Kontrapunkt: 90er Jahre-Vampire

Das Subgenre des Vampirfilms hat so seine eigenen Regeln: Bestimmte Klischees um das Töten der Blutsauger müssen (zumindest bei den hier besprochenen Filmen) immer erfüllt werden. Sex spielt immer eine Rolle und das mit dem Beißen ist auch obligatorisch. Dennoch gibt es auch Unterschiede in den Lesarten der Filme.

Interview mit einem Vampir (USA 1994)

Ein wohltuend zurückhaltend auftretender Brad Pitt mit Grunge-Frisur erzählt Schreiberling Christian Slater seine bis dahin 200 Jahre dauernde, weichgespülte Lebens-geschichte als Vampir. Das Szenario schwelgt nur so in seiner prachtvollen Gothic-Ausstattung, einer netten düsteren Atmosphäre, der Selbstverliebtheit des unsympathischen und weibstollen Tom Cruise und endlos langweiligen Dialogen, die wirken wie aufgesa(u)gte Theaterphrasen und null Erkenntnisgewinn um das Wesen der Vampire mit sich bringen. Immerhin wird es dann gegen Ende des melodramatischen Konflikte-Potpourri etwas temporeicher und Antonio Banderas, der als einziger prominenter Blutsauger eine mysteriöse Aura um seine Figur aufzubauen vermag, beißt das Spektakel dann noch aus den Untiefen der Genre-Hölle heraus. Inhaltlich auf das Drama ein Vampir zu sein aufbauend, kratzt der Film leider nur an der Oberfläche eines interessanten Themas.

Bram Stoker’s Dracula (USA 1992)

Die Exposition: genial. Doch danach geht es in diesem Rausch der Farben und Formen dauerhaft bergab. Stets überzeugend in den Set-Designs und Kostümen, verärgert die postmoderne Machart des Films, welche sich in der Reflexion des eigenen Mediums (man erinnere sich an den denkwürdigen Besuch einer Kinematographen-Vorführung) und der Zurschaustellung der eigenen Künstlichkeit offenbart. Letzteres geschieht mit betont künstlichen Lichtsetzungen, mehreren nicht räumlich zusammen passenden Motiven innerhalb eines Bildes sowie der Betonung der farbenfrohen Dekors/Kostüme und omnipräsenten Spezialeffekten. Die Handlung beginnt sich alsbald zu verflüchtigen, um sich in diesen visuellen Exzessen zu verlieren. Evident dafür ist Anthony Hopkins’ selbstparodistische Darstellung des wahnwitzig-überdrehten Vampirjägers Van Helsing. Viel Wahnwitz und Sinnesreize, aber wenig Sinn.

From Dusk Till Dawn (USA 1996)

Der erste Teil: ein ironischer Gangstertthriller, der zweite Teil: ein blutiges Vampirgemetzel. Ein ebenso haarsträubender wie schlicht großartiger Genre-Mix. Zwei Gangsterbrüder (Quentin Tarantino und George Clooney) wollen mit ihrer Beute nach Mexiko fliehen, nehmen eine Familie um Priester Jacob (Harvey Keitel) als Geisel und kehren fatalerweise in ein verlaustes Vampir-Etablissement ein. Es folgt der wohl erotischste Tischtanz der Filmgeschichte durch Salma Hayek bevor ein Kampf auf Leben und Tod beginnt. Tarantinos vor tollen Dialogen und Monologen sprühendes Drehbuch hält einige ironische Brechungen mit dem Genre parat („Sollten die nicht verbrennen oder sowas?“) und George Clooney mit Tattoo ist die coolste Sau wo gibt – mal abgesehen von Maskenbildner Tom Savini als „Sex Machine“ mit Puller-Revolver. Da sieht man über einige unnötige CGI-Effkte beim Vampiretöten gerne hinweg.

Lutz Granert (30) hat dasselbe studiert wie die Chefin. Die mal nicht ganz ernst gemeinte, mal tiefgründige Rubrik "Kontrapunkt" ist seit November 2008 legendär. Seit April 2012 ist er Chefredakteur beim multimania-Magazin. Bei Twitter kann man ihm folgen.

