Kontrapunkt: Film vs. Buch – Frühstück bei Tiffany

Frühstück bei Tiffany Film vs. Buch

Die Popularität vom Kurzroman und seiner Adaption sind annähernd gleich groß: Hier das neben „Kaltblütig“ bekannteste Werk des brillanten Literaten Truman Capote, dort ein Klassiker der Filmgeschichte von Blake Edwards, dessen oscarprämierter Song „Moon River“ bis heute zum Mitsingen einlädt. Hier das nüchterne Porträt einer zerbrechlichen jungen Frau mit Widersprüchen aus der distanzierten Sicht eines Freundes, dort stark emotionalisiertes, weichgespültes Hollywoodkino. Und genau darin sind die meisten Unterschiede zu finden.

Hauptfiguren in beiden Medien sind Holly Golightly (Audrey Hepburn) und ihr bester, namenloser Freund, den Holly im Buch stets Fred – nach ihren Bruder – nennt und der im Film als Paul Varjak (George Peppard) auftritt. Die Umstände ihres Kennenlernens könnten aber nicht verschiedener beschrieben werden. Capote nähert sich Holly langsam an, über ihren Briefkasten, ihren Müll, ihre optische Erscheinung, hüllt sie in eine mysteriöse Aura. Der erste unmittelbare Kontakt erfolgt durch  ein nächtliches Klingeln. Eine Begegnung mit einem „ganz schrecklichen“, beißenden Mann (S. 21) lässt sie über die Feuertreppe zum Ich-Erzähler flüchten und ins Gespräch kommen. Im Film klingelt der neue Mieter Paul Varjak direkt bei Holly, da er noch keinen Haustürschlüssel besitzt. Ihre Begegnung wirkt somit weniger spröde und zufällig, sondern gestellt, auch weil sie ihm gleich von ihrer Bekanntschaft mit Mafiosi Sally Tomato erzählt, den sie in Sing Sing besuchen wird.

Auratische Annäherung

Diesem langsamen, fast schon götzenähnlichen Gestus bei der Annäherung im Buch folgend, ist das die Erzählung initiierende Moment ein Foto mit einem Motiv, welches Holly ähnelt. (Dieses fehlt im Film komplett.) Mr. Yunioshi hat in Afrika eine Holzskulptur fotografiert, welche „Holly Golightly zum Verwechseln ähnlich [sah], zumindest so ähnlich, wie ein dunkles, regloses Ding sein konnte.“ (S. 9). Durch dieses ikonische Abbild wird das mentale Bild, die Erinnerung des Ich-Erzählers angestoßen. Eine Erinnerung übrigens, die in die Zeit des zweiten Weltkriegs zurückreicht (es ist von rationierten Lebensmitteln, Wehrdienst und einmal vom Jahr 1943 die Rede), während der Film zum Zeitpunkt seiner Entstehung (1961) spielt. Auffällig soll sich diese „Zeitverschiebung“ später bei dem Telegramm um den Tod von Hollys Bruder Fred äußern, der im Buch als Soldat im Krieg gefallen ist, während im Film ein Autounfall seinen Tod herbeiführte.

Während der Ich-Erzähler im Buch öfter Kontakt mit Barbesitzer Joe Bell hat, wenn es um Schlüsselsituationen mit Holly geht (Joe ruft ihn an wegen des Fotos von Mr. Yunioshi; bei Joe versteckt sich Holly kurz vor ihrer Flucht aus dem Land), fehlt diese Figur in der Adaption ganz. An seiner statt wird, auch aufgrund der Fokussierung auf eine verwickelte romantische Geschichte, die „Dekorateurin“ von Paul „dazuerfunden“. Eine narrative Bedeutung abseits des Verhinderns einer früheren Affäre zwischen Holly und Paul und der später daraus erwachsenden emotionalen Komponente hat sie jedoch nicht, auch, weil sie urplötzlich aus dem Film verschwindet.

„Tiffany’s“ als Metapher

Capote schreibt mit Holly, die eigentlich Lulamae heißt, von einem unsteten, sprunghaften, ja verruchtem Wesen – ähnlich einer Prostituierten – mit einer schwierigen Biografie. Edwards erzählt von einem glatt gebügelten, ebenso naiven wie verletzlichen Pin-Up-Partygirl, dessen zweifelhafte Finanzierung ihres Lebens nur angedeutet wird („50 Dollar für die Toilette“). Die Sehnsucht nach Sicherheit von Holly ist demzufolge eine andere: Bei Capote nach Beständigkeit im Krieg (sie will dem brasilianischen Diplomaten José nachreisen, um ihre Verstrickungen ins organisierte Verbrechen hinter sich zu lassen), bei Edwards nach Luxus und Flucht vor der eigenen Verantwortung. Das Schmuckunternehmen „Tiffany’s“ steht bei Capote für dauerhafte Werte, auch in gefährlichen Zeiten, bei Edwards eher für Kritik an einer oberflächlichen Konsumgesellschaft, in der Besitz und Eigentum weniger zählt als individuelle Freiheit, was sich auch in einigen Diebstahl-Aktionen äußert. Umso bedenklicher und eigenwilliger, wie Paul im Buch die konservativen Werte der Liebesbeziehung als Hort der Sicherheit überbetont und die umtriebige Holly davon überzeugt. Capotes Ich-Erzähler war stets der teilnehmende Beobachter, der gute Freund, der Holly zum Flughafen bringt zu ihrem Flug nach Brasilien und schließlich aus den Augen verliert. Paul in der Verfilmung ist der unmittelbar Beteiligte, liebt Holly, gewinnt sie für sich für ein befriedigendes Happy End im kitschigen Stadtregen. Dort abgründiges Familien- und Psychodrama, hier romantische Liebeskomödie. Diese Genrezuschreibung des Films äußert sich insbesondere sowohl in dem als aufbrausende Witzfigur auftretenden Mr. Yunioshi (Mickey Rooney) als auch der grotesk überhöhten Partyszenerie mit brennenden Kopfbedeckungen und einem knutschenden Pärchen hinterm Duschvorhang.

