Unfälle passieren

Eine neue Ausgabe in der deprimierenden Reihe “Das Hongkong-Kino ist nicht tot”; heute mit Soi Cheang. Nach dem auch in Deutschland auf DVD erhältlichen “Dog Bite Dog” (Kritik) und dem strangen “Shamo” ist der ehemalige Regie-Assistent von Johnnie To zu dessen Produktionsfirma Milkyway Image zurückgekehrt, um Accident zu drehen.

Branchen-Insider finden den Film anscheinend ganz toll und bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig (2. bis 12. September) wird er im Wettbewerb antreten. Bei Cheang weiß man nie, was kommt, aber der Trailer sieht, trotz der mangelhaften Bildqualität, äußerst vielversprechend aus. Die statischen Bilder urbaner Nächte gehören ja zum Milkyway-house style. Mal sehen, ob Cheangs pessimistische persönliche Note bei einem Produzenten wie To voll zum Tragen kommt. Mit Richie Ren (“Exiled”), Louis Koo (“Election”) und Michelle Ye (“Vengeance”) ist der Thriller  hochkarätig besetzt.

Ein weiterer Pluspunkt: “Accident” sieht nicht so aus, als würde er sich, wie andere HK-Filme in letzter Zeit,  der chinesischen Zensur anbiedern.

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Bologna '09: Tag 2

Wiedereinmal ist es es Zeit, einen Blick zurück zu werfen auf das diesjährige Festival des wiedergefundenen Films in Bologna. Hier kann man alle Einträge darüber Revue passieren lassen.

The Bitter Tea of General Yen (USA 1933)

Frank Capras frühe Filme waren nicht gerade eine überwältigende Entdeckung beim Filmfestival in Bologna, ganz im Gegensatz zur Sternberg-Retrospektive im letzten Jahr. Selbst das Gefallen an Streifen, die weniger von den üblichen Capra-Mängeln befallen sind (man denke z.B. an schrecklich unglaubwürdige Happy Ends), wird häufig durch andere Störfaktoren vermindert. In “The Bitter Tea of General Yen” ist es die einfache Tatsache, dass der titelgebende Teetrinker mit dem nicht wirklich angelsächsisch klingenden Namen von einem schwedischen Hünen namens Nils Asther gespielt wird. Mit reichlich Make-up versehen gibt er den chinesischen General, der in den Bürgerkriegswirren eine holde Missionarin in seine prunkvolle Unterkunft entführt. Anfänglich abgestoßen kann diese sich der erotischen Faszination des ebenso kultivierten wie hartherzigen Warlords nur noch schwerlich entziehen. Den beiden Hauptdarstellern und Capras Sinn für tragische Lebens- und Liebesgeschichten ist es zu verdanken, dass “Yen” mehr ist als nur eine  (für die damalige Zeit) skandalträchtige Story mit einem ethnischen Handycap. Im Gegensatz zu ihrem Regisseur war Barbara Stanwyck die Entdeckung des Festivals. Die Spezialistin für gefallene Frauen meistert es mühelos, die widerstrebenden Gefühlswallungen in der zunächst prüden Frau glaubwürdig darzubieten. Asthers gefährlich anziehende Ausstrahlung lässt einen dann auch noch sein yellowface vergessen. Eindeutig einer der besten frühen Capra-Filme.

Abrechnung in Shanghai (USA 1941)

Fast alle Inhaltsstoffe sind zu finden: Geheimnisvolle Frauen, hysterische Frauen,  abgeklärte Frauenhelden, ein exotischer Schauplatz,  und kein einziges moralisches Vorbild weit und breit. Doch es fehlt etwas in diesem weniger bekannten Werk von Josef Von Sternberg. Die offensichtliche Wahl: Marlene Dietrich. Doch auch bevor diese zur Muse des Meisterregisseurs wurde, war sein Können in “The Docks of New York” oder “Unterwelt” voll und ganz zur Geltung gekommen. “Abrechnung in Shanghai” mutet trotz aller technischen Finesse (die Casino-Szenen sind ein Augenschmaus) wie eine Auftragsarbeit nach einem Burnout an. Wahrscheinlich hat Sternberg seine thematischen Obsessionen in den Dietrich-Filmen bis zum extravaganten Fantasy-Abschluss (“Die Scharlachrote Kaiserin”, 1935) schlicht an ihre Grenzen geführt. Vielleicht gab es nicht mehr zu erzählen. Wenig hilfreich ist es, dass außer Victor Mature (als Frauenheld natürlich) kein Mitglied der Darstellerriege irgendein Interesse an seiner gewissenlosen Figur zu beanspruchen in der Lage ist. Walter Huston (als Frauenheld) ist sogar eklatant fehlbesetzt. Die Dietrich hat sich von der langjährigen Zusammenarbeit künstlerisch offenbar besser erholt als ihr Entdecker.

Trommeln am Mohawk (USA 1939)

Classical Hollywood Cinema wie man es sich vorstellt: Zwei Stars (Henry Fonda, Claudette Colbert), aufwendige Kostüme, ein fabelhafter Regisseur (John Ford), Abenteuer, Liebe, lustige alte Damen und Herren mit lustigen Dialekten, Action, Tragik, amputierte Beine. Wer glaubt solch unterschiedliche Elemente würden kein homogenes Ganzes ergeben, hat noch nie ein Werk aus der Studiozeit gesehen. Ford gelingt es meisterhaft, eine geradlinige, einfache Story (ein frisch verheiratetes Paar zieht 1776 in die Wälder und wird von Indianern bedroht) mit einer mehr als nur patriotischen Bedeutungsebene zu untermauern (die kleine aus allerlei Nationalitäten bestehende Siedlergemeinde erwehrt sich gemeinsam gegen Eingeborene und Briten) und trotzdem große Unterhaltung abzuliefern. Fonda, der ein Großteil der Filmzeit damit verbringt, zu leiden, wirkt zwar ein bisschen blass. Als Entschädigung tritt jedoch Colbert auf. Immer wieder sieht sie ihre mühsam aufgebautes Heim in Flammen aufgehen, ihrem spirit tut dies aber keinen Abbruch. Sie ist das aussagekräftigste Gesicht in dieser idealisierten Kurzen Geschichte des Amerikanischen Gründungsmythos. Ziemlich reaktionär ist gerade der Umgang mit den “wilden” Indianern, aber was verzeiht man nicht alles einem Könner wie John Ford…

Mensch der Masse – The Crowd (USA 1928)

Der große burner (ein Hoch auf die deutsche Sprache!) war der zweite Tag in Bologna nicht gerade, aber am Abend gab es dafür die absolute Krönung. Erstens: “The Crowd” von King Vidor. Viel habe ich über diesen Stummfilm vorher gelesen. Kaum eine Darstellung der Kultur in den Roaring Twenties kommt ohne ihn aus. Doch kein Buch der Welt kann einem Film nahekommen, dem nicht mal Superlative und Ausrufezeichen gerecht werden. Ehe dieser Text in hilflose Aufzählungen von Adjektiven abgleitet, sei nur soviel angemerkt: “The Crowd” zeigt alles, was wir uns unter der großstädtischen Massengesellschaft vorstellen, aber das ist eigentlich nebensächlich. King Vidors Epos eines Menschenlebens ist ein Meisterwerk. Das reicht. “The Crowd” lief zweitens auf der stets überwältigenden Piazza Maggiore im Herzen Bolognas und drittens begleitet von einem Jazz Orchester. Der Mix aus Fusion, Soundeffekten und Songs aus den Zwanzigern ermöglichte ein einmaliges Stummfilmerlebnis, welches über die musikalische Untermalung durch Klavierspieler oder klassische Orchester hinausgeht, weil er wesentlich stärker Teil der Filmwelt selbst ist. Wunderbar.

Was macht eigentlich Peter Jackson?

Hobbit-Dompteur Peter Jackson ist zum Produzenten gefühlter 90% aller Hollywood-Projekte mutiert und macht damit sogar Steven Spielberg Konkurrenz, der schließlich jede Woche mit irgendeinem neuen Film in Verbindung gebracht wird. Jackson produziert mit diesem “The Adventures of Tintin: The Secret of the Unicorn”, eine Adaption der Comics von Hergé (bei uns unter dem Namen “Tim und Struppi” bekannt), welche zur Zeit in der Post-Production steckt. Spielberg führt Regie bei dem Auftakt einer geplanten Trilogie mit Daniel Craig, Simon Pegg, Nick Frost und Jamie Bell (als Tintin/Tim), der im Oktober 2011 in die Kinos kommt.

Eine zweiteilige Verfilmung von J.R.R. Tolkiens “Der Hobbit” steht ebenfalls an, bei der Guillermo del Toro auf dem Regiestuhl Platz nimmt und Jackson hinter den Kulissen die Fäden zieht. Warum das nette Fantasy-Büchlein ausgerechnet in zwei Teilen verfilmt werden muss, bleibt ein Rätsel.

Sehr viel positiven Buzz generiert derzeit der Sci-Fi-Apartheid-Film District 9 von Neill Blomkamp, den Jackson – Überraschung – produziert. Bei Twitch gibt es erste Gedanken dazu zu lesen. In ferner Zukunft wird Jackson außerdem eine Adaption des extrem erfolgreichen Games “Halo” produzieren und bei einem Remake des britischen Klassikers “The Dambusters” hat er auch noch seine Finger im Spiel.

Regie führt der Mann auch (als Hobby sozusagen). Basierend auf einem Roman von Alice Sebold, der in Deutschland mit dem Titel “In meinem Himmel” veröffentlicht wurde, erzählt The Lovely Bones von einem Mädchen, das nach seiner Ermordung aus dem Himmel das Weiterleben seiner Familie und seines Mörders beobachtet. Saoirse Ronan, die für “Abbitte” eine Oscar-Nominierung erhalten hat, spielt Susie Salmon, Mark Wahlberg und Rachel Weisz ihre Eltern. Am 11. Februar 2010 startet der Film in Deutschland. Den ersten Trailer gibt es bei Apple oder unten in der YouTube-Version.

(via)

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Red Cliff II (VRC 2009)

Über weite Strecken kommt Red Cliff II wie ein Selbstläufer von einem Film daher. Routiniert navigiert Action-Auteur John Woo seinen Historienfilm mal an das Schlachten-, mal an das komödiantische Ufer, stets auf die Massentauglichkeit bedacht. Souverän, fast schon im Autopilot, werden die strategischen Vorbereitungen der Schlacht heruntergekurbelt, die Finten und Tricks, welche Zhuge Liang (Takeshi Kaneshiro) und Zhou Yu (Tony Leung Chiu-Wai) sich ausdenken, um den übermächtigen Kanzler Cao Cao (Zhang Fengyi) in der zu erwartenden Auseinandersetzung auf See und Land zu besiegen. Woo hat offensichtlich einiges in Hollywood gelernt, was die Konstruktion glaubwürdiger Drehbücher angeht, auch wenn man das zuvor weder “Paycheck”, noch “Mission: Impossible II” oder gar “Face/Off” anmerken konnte. Es ist daher schwer vorstellbar, dass die “Red Cliff”-Filme und insbesondere der zweite Teil irgendjemanden nicht unterhalten. Das filmische Äquivalent zu einem süßen Hundebaby sozusagen, mit etwas mehr Blut und Gedärm.

So perfekt ist das Blockbustergerüst zusammengebaut, die Figuren durchgängig hochkarätig besetzt, der Kriegsstoff zu einem unterhaltsamen Abenteuerfilm abgekocht, dass es niemanden vorzuwerfen wäre, wenn das Geschehen auf der Leinwand nach Sichtung dem Vergessen anheim fällt. Das klingt natürlich ziemlich undankbar. Endlich wird für glänzende Unterhaltung gesorgt – fehlerlos inszeniert und noch dazu sympathisch – und trotzdem wird noch ein weit hergeholtes Haar in der Suppe gefunden. Hat John Woo das verdient? Wahrscheinlich nicht, denn es gibt wesentlich schlimmere Machwerke aus aller Herren Länder, welche ebenso nur auf Profit aus sind, diesen aber bewerkstelligen, in dem sie ihre eigenen Kunden beleidigen. Red Cliff kann sogar als Musterbeispiel eines Kinozweiteilers gelten, welcher zunächst Appetit auf mehr macht und eine Steigerung in der Fortsetzung erfährt, ohne sich zu wiederholen oder das homogene Gesamtbild zu stören.

Bei all den positiven Eigenschaften ist aber nicht zu übersehen, dass “Red Cliff II” vom Schein regiert wird. Es ist  der Schein des großen Dramas, der im ersten Teil noch verbergen konnte, dass Woo überhaupt nicht gewillt ist,  mehr als ein vierstündiges Strategiespiel mit anschließender Schlacht abzuliefern. Mal abgesehen vom Drang Cao Caos, das Land durch den Kriegszug zu vereinen, geht es diesem primär um die Eroberung einer Frau. Zhou Yus, um genau zu sein. Cao Cao ist besessen von dieser wandelnden Vase (fragwürdig blass und zerbrechlich gespielt von Lin Chi-Ling), weshalb die Andeutungen im ersten Teil diesen charismatischen Feldherrn nicht nur zu einem offenbar vielschichtigen Antagonisten werden ließen, sondern auch den Glauben schürten, dass hier in Sachen Charakterisierung mehr lauert, als in einem Woo-Film generell zu erwarten ist. Da Woo sich im Nachfolger auf Oberflächlichkeit beschränkt und dies sich auf alle Figuren auswirkt, kommt der “Red Cliff”-Zweiteiler in Sachen psychologischer Tiefe nicht einmal an Peter Chans The Warlords heran. Diesem etwas pathetischeren Film, sowie seinen Protagonisten war zumindest anzumerken gewesen, dass das Phänomen Krieg von mehr als nur Diskussionen vor der Landkarte und anschließenden heldenhaften Opfern ausgemacht wird.

Gibt das Drehbuch nicht genug her, müssen die Schauspieler diese Schwäche wettmachen und an diesem Punkt zeichnen sich besonders auffällig die Vor- und Nachzüge des Films ab. Tony Leung ist normalerweise ein verlässlicher Mime, doch entweder ist Ang Lees “Gefahr und Begierde” daran Schuld oder sein kurzfristiges Einspringen bei “Red Cliff” oder er hatte einfach keinen Bock; sein Auftritt ist – wenn auch kein Totalausfall – gelangweilt, müde und v.a. enttäuschend. Takeshi Kaneshiro guckt in erster Linie verschmitzt und schlägt sich besser als sein platonischer Kompagnon. Der Männerfreundschaft der beiden Protagonisten geht jegliches Konfliktpotenzial ab. Ihre Figuren sind, würden sie nicht von den beiden Stars gespielt werden, vollkommen uninteressant. Dabei zählten männliche Helden bisher immer zu den wenigen soliden Pluspunkten, welche Woo bei der Schauspielerführung für sich verbuchen konnte. Stattdessen wirken Woos Männer hier nur noch wie leere Hülsen. Ihr Dasein wurde vollständig der  hyperemotionalen Tragik beraubt, welche das Schicksal der Armani-Ritter seiner Heroic Bloodshed-Filme abseits der Action so ansprechend hatte erscheinen lassen. Angesichts von “Red Cliff II” ist es schwer zu glauben, wozu der Mann noch in “Bullet in the Head” oder “A Better Tomorrow” im Stande gewesen war. Kein Wunder also, dass Zhang Fengyi wie schon im Vorgänger durch ein paar minimale Anstrengungen seine Kollegen in den Schatten stellt, ohne der Versuchung zu erliegen, einen  stereotypen Bösewicht vom Stapel zu lassen. An der weiblichen Front schlägt sich hingegen die noch immer bezaubernde  Zhao Wei als Spionin im gegnerischen Lager wacker, die zumindest eine Lanze für unabhängige Frauenfiguren in Blockbuster-Schlachtenepen bricht.

Doch “Epos” ist eigentlich schon zuviel des Guten, denn auch wenn Woo unterhalten kann und seine nicht gerade zu Begeisterungsausbrüchen anhaltendenen Actionszenen Laune machen, kann der Film den Eindruck nicht abschütteln, dass es sich in Wirklichkeit nur um eine “Risiko”-Verfilmung handelt. Eben jenes einzugehen, haben die Macher leider vermieden. Unzählige Figuren, ihr ursprünglich dramatisches Leben und Sterben im Kampf, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schlacht am Roten Felsen nicht vielmehr war als ein Spaß, den sich ein paar clevere Typen 208/9 v. Chr. erlaubt haben. Für einen Abenteuerfilm mag das genügen, trägt der Regisseur den Namen John Woo, ist das leider “nur” befriedigend.

 

Ernst sein ist alles

Exzessives Posten von Trailern ist ja eigentlich nicht der Sinn dieses  Blogs, aber was soll’s, die Gebrüder Joel und Ethan Coen haben mal wieder einen Film gedreht und der heißt A Serious Man. Von den großen Stars wie Pitt und Clooney haben sie sich erstmal verabschiedet und stattdessen Charakterdarsteller wie Michael Stuhlbarg und Richard Kind (bekannt aus Chaos City) angeheuert. Zum Inhalt kann man einen Satz hier lesen, aber das ist im Grunde gar nicht nötig, erklärt sich der wirklich hervorragende Trailer doch ganz von selbst. In sehr guter Qualität ist er auch bei Apple zu bestaunen.

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