14 Antworten auf „Kontrapunkt: 90er Jahre-Vampire“

  1. Also Herr Granert, ich muss an dieser Stelle mal einhaken ob der überbordenden Nutzung des P.-Wortes, in diesem Falle auf Grund der vermeintlich postmodernen Haltung in Coppolas Film, die ich nicht wirklich nachvollziehen kann, sind doch Selbstreflexivität und das Rekurieren auf die eigene Genregeschichte als Symptome nicht ausreichend für solch einen Stempel, denn da bäumt sich in mir die Abneigung gegen den inflationären Gebrauch dieses geradezu ausgelutschten Begriffs auf, welcher weniger Einblick in das Werk gibt, als vielmehr durch die damit einhergehenden Klischees den Blick verbaut, ja geradezu unscharf werden lässt, aber das nur am Rande, ist mir die Tendenz in ihrer Argumentation hinsichtlich des P.-Wortes schließlich schon an anderen Stellen aufgefallen und an dieser Stelle hoffe ich, dass diese nicht zur dauerhaften Unsitte in ihren schriftlichen Werken wird. Punkt.

  2. Ui, da hat aber jemand schlechte Laune gehabt. Das Interview und der Coppola sind doch trotz aller durchaus vorhandenen Mängel immer noch zwei wunderbar stringente Romantik Schmachtfetzen. Und gerade der Coppola ist doch einfach nur sympathisch, beachtet man den offenen Umgang mit seinen filmischen Wurzeln (nein, nicht Murnau).^^

  3. Den Coppola würde ich auch besser bewehrten, schon allein wegen Oldman und der fabelhaft übersteigerten Gothic-Romantik-Whatever-Atmosphäre. Das Interview sehe ich allerdings ähnlich negativ.

  4. @ Jenny:
    Siehe herangezogen dafür Ernst Schreckenberg (1998): Was ist postmodernes Kino? – Versuch einer kurzen Antwort auf eine schwierige Frage“. In einem Buch, das bezeichnenderweise „Die Filmgespenster der Postmoderne“ heißt ;-).
    Wenn „Dracula“ nicht postmodern ist, dann weiß ich auch nicht, welcher Film das außer denen von Tarantino sein soll. Apropos: Bei FDTD hab ich mich schon mit derartigen Überlegungen zurückgehalten, obwohl sie mir im Kopf herumschwirrten (das Wissen über das Töten von Vampiren bei Rekapitulation im Titty Twister und den Umgang mit Gangstern [Dialog zw. Harvey Keitel und Ernesto Liu an der Grenze] kommt aus dem Fernsehen).

    @ tumulder:
    Es ist kein gutes Zeichen, wenn ich Filme zwischendurch anhalten und mich erst einmal mit etwas anderem beschäftigen muss, damit ich sie durchhalte. So geschehen bei „Interview…“ (richtig: ein Romantik-Schmachtfetzen, aber deshalb umso kitschiger und ungruseliger) und „Dracula“. Die Referenz in letzterem an die Kindertage des Films ist ja ganz nett, nur hat das nicht im Geringsten mit der Handlung zu tun – die es mit zunehmender Länge eh nicht mehr in unwirrer Form gibt.

  5. @Lutz: Dem Stempel-Problem und der Frage inwiefern das Etikett zum Erkenntnisgewinn beiträgt, weichst du damit gekonnt aus. Dem Film zu untertstellen, seine Referenzen hätten nichts mit der Handlung zu tun und ihn gleichzeitig postmodern zu nennen, find ich dann schon irgendwie seltsam.

  6. @ Jenny:
    Zunächst zur Gothic-Atmosphäre in „Interview…“ und „Dracula“: Im ersten toll, da ausgearbeitet, im zweiten leider nur rudimentär zu finden, da die zelebrierte Künstlichkeit des Films leider jegliche Geschichtlichkeit in der Ausstattung und Atmosphäre aus dem Film herausprügelt.
    Zum Postmoderne-Problem: Die Referenzen und Künstlichkeit sind eben der ERSATZ für eine stringente und dramaturgisch ausgereifte Handlung. Das ist das Problem. Werden wir mal physikalisch: Es wäre so, als würde ein Vakuum mit heißer Luft gefüllt, obwohl man doch gerne Wasser hätte. (Verständlich? :-D)

  7. Ich noch mal:

    Wenn mein Kommentar eh noch in der Warteschleife hängt, dann löscht bitte den ersten, weil ich aus versehen meine Mailadresse als Homepage angegeben habe. Und das ist nicht so günstig ;-)

    Zum Thema „Interview“: Stichpunkt „ungruselig“. Ich denke das man sich da nicht von falschen Erwartungen tragen lassen sollte. Schließlich geht es in dem Film ja nicht zuvorderst um einen Horrorfilm an sich, sondern um die Thematisierung mit einem elemanten Bestandteil des Vampir-Mythos. Aber gut, ich kann durchaus nachvollziehen, wenn man sich von dem Film gelangweilt fühlt, auch wenn ich diese Sichtweist nicht teile.