Wie so oft wurden auch bei dieser Verfilmung einige Episoden aus dem Buch weggelassen oder abgeändert. Neben einer Verknappung des Films, welche sich auch in Dialogen wie um die Flucht Hollys, der nicht im Krankenhaus, sondern im Taxi stattfindet, äußert, fehlen einige Facetten ihrer Charakterzeichnung ganz. Von einer „kapriziös ungeschickten Kindergartenschrift“ (S. 33) und einer sexuellen Dimension wie dem Einwickeln der Männer mit Baseball und Pferden (S. 44) erfährt man ebenso wenig wie von einer biestigen Gemeinheit eines stotternden weiblichen Partygasts gegenüber (S. 52/53) oder von einem Streit über die schöngeistige, aber brotlose Kunst des Ich-Erzählers (S. 72/73). Bei Blake Edwards fehlen Holly die Widerhaken, die nicht ganz in das Bild der auf dem Fensterbrett „Moon River“ trällernden, verträumt dreinschauenden Rehaugen-Schönheit passen. Wenn Blake Edwards‘ Film letztlich trotz der tiefsinnigen Vorlage nicht mehr ist als eine von Hollywoods klassischsten Liebesgeschichten, dann hat sich doch zumindest diese magische Szene ins kollektive Bewusstsein des Cineasten unsterblich eingebrannt.

Die Seitenzahlen und Zitate beziehen sich auf die 2009 im Goldmann-Verlag erschienene Übersetzung von Heidi Zerning.
Die zuletzt beschriebene Szene umMoon River„:

http://www.youtube.com/watch?v=BOByH_iOn88
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Lutz Granert (30) hat dasselbe studiert wie die Chefin. Die mal nicht ganz ernst gemeinte, mal tiefgründige Rubrik "Kontrapunkt" ist seit November 2008 legendär. Seit April 2012 ist er Chefredakteur beim multimania-Magazin. Bei Twitter kann man ihm folgen.

4 Antworten auf „Kontrapunkt: Film vs. Buch – Frühstück bei Tiffany“

  1. Obwohl der Film „nur“ eine RomCom ist und obwohl Mickey Rooney ihn fast versaut, muss ich doch sagen, dass die unterschwellige, tief traurige Melancholie des Films sowie von Hepburns Performance heutigen Vertretern des Genres gut stehen würde. Der Film ist eben nicht nur süßlicher Eskapismus, sondern bewahrt sich eine düstere Seite.
    Ein Song wie Moon River (Henry Mancini ftw!) wiederum würde jedem Film gut stehen.

  2. Was Truman Capote seine „Neger“ sind, ist der Verfilmung seine meckernde Witzfigur eines Hasenzahn-Japaners. In Sachen Rassismus stehen sich beide also in nichts nach.

    Eine „tief traurige Melancholie“ würde ich einzig dem Buch attestieren. Der Film blendet diese fernab einer „Armes kleines Mädchen mit Problemen, ihr unstetes Leben in den Griff zu bekommen“-Charakterzeichnung zugunsten des RomCom-Plots weitgehend aus. Und insbesondere das Happy End schlägt in die entgegen gesetzte Richtung.

  3. Vorweg: ich habe den Beitrag noch nicht gelesen. Liegt an meiner chronischen Spoilerangst. Aber ich brauche „just like gravity – a little push“. Ich ringe noch immer mit mir, ob ich in einer Woche ins Stuttgarter Sommernachtskino gehen soll, um mir endlich mal den Film anzuschauen, nachdem ich vor ein paar Monaten endlich mal das Buch gelesen habe. Soll ich?

  4. Ich ringe noch immer mit mir, ob ich in einer Woche ins Stuttgarter Sommernachtskino gehen soll, um mir endlich mal den Film anzuschauen, nachdem ich vor ein paar Monaten endlich mal das Buch gelesen habe. Soll ich?

    Der Film ist schon schön und hat einige Momente, die zu Recht Filmgeschichte geschrieben haben. Allerdings wirst du auch ein paar Unterschiede zum Buch erkennen, die mein Geschmack nicht ganz treffen. Aber auf jeden Fall: Anschauen!

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