All bad art is the result of good intentions.

Hoffen wir, dass Oscar Wildes Weisheit nicht auf die neue Verfilmung seines Romans “The Picture of Dorian Gray” zutrifft. Obige Erkenntnis stammt übrigens aus dem Vorwort des überaus lesenswerten Werkes. Da Wilde zu meinen Lieblingsautoren zählt, gibt’s hier auch einen Hinweis auf den ersten Trailer zum Film von Oliver Parker. Der kennt sich mit Wilde-Verfilmungen aus, hat er doch zuvor sowohl “An Ideal Husband” (durchschnittlich), als auch “The Importance of Being Earnest” (köstlich) auf die Leinwand gebannt. Schade nur, dass der wunderbare Rupert Everett nun nicht mitspielt.

Stattdessen beehren Colin “Mr. Darcy” Firth und Ben “Prinz Caspian” Barnes Dorian Gray mit ihrer Anwesenheit. Letzterer gibt den ewig jungen Herrn mit der dunklen Seele und obwohl er nicht gerade die Traumbesetzung für die Rolle ist (da kommt mir Jonathan Rhys-Meyers eher in den Sinn), verleiht er dem Schönling zumindest im Trailer schon mal einen sinistren Zug. Ein deutscher Starttermin steht noch nicht fest.

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Track of the Cat – Spur in den Bergen (USA 1954)

Wenn der einen Tag später auf dem Festival in Bologna gezeigte “Trommeln am Mohawk” von John Ford den offiziellen Startschuss zur Eroberung des amerikanischen Kontinents thematisiert, erzählt Track of the Cat – Spur in den Bergen pessimistisch von deren Endstadium. Nicht die Weite der Prärie mit ihrer Freiheit gibt in William A. Wellmans Film dem Wilden Westen ein idealisiertes Gesicht. Verschneite, menschenfeindliche Berge umgeben indes die Ranch der Familie Bridges. Auch wenn das Frontier-Erlebnis der Siedler immer wieder gern für jedweden positiven Zug des American Way of Life verantwortlich gemacht wurde, zeugen die Risse, welche innerhalb dieser Familie verlaufen von den Opfern und Sünden, die das Leben im unentdeckten Land mit sich bringt. Die herrische Mutter (Beulah Bondi) bestimmt diktatorisch über die Geschicke der einzelnen Familienmitglieder. Einzig Sohn Curt (Robert Mitchum) steht der Patriarchin in Sachen Tyrannisierung der Verwandschaft in nichts nach. Gwen (Teresa Wright), die Freundin seines jüngeren Bruders Hal, wird von ihm schikaniert, während eine Heirat der beiden, d.h. ein flügge werdender Sohn der Mutter ein Dorn im Auge ist. Der Haussegen hängt überaus schief, als der auf der Ranch lebende alte Indianer Joe Sam verkündet, ein berüchtigter Berglöwe reiße wieder das Vieh der Familie. Der älteste Bruder Arthur und der herrische Curt machen sich auf den beschwerlichen Weg in die verschneiten Berge, um das Tier zu erlegen.

Hoch symbolisch sind die Handlungselemente. Im ganzen Film sieht man es nie, das Tier, welches vordergründig die Lebensgrundlage der Familie bedroht und doch eigentlich wie eine metaphysische Kraft das ganze Schicksal der Bridges in gewisse Bahnen lenkt. Mehr und mehr gefangen scheinen die Menschen in ihrem kargen, kalten Heim zu sein, während vor der Tür das Unheil unsichtbar seine Runden zieht. Ein Effekt, der von Wellman durch die filmische Collage eines Kammerspiels in der Tradition Eugene O’Neills oder Henrik Ibsens mit der monumentalen Berglandschaft eines Abenteuerfilms erzielt wird. Der Gedanke an ein einzelnes Tier bringt Furcht und Schrecken in die kleine, aber bewaffnete Gemeinschaft. Es ist die wohl tief verwurzelte Urangst, den Kräften der Natur nicht gewachsen zu sein. Das Tier ist auf einer weiteren Ebene auch das personifizierte Sammelbecken der Sünden, dessen Dasein nach Bestrafung schreit. Wellmans unheimlich depressives Werk liegt die Feststellung zu Grunde, dass der Mensch seinen Ursprung verloren hat. Er ist mit seinem Eintritt in die Zivilisation nicht mehr Teil der Natur. Das Paradies ist verloren, die Rückkehr notgedrungen ein gewaltsames Unterfangen, welches ihm wiederum die unabänderliche Trennung nur noch mehr verdeutlicht.

