Super 8 (USA 2011)

Super 8 Poster

Alles ist da und irgendwie nicht. Viel wurde über das nostalgische Potenzial von J.J. Abrams Super 8 geschrieben, doch positive Etiketten wie das der „Hommage“ verpuffen schon nach wenigen Minuten bei der Entgleisung und Explosion eines Zuges in den Ebenen Ohios. Da können die Kids zuvor noch so oft mit ihren BMX-Rädern rumkurven, Konflikte mit ihren Eltern brodeln lassen und wie halb so große Versionen von Dawson Leery ihre Leidenschaft zum Film pflegen. Bei diesem für den Plot so entscheidenden Zugunglück wird der Zuschauer an den Haaren aus seinen Kindheitserinnerungen gerissen, um fortan wieder hinein gestopft, herausgerissen, hineingestopft zu werden. Das ist das Gefühl, „Super 8“ zu sehen. Man glaubt sich in einem Werk eines besseren Regisseurs wieder zu finden, um dann doch wieder gekniffen zu werden, aufzuwachen und zu erkennen, dass dieser Film „nur“ von einem stillosen Vertreter namens J.J. Abrams gedreht wurde, der statt Staubsauger, hochwertige kinematografische Imitate verscherbelt. „Super 8“ ist nicht das viel gepriesene Sommerkino unserer Kindheit. Das gibt es nicht mehr, außer in beschönigten Erinnerungen und so ist es mühselig und fruchtlos in einem, diesem Film dabei zuzuschauen, wie er verzweifelt versucht, ein anderer sein. Denn J.J. Abrams hat mit Super 8 – und das offenbart sich eben schon bei besagtem Zugunglück – einen für die 2000er Jahre kalkulierten Blockbuster gedreht, keinen für die 70er, auch keinen für die 80er. Das aus diesem Mischvorgang der erinnerten Vergangenheit und der Anforderungen der Gegenwart entstandene Stück Film findet weder hier, noch dort festen Halt, wird schließlich von den Energien auseinandergerissen, die es hier und dort verwurzeln wollen.

Die Liste der Nachrufe auf das moderne Blockbusterkino ist lang und so stürzt man sich freudig auf einen neuen Film, der wie damals sein soll, der den frühen und nicht mehr ganz so frühen Spielberg präsent machen will, besser noch als es eine DVD von „E.T.“ könnte. Ist das gegenwärtige Hollywood-Kino schon so tief unter der Erde, six feet under gewissermaßen, dass man sich als Liebhaber der amerikanischer Mainstream-Kost in die undurchdachte Simulation flüchten muss? Aus Abrams Holodeck hallt laut der Ruf JA und so liefert er uns den jugendlichen Protagonisten mit der zerrissenen Familie, das nicht weniger einsame Alien und die lustigen Kumpels. All das angesiedelt in einer Vorstadt, vollgepackt mit dem wissenden Gezwinker in Richtung früherer Filme des Executive Producers und eigentlich müsste der korrekt erzogene Spielbergianer freudig in seinem Kinosessel herumwippen. Das will uns zumindest Abrams Nachäffen von Shot-Kompositionen und inhaltlichen Motiven seines Mentors glauben machen. Deswegen hat Super 8 zuweilen etwas von einem Jahrmarktsartisten, der einem auf die Hand schaut und erzählt wie das früher war, als wir „Die Goonies“, „E.T.“ und „Jurassic Park“ zum ersten Mal gesehen haben. Was nützen unsere Erinnerungen aus dem Mund eines Fremden? Was nützt letztendlich eine aufgesetzte Referenzsammlung, die sich dermaßen darum bemüht, andere Zeiten heraufzubeschwören, dass sie es verpasst, selbst erinnerungswürdig zu sein, selbst einprägsame Einfälle zu produzieren, echte Emotionen heraufzubeschwören?

Wenn der Zug zu Beginn von Super 8 in einer vollkommen übertriebenen Spektakel-Situation entgleist, durch die Gegend fliegt, explodiert und unseren Protagonisten wie in einem Leslie Nielsen-Film zu verfolgen scheint, hat das nichts mit Spielberg zu tun und alles mit dem jüngeren amerikanischen Blockbusterkino. Das ist aber nicht tot, verändert sich höchstens, genau wie sich Steven Spielberg in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Den Mann, der „Die unheimliche Begegnung der dritten Art“ drehte, gibt es nicht mehr, stattdessen müssen wir uns mit dem „Krieg der Welten“- und „München“-Spielberg begnügen und mit dem allein haben wir schon alle Hände voll zu tun. Davon werden die Reminiszenzen an Sonntagnachmittage im Familienkreis mit der VHS von „E.T.“ nicht geschmälert. Das ist eben so. Die Zeit schreitet voran. Das Kino ebenso. Die Erinnerungen bleiben. Das macht uns aus. Das macht das Kino aus.


