschleicht das Gefühl, Richet wußte nicht so recht mit all dem Material umzugehen.“

    Er konnte sich offensichtlich nicht entscheiden oder wollte das Publikum nicht vergraulen. Das hebt ihn wiederum von den Großen des Genres ab.

    @C.H.:
    Ich glaube, die Einbettung in den historischen Kontext, die dem ganzen etwas mehr Bedeutung gegeben hätte, funktioniert auch auf subtile Weise, aber bei Richet bekommt man von der „Öffentlichkeit“ absolut nichts mit. Ein paar Fernsehbilder im Hintergrund reichen IMO nicht, v.a. weil er das im Vorgänger etwas besser gemacht hat.

    @Lutz:
    Damit spiele ich auf die Klassiker des Gangsterfilms der 30er Jahre an, die ich in der Kritik zum ersten Teil öfter erwähnt habe. Hawks hat „Scarface“ gedreht und William Wellman „The Public Enemy“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*