Einer existenziellen Bedrohung gegenüberstehend, flammen die Konflikte innerhalb der Familie umso schneller auf. Wellmans Frontier-Gemeinschaft wird von manipulativen Frauen, Tyrannen, Schwächlingen und apathischen Alkoholikern bevölkert. Es ist anscheinend nicht der Ort, an dem Tugenden florieren. Während die Mutter mit ihrer zukünftigen Schwiegertochter um die Macht über ihren offenbar entscheidungsunfähigen Sohn buhlt, ergeht sich der Vater, der von vornherein nie hatte die Zivilisation verlassen wollen, um in die Wildnis zu ziehen, in betäubenden Trinkgelagen. Sie alle zerfleischen einander verbal in der kahlen, fast schwarz-weißen Kulisse, die einem oft vergessen lässt, das man eigentlich vor einem Farbfilm sitzt. In tragenden Momenten expressiv von Wellman in Szene gesetzt, ist das Haus im Nirgendwo mehr Friedhof als alles andere. Nur vereinzelt platziert er bunte Tupfer ins ansonsten bleiche Geschehen, etwa Robert Mitchums knallrote, stets den Rest des Bildes dominierende Jacke. Im entscheidenden Augenblick aber, ist sein Curt gezwungen, sie abzulegen und die schwarz-weiße seines toten Bruders zu tragen; im Kontext des Films so etwas wie die Übergabe eines verhängnisvollen Staffelstabes.

Ein als Western getarntes Familiendrama wird natürlich zu vielerlei Enttäuschung führen, erwartet man ein Litanei-artiges Herunterbeten der gängigen Genre-Regeln. Entsprechend war der dialoglastige Film ein massiver Flop an den Kinokassen, der noch heute gern in Wellmans Filmografie übersehen wird. Dabei beweist sich der Regisseur einmal mehr als herausragender  visueller Künstler, dessen Inszenierung weit über die gängige Mise-en-scène des Klassischen Hollywood hinausgeht. Was soll man auch anderes über einen Regisseur sagen, der seinem Publikum für die gesamte Dauer einer Beerdigungsszene eine Perspektive aus der Tiefe des Grabes aufbürdet? Ohne Abstriche ist Track of the Cat ein überwältigendes Kinoerlebnis; ein trostloses Urteil über den amerikanischen Gründungsmythos, ein Psychodrama, ein so gut wie farbloser Farbfilm, ein wie ein Stummfilm daher kommendes Theaterstück, ein kondensierter Abriss des menschlichen Kampfes gegen die Natur. In einem Wort: sehenswert.

[Ebenfalls zu lesen in der OFDb seit dem 26. Juli ’09.]


Zum Weiterlesen:

Beiträge zum Festival Il Cinema Ritrovato, das vom 27. Juni bis zum 4. Juli 2009 in Bologna stattfand.

Bildung tut gut

Während die Hype-Maschinerie der Comic-Con in San Diego alle Nase lang Trailer auf das Internet los lässt, muss hier mal etwas stilvolle Ruhe Einzug halten. Wer stattdessen mehr von Tron Legacy oder Alice im Wunderland von Tim Burton sehen will, findet sein Glück nach einem Klick auf die beiden Filmtitel.

An Education heißt jedenfalls der neue Film von Lone Scherfig, die zuvor u.a. für den Dogma-Hit “Italienisch für Anfänger” und “Wilbur Wants to Kill Himself” verantwortlich zeichnete. Ihr neuer Film basiert auf einem Drehbuch von Bestsellerlieferant Nick Hornby und erzählt eine Coming-of-Age-Story über ein 17-jähriges Vorort-Mädel (Carey Mulligan) im England der 60er Jahre, das durch eine Romanze mit einem wesentlich älteren, aber weltgewandten Playboy (Peter Sarsgaard) in Sachen Jazz, Ravel und Paris “fortgebildet” wird. Sophisticated nennt man das Ergebnis auf der Insel, aber all das lenkt sie natürlich von ihrer geplanten  Ausbildung in Oxford ab.

Wirkt der Plot auf den ersten Blick nicht allzu neu oder einfallsreich, lockt der Film trotzdem mit einer fähigen Regisseurin, einem anscheinend sehenswerten Sixties Setting, einem angeblich ziemlich gutem Drehbuch und als Krönung Alfred Molina und “Happy-Go- Lucky”-Sally Hawkins in Nebenrollen. In Sundance hat der Film bereits den Publikumspreis gewonnen. Bei YouTube findet man den Trailer auch. Ein deutscher Starttermin steht abseits von “voraussichtlich 2009” noch nicht fest.