Zum Weiterlesen:

Die gesammelten Kritiken zum Film bei Film-Zeit.de.
Ein kleiner Text von mir zum Kino der Nostalgie bei moviepilot.

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Jenny Jecke (31) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

9 Antworten auf „Super 8 (USA 2011)“

  1. Interessant, dass sich jede Kritik mehr mit Spielberg befasst, als mit JJ Abrahms (auch wenn da jedes Wort zuviel wäre). Wenn ich deine Kritik richti interpretiere versucht sich Abrams darin, Spielbergs Kino ins Jahr 2011 zu transferieren und scheitert.

  2. Ui, das ist aber eine melancholische, fast resignative Lesart des Films, zudem noch zu einer fatalistischen Deutung des gegenwärtigen Blockbusterkinos geweitet. Spätsommer-Blues im August? Ich dachte für Midlife-Crisis geprägtes Reviewschreiben bin ich zuständig ;)

    Abrams mag ein manchmal eher zu glatter Vertreter des gegenwärtigen Popcorn-Kinos sein, was mir bei seinem erzbiederen „Star Trek“ Remake weitaus übler aufgestoßen ist als bei „Super 8“. Das kann, das soll keine Imitation, kein Remake des alten Spielberg von 1979 sein. Das ist bewusst eine Hommage in Form einer Retrocollage des ganzen Spielberg. Nicht nur seines Werkes, auch seiner kreativen Persönlichkeit, die sich in der Kinderfilmtruppe spiegelt. Von daher findet auch der häufig in Reviews zu lesende Vorwurf gegen die völlig übersteigerte CGI-Zugkatastrophe seine Erklärung. Das soll konzeptionell völlig kindisch und maßlos überzogen sein. Aus genau diesem Grund spiegelt sich die große Katastrophe in der kindlich-naiven Super-8-Nachfilmung mit den Modelleisenbahnwagen und den den selbstgemachten Soundwords. Das IST wie in der Sandkiste beim Spielen, wo bei „Explosionen“ die Wagen und eine Handvoll Sand durch die Luft gewirbelt werden – siehe Abspannfilm.

    DAS ist doch das Thema von „Super 8“ – die kindliche, manchmal kindische Komponente der Phantasie, die im Kern bewahrt und professionalisert wird beim Erwachsenwerden.

    Muss einem das Herz wirklich so schwer werden über diesem Film?

  3. @JMK: das, was mich am meisten am Film genervt hat, war, dass vom Regisseur J.J. Abrams jede Spur fehlt. Deswegen fiel es mir in der Kritik schwer, überhaupt Aussagen über Abrams Leistung zu treffen. Daher vielleicht die Flucht zu Spielberg. Und ja: ein gescheiterter Film, mehr noch als Star Trek.

    @Sieben Berge: Der Fatalismus in meinem Text bezieht sich eher auf die gegenwärtige Wahrnehmung des Hollywood-Kinos in den Feuilletons und Blogs auf beiden Seiten des Atlantiks. Gegen Ende der Kritik schreibe ich, dass das nicht meine Meinung ist.
    Die Umschreibung als Retrocollage des ganzen Spielbergs mag erklären, warum hier Jurassic Park, ET, und Close Encounters zusammen gemixt werden. Das ändert für mich nichts daran, dass die naive Zerstörungswut besagter Zugszene eher in einen Michael Bay-Film gehört, als in eine Spielberg-Hommage. Spielberg ist keiner, der die Zerstörung um der Zerstörung willen auf die Leinwand klatscht. Beim ihm hat das Spektakel zumeist eine Funktion, was es vom kindlich-naiven wieder abhebt. Doch selbst wenn mir die Zugszene nicht so übel aufstoßen würde, verblieben trotzdem gewaltige Probleme bei diesem Film. So würde mir das Ende gefallen, wenn ich es nicht schon besser und vor allem mit einem überzeugenden sense of wonder bei Spielberg gesehen hätte. Mag Super 8 eine Retrocollage oder ein Rip-off sein… Ich habe das alles schon in überzeugenderer Form gesehen. Aber subtrahiert man die allzu bekannten Spielberg-Komponenten, bleibt fast nichts mehr übrig, zumindest nichts, was eine Sichtung wert wäre.
    Insofern gefällt mir Star Trek besser als Super 8, weil ersterer eher darunter leidet, dass er ein netter Sci Fi-Film ist, der erst durch das Label Star Trek zusammen zu brechen droht.
    Schwer werden muss einem das Herz bei Super 8 nicht, aber ich war einfach genervt von der Verschwendungssucht des Films, was seine Ressourcen angeht. Die Jungschauspieler waren bspw. sehr gut.

