Kontrapunkt: Realismus (?)

Die Berliner Schule, der italienische Neorealismus und Dogma 95 gehören zu den realistischen Bewegungen innerhalb der Filmgeschichte. Doch während Andreas Dresens Film zweifelsohne die notwendigen Vorraussetzungen für dieses „Gütekriterium Realismus“ erfüllt, ist insbesondere Lars von Triers Beitrag diesem enthoben, was ihm nicht gut getan hat.

Halbe Treppe (D 2002)

Im Spätherbst entfremden sich in der ostdeutschen Provinz zwei befreundete Paare einander, bis die beiden Beziehungen an einer Affäre zerbrechen. Andreas Dresen fängt mit einer Handkamera in grobkörnigen Bildern minutiös den sich zwischen Arbeit und Familienstress ereignenden tristen Alltag der authentisch wirkenden Figuren ein. Dabei ist es vor allem dem großartig aufspielenden Ensemble zu verdanken, dass „Halbe Treppe“ stets wie die Dokumentation des Zerbrechens einer Partnerschaft wirkt, wenn Dresen auch nicht davor zurückschreckt, Streits und andere unangenehme Situationen minutiös  zu zeigen. Doch fernab aller Tristesse keimt menschliche Wärme auf, wenn Radiomoderator Chris (Thorsten Merten) im Horoskop versteckte Botschaften an seine gehörnte Ehefrau schickt oder Imbissbudenbesitzer Uwe (Axel Prahl) die in der Kälte stehenden Straßenmusiker (dargestellt von der Band „17 Hippies“) in seinen wärmeren Pavillon bittet. Anstrengend zu schauen, aber sehr intensiv und emotional.

Das Wunder von Mailand (I 1951)

Diese grandiose Tragikomödie mit Fantasyelementen um den gute Laune verbreitenden Waisenjungen Totò (Francesco Golisano), der eine Siedlung von Armen mit übersinnlichen Mitteln vor den skrupellosen Plänen eines gierigen Landbesitzers rettet, gehört der Spätphase des Italienischen Neorealismus an. Zwar werden noch soziale Probleme wie Armut und Obdachlosigkeit thematisiert, allerdings ist der Umgang mit ihnen ein spielerischer, hoffnungsvoller, wenn durch den Zusammenhalt der Menschen Hoffnung und Fröhlichkeit erwächst. Und wenn am Ende des sich zum Märchen bekennenden Films („C’era una volta…“-Einblendung zu Beginn) Menschen auf Besenstielen gen Himmel fliegen, so ist „Das Wunder von Mailand“ jeglichem Realismus enthoben. Unverständlich, dass diesem wie weiteren Meisterwerken des Neorealismus (u.a. „Umberto D.“) bisher keine deutsche DVD-VÖ vergönnt war.

Antichrist (DK/D/F/S/I/PL 2009)

Oder: Lars von Trier verarbeitet seine eigenen Depressionen in einem widerlichen, betont provokativen Pseudo-Kunstwerk um die böse und triebhafte Natur der Frau. Abseits der handgemachten Zwischentitel und einiger Reißschwenks mit der Handkamera sucht man dabei realistische Merkmale vergeblich. Die hochgradig ästhetisierte Rahmung in Zeitlupe, Schwarz-Weiß und mit klassischer Musik wirkt wie einige Szenen im Wald (z.B. sprechender Fuchs) durch ihre Überstilisierung und Symbolüberladenheit unfreiwillig komisch, die ermüdenden Dialoge sind bedeutungsschwanger gefüllt, einige Bilder aber immerhin hübsch anzuschauen. Doch wenn am Ende nur die Form, nicht der Inhalt dieses rätselhaften, mit zahlreichen Nackt- und Sex-Szenen angereicherten Films im Gedächtnis haften bleibt, ist freilich etwas verkehrt gelaufen. Dennoch: Ein vertrackter Film, den ich mir noch einmal anschauen muss (von wollen kann nicht die Rede sein).

Lutz Granert (30) hat dasselbe studiert wie die Chefin. Die mal nicht ganz ernst gemeinte, mal tiefgründige Rubrik "Kontrapunkt" ist seit November 2008 legendär. Seit April 2012 ist er Chefredakteur beim multimania-Magazin. Bei Twitter kann man ihm folgen.

2 Antworten auf „Kontrapunkt: Realismus (?)“

  1. Ich enthalte mich ja in diesem Fall bekantlich einem Urteil ob der Film nun „gut“ oder „schlecht“ ist, kann nur von meinen Erfahrungswerten berichten. Und da finde ich schon das der Film ein Kunstwerk ist (und eben kein Pseudo-Kunstwerk) und unfreiwillig komisch konnte ich den jetzt auch nicht finden. Zustimmung aber zu deinem in Klammern gesetzten Abschlusssatz. ;-)

  2. Richtig, du entsagst dich in deiner Rezension einer Bewertung. Doch dadurch verfehlst du meines Erachtens auch den Sinn einer Rezension, nämlich: einen Standpunkt zu einem Film einzunehmen. Wörter wie „Zynismus“ fallen in Bezug auf den Umgang von Triers mit den Figuren, von „pathetischen und prätentiösen Bildern“ ist die Rede und dass es sich bei „Antichrist“ auch irgendwie um einen selbstverliebten Egotrip handelt, sprichst du mit den am Anfang zitierten Ansichten von Triers auch an. Und dann schließt du deine größtenteils eher deskriptive, denn wertende Kritik mit der Bemerkung ab, dass der Film „auch Kunst“ und „ein Erlebnis“ sei. Gerade da hätte ich mir eben von dir gewünscht, dass du irgendeine Positionierung dazu einnimmst. Klar ist das bei „Antichrist“ wirklich schwer (und ich will nicht sagen, dass er mir zu 100 % nachvollziehbar gelungen ist), doch ziehst du dich damit ganz schön geschickt aus der Affäre ;-). Aber was ich nicht erwähnte, du aber umso deutlicher betonst: Frau Gainsbourg spielt wirklich ebenso grandios wie verstörend.

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