    Entschiedener Widerspruch aber zu deinen Worten zu „Bram Stokers Dracula“. Mal abgesehen von der Tatsache, dass du mit der Exposition ausgerechnet den Teil des Films als besonders gelungen erachtest, der mit Stoker nichts zu tun hat, bin ich wie auch tumulder und jenny der Meinung das es keine andere Draculaverfilmung so gut verstanden hat den romantischen Tenor des Romans einzufangen. Coppola lässt den Film ja sogar fast in all seiner Oppulenz ersaufen. ;-) Postmoderne in dem Sinne wie du es in deiner Besprechung in dem einen Satz definiert hast, kann ich da auch nicht wirklich entdecken.

  8. @ C.H.:
    Das Problem ist ja genau, dass Coppola „den Film in all seiner Opulenz ersaufen“ lässt, wie du schriebst. Eben genau dann, wenn ihm der Fortgang der Story – die ich zunehmend als wirr oder nicht vorhanden wahrnahm – weniger zu interessieren scheint als die Stilisierung seiner Optik. Die Künstlichkeit von „Dracula“ – als Merkmal der Postmoderne – zeigt sich bspw. schon in dem dunkelroten Licht des Sonnenuntergangs am Ende, was die Szenerie des Kampfes umhüllt und klar erkennen lässt, dass es sich nicht um einen realen ort handelt, wo das alles stattfindet. Oder wenn in der unteren Bildhälfte das Schreiben des tagebuchs und oben ein fahrender Zug zu sehen ist. Und so richtig romantisch ist der Film auch nicht, weil die Liebesgeschichte so blutarm wie unemotional vorgetragen wird. Da wäre dann auch mal Kitsch oder Pathos angebracht gewesen ;-)…

  9. Romantisch würde ich ihn schon nennen, nicht im Sinne des romantischen Kitschs, sondern gerade wegen der düsteren Seite der Romantik (als Kunstbewegung), der Todessehnsucht und dem Horror-Ambiente des Gothic Novel. Die Handlung wiederum empfinde ich gar nicht als verwirrend, sondern ziemlich geradlinig Stoker’s Vorlage erweiternd um die Interpretation Coppolas, der den Vampir wieder mit der sexuellen Begierde und Sinneslust zusammen bringt, die dem christlichen Moralkodex suspekt erscheinen muss. Insofern geht der Film übrigens in eine ähnliche Richtung wie DURST.

  10. @ Jenny:
    Gegen Ende wird der Film regelrecht fahrig. Mina (Winony Ryders Figur) wird gebissen, der leicht durchgeknallte Van Helsing will Lucy umbringen und dann wird Dracula wieder in die Heimat verfolgt. Alles sehr schnell und hau-ruck-mäßig. Das störte mich so. Am Ende scheint sich der Film über sich selbst nur noch lustig zu machen. An der Optik selber habe ich jedoch nichts auszusetzen.
    Übrigens: „Durst“ habe ich dann gestern doch nicht gesehen. Kann als nicht mitreden.

  11. Gegen Ende wird der Film regelrecht fahrig. Mina (Winony Ryders Figur) wird gebissen, der leicht durchgeknallte Van Helsing will Lucy umbringen und dann wird Dracula wieder in die Heimat verfolgt.

    Aber du hast den Roman schon mal gelesen, oder? Da kann Coppola doch nichts für, wenn die Geschichte nun mal so abläuft (Im Übrigen finde ich das keineswegs „fahrig“, aber gut…) ;-)

  12. Also ich muss zugeben, dass ich die literarische Vorlage nicht gelesen habe. ABER: Coppola kann sehr wohl etwas für den Ablauf seines Films, gleich ob er sich sklavisch an die Vorlage hält oder nicht. Und ich möchte jetzt mal bezweifeln, dass Bram Stoker seinen Roman als selbstparodistische, wirre Bilderorgie (also mit Beschreibungen von Farben etc.) angelegt hat.

  13. „Interview…“ ist mal der beste Vampir-Film aller…
    Nicht gruselig, aber doch schrecklich, und wenn ein Film über Vampire mich faszinieren, in den Bann ziehen und gleichzeitig abstoßen kann, dann ist es der. Für mich ein sehr, sehr gelungener Film.
    Bei Dracula bin ich froh den nicht zu Ende geguckt zu haben. From Dusk till Dawn würde ich mir auch kein weiteres Mal angucken. Gutes Comic-Niveau!

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