  4. Ich provozier mal mit einer Gegenfrage. In der Tat wirkt „Super 8“ Spielbergisch, ist es aber nicht. Abrams verschwindet dahinter (fast). Dass man ihn nicht vermisst, spricht nun nicht nicht unbedingt für ihn, aber: Der Film zählt doch.

    Beispiel: Poltergeist. Da hat zwar Tobe Hooper Regie geführt, aber verschwindet auch dermaßen hinter Spielberg, dass der Film oft für einen Spielberg gehalten wird. Gewissensfrage: Ist Poltergeist deswegen ein Deut schlechter?

  5. Ich habe Poltergeist noch nicht gesehen, würde aber behaupten, dass er nicht zu 90% aus zusammengeklaubten Referenzen besteht. Das ist ja das eigentliche Problem. Du hast Recht, dass Super 8 nur „Spielbegisch“ wirkt, es aber nicht ist. In meinen Augen fehlt dem Film anders als anderen Produktionen mit einem starken Stempel Spielbergs das Eigenleben, weil er zuviel reproduziert. Der Stil und die Motive allein machen noch keinen Spielberg, aber wenn sie keinen Spielberg schaffen, was dann? Und warum sollte man sich das anschauen? Ich konnte abseits der Referenzsammlung keinen Grund entdecken.

  6. @Flo: Das wundert mich bei dir überhaupt nicht ;)…

    @Jenny: Nun ja, ich sehe den Film sehr viel besser als du. Ich denke wir kommen überein, dass J.J. Abrams keine eigene Handschrift entwickelt, dafür aber kopiert und referiert. Die Frage ist jedoch, was und vor allem wie genau. Nicht nur Spielberg, sondern auch den im wahrsten Sinne des Wortes frühen Produktionsprozess im Genre des fantastischen Films. Der im Abspann gezeigte Kinderfilm würde z.B. eher zu den frühen Gehversuchen eines Peter Jackson passen – ohne jetzt auf den dicken Jungen hinter der Kamera, sondern die exploitative Art des Films anspielen zu wollen. Und genau dort ist der Mehrwert: Es geht darum, wie das Medium Film archivieren und dokumentieren kann, welche Möglichkeiten es beinhaltet. Und eben auch die, einen p.* Film zu drehen, der zwar im „goldenen Zeitalter des SciFi-Familien-Spielberg“ spielt und wurzelt, aber dabei zeitgemäße Actioninszenierung und Genre-Selbstreflexion und -hinterfragung („Das ist hier ja wie in einem Science-Fiction-Film!„) hinzufügt. Und das finde ich sehr spannend, auch wenn sich „Super 8“ insbesondere beim arg kitschigen Ende durchaus hätte von Spielberg lösen können, um noch etwas mehr Eigenständigkeit an den Tag zu legen. Das Alien ist hier bspw. nicht pazifistisch und gut und hat entgegen Spielberg eine revolutionäre Technologie, an die in den 80ern mit den lamen Raumschiffen und Wasserkopf-Aliens nicht zu denken war. Und „Krieg der Welten“ finde ich am Ende viel weniger Spielberg und auch viel nervtötender als den soliden „Super 8“.

  7. Klingt nach dem, was ich erwarte. Nicht dass ich Abrams nicht schätzen würde, für „Lost“ und durchaus auch für „Star Trek“, was mir schon mehr gibt als der Großteil von Spielbergs Oeuvre. Nur: Diese Art Nostalgie-Referenz-Kino, wie auch immer man es nennen mag, interessiert mich so gar nicht, und das mag nicht mal ausschließlich daran liegen, dass ich Kind der 90er bin.

  8. so kritisch würde ich gar nicht sein- der film ist nicht der wahnsinn, aber gute unterhaltung in ansprechenden bildern. und es ist schon mal wieder entspannend, dass man nicht 3000 schnitte in der minute verdauen muss (siehe transformers und co).

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