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Regenzeit

Kann ein Film mit dem Titel Ninja Assassin schlecht sein? Kann ein Streifen von James McTeigue enttäuschen? Können die Wachowski-Brüder irren? All diese Fragen sind natürlich zu bejahen. Ein B-Movie dem Namen nach, inszeniert vom not in the least visionary director of “V for Vendetta” und produziert von den Typen, die “Matrix” ersonnen und in den Sand gesetzt haben.

Keine Ahnung, was oder wie “Ninja Assassin” werden soll, aber eines steht schon mal fest: es ist ein Wagnis, die koreanische Popsensation Rain in der Hauptrolle zu besetzen, auch wenn der bereits in “Speed Racer” Erfahrung auf amerikanischem Boden und in “I’m a Cyborg, But That’s OK” ebensolche als Leading Man gesammelt hat. Asiaten oder Asian-Americans als Hauptdarsteller in US-Blockbustern – das ist leider immer noch ein trauriges Thema, wovon nicht zuletzt die zahlreichen Diskussion im Web zeugen. Vielfach wird – und das zurecht – darüber geklagt, dass z.B. asiatische Männer meist auf Rollen als a) nerdiger Freund des Hauptdarstellers oder b) Kung Fu-kämpfender Feind des Hauptdarstellers reduziert werden. Selten werden sie als begehrenswert dargestellt, während ihre weiblichen Gegenparts hauptsächlich dazu dienen, vom weißen Mann (schnell) erobert zu werden.

Es lässt sich darüber streiten, inwiefern solche Klischees heute noch vorhanden sind, aber diese und andere Stereotype durchziehen eben die Geschichte des amerikanischen Films. “Ninja Assassin” ist nun keine Revolution, schließlich ist der Koreaner hier auch die Kampfmaschine vom Dienst. Bedeutender in dieser Hinsicht ist vielleicht Pixars “Oben”, dessen Hauptfigur Russel ganz selbstverständlich ein Japano-Amerikaner ist und darum geht es schließlich. Trotzdem ist die Wahl der Produzenten zu begrüßen, schließlich hätten sie auch den Weg von “Dragon Ball: Evolution” oder “The Last Airbender” wählen können.

Ninja Assassin startet am 3. Dezember in Deutschland.

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Alle Anderen (D 2009)

Maren Ades zweiter Spielfilm Alle Anderen ist eine ausgesprochen konstruierte Beziehungsstudie über zwei Mittdreißiger, die – auf Grund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht den Problemen des “kleinen Mannes” enthoben – vor laufender Kamera ihr Beisammensein ebenso freiwillig wie unfreiwillig sezieren. Inwiefern der Zuschauer, der immerhin ihren quälenden Urlaub mit durchleben muss, am Ende entlohnt wird, bleibt fraglich. Steht man dem Film kurzsichtig gegenüber, liegt dessen Verteufelung als langweiliges, typisch deutsches E-Kino nahe. “Alle Anderen” gehört schließlich zu jener Sorte Film, welche von der alteingesessenen Kritik bejubelt, vom Otto Normallichtspielbesucher wohl gar nicht wahrgenommen werden wird. Die Berliner Schule lässt grüßen. Selbst wenn man jedoch nach Ende der Vorstellung den Saal verlässt und dem Film nicht sonderlich positiv gegenüber steht, sollte man “Alle Anderen” Gerechtigkeit widerfahren lassen. Einen gnadenlosen Verriss hat Maren Ade keinesfalls verdient. Doch auch zu ungetrübten Jubelstürmen gibt ihr Film nicht Anlass. Unter eine Lupe zwingt sie ihre Hauptfiguren Gitti (Birgit Minichmayr) und Chris (Lars Eidinger), indem wir die beiden ausschließlich in der Beziehungsextremsituation Urlaub erleben dürfen. Auf Sardinien haben es sich der Architekt und die PR-Beraterin im Haus seiner Eltern nämlich bequem gemacht.

