The Departed (USA/HK 2006)

Was war das nicht für ein befriedigendes Gefühl, am Morgen des 26. Februar 2007 die Mattscheibe des heimischen Fernsehers anzustarren. Auf eben dieser betraten die Herren George Lucas, Francis Ford Coppola und Steven Spielberg die Bühne, als sich gerade die ersten deutschen Lichtstrahlen im verstaubten Fensterglas brachen, um den Oscar für die Beste Regie zu verleihen.

Wem ein paar Fakten zur Entwicklung des New Hollywood gegenwärtig waren, dem musste in diesem Moment klar sein, dass ein grauhaariger kleiner Italoamerikaner den prestigeträchtigen Preis gewinnen würde. Immerhin standen seine Buddies aus den 70ern auf der Bühne.

Martin Scorsese war es dann auch, der zum ersten Mal in seiner Karriere das Goldmännchen entgegen nehmen durfte. Nach Jahrzehnten sträflicher Ignoranz des beachtlichen Werkes einer Kinolegende, würdigte die Academy den Regisseur schließlich für seinen bisher finanziell erfolgreichsten Film The Departed, ein Remake des Hongkong-Blockbusters Infernal Affairs.

Dass das mit Stars überfüllte Werk nicht in der Liga eines Raging Bull („Wie ein wilder Stier“) oder des Taxi Drivers spielte, war schon vor der Verleihung der allgemeine Konsens. Der Vergleich mit dem Original führt dagegen zu einem weniger eindeutigen, aber dennoch entschiedenen Urteil.

Die grobe Story ist bekannt: Polizist Billy (Leonardo DiCaprio) wird in die irische Mafia in Boston eingeschleust und gibt dort als Undercovercop den Gangster. Derweil hat sein Mafiaboss Frank Costello (außer Rand und Band: Jack Nicholson) den Ehrgeizling Colin (Matt Damon) in der Polizei als Spitzel platziert.

Sowohl die Cops als auch die Gangster wollen die Ratten in ihren Reihen ausfindig machen. Es kommt wie es kommen muss: Billy und Colin werden jeweils genau mit dieser Aufgabe betreut.

Dass Scorsese es sich nicht einfach gemacht und das Original Bild für Bild kopiert hat, erahnt man schon, wenn einem die mehr als 50 Minuten Unterschied in der Laufzeit ins Auge springen. Der Plot von „The Departed“ entspricht zwar im wesentlichen dem von Infernal Affairs, doch wurden wesentliche Elemente der Exposition aus „Infernal Affairs II“ übernommen.