Zunächst wirkt alles rosig. Gitti und Chris haben Humor, liegen in der Sonne und sind irgendwie cute. Sie, die extrovertierte, spontane, quirlige. Er, das introvertierte, an sich selbst zweifelnde Sensibelchen. Relativ schnell läutet jedoch der E-Gong und es wird klar, dass die Späße der beiden nur ihre Unfähigkeit maskieren, ernsthaft einander wahrzunehmen, sich mit den Problemen des anderen auseinanderzusetzen. Im weiteren Verlauf der fragmentarischen Beziehungsanalyse wird Ade mal einfühlsam und subtil, mal mit dem Holzhammer die Probleme ihres Pärchens einfangen. Zu Beginn wählt sie leider letztere Variante. In Inhaltsangaben des Films ist oft zu lesen, dass Chris unsicher ist, was seine Männlichkeit angeht. Auf vielerlei Arten und Weisen ist solch ein Konflikt aufzubauen. Gitti dominiert, das steht z.B. von Anfang an fest. Die auch für das Drehbuch verantwortliche Regisseurin bürdet Eidinger und Minichmayr allerdings nicht nur einen Dialog auf, der dieses Thema aufgreift – einfallsreich eingeleitet á la “Glaubst du eigentlich, ich bin männlich?” – sondern schließt dem noch eine Schminksession an, welche Gitti ihrem passiven Freund verabreicht. Gitti nimmt ihren Liebsten nicht ernst und auf die gestellte Frage antwortet sie offensichtlich mit einem klaren “Nein”. Viel Stoff für Gender Studies geben solche Szenen, doch warum Ade ihrem Vermögen, die Gefühlswelt ihrer Protagonisten unverstellt auf die Leinwand zu bringen, nicht in Gänze traut, bleibt ein bedrückendes Mysterium.

Häufig erkennt man sich und andere wieder in einzelnen Dialogen oder Eigenarten und das auf beiden Seiten der Demarkationslinie. Für Gitti ist die Ironie nur ein Schutz, denn hinter ihrem herausfordernden Verhalten verbirgt sich letztendlich auch nur eine von Unsicherheiten geprägte Persönlichkeit. Sie scheint solide im Leben zu stehen und doch verwehrt sie nicht nur ihrem Freund den Blick auf ihre Welt; innen wie außen. Währenddessen liegen Chris’ Befindlichkeiten und seine Handlungslogik bar wie eine offene Wunde. Das Treffen mit einem alten Schulfreund und dessen schwangerer Frau – stellvertretend für “die Anderen” – nährt in ihm den Wunsch nach einer klassischen Rollenverteilung. Chris will männlich sein. Hans ist ein protziger Chauvi. Chris macht Hans zum Bedauern seiner Freundin nach. So simpel ist das und wieder stehen wir vor dem großen Wort “Konstruktion”. Maren Ade stellt sich selbst und dem Realismusanspruch ihres  minimalistisch inszenierten Films immer wieder ein Bein, wenn ihr Drehbuch allzu stark darauf hinweist, dass es sich hier nicht um eine Geschichte, sondern eine Versuchsanordnung handelt. Sie sperrt ihre Figuren ein, lässt sie aufeinander hängen, sich erdrücken, bringt hier und da mal einen isolierten Umweltfaktor ins Geschehen, um die Reaktionen der beiden zu beobachten und entlässt ihre Versuchsmäuse schließlich ins Tageslicht, welches ihre offenbar gewordenen Differenzen unangenehm bloßstellt.

Zwei Stunden lang ist der Zuschauer Teil dieses Experiments und fühlbar auf engstem Raum mit den beiden wandelnden Komplexen eingesperrt. Ohne die oft aufblitzende komische Ader der Autorin, wäre die resultierende Platzangst vor dem Hintergrund der italienischen Ferienlandschaft wohl gar nicht zu ertragen. Dem Überleben des Interesses nicht unbedingt zuträglich ist dabei besonders Minichmayrs oftmals theatralische Artikulation sowie als Sahnehäubchen die Tendenz Ades, Übungen aus der Schauspielschule als glaubhafte Gefühlsäußerungen durchgehen zu lassen. Wenn Gitti sich quengelnd ans Bein ihres Lebensabschnittsgefährten klammert, mag man es oberflächlich als treffendes Bild ihrer Furcht vor dem Alleinsein ansehen. Oder aber als Symptom eines sich zum eigenen Schaden auf offensichtliche Metaphern verlassenden Drehbuchs. Mit einer intendierten Abscheu steht man  nicht zuletzt deswegen weiten Teilen des Films den Figuren gegenüber. Manchmal ist sie Teil einer überraschenden Selbsterkenntnis des Zuschauers. Manchmal ist sie schlicht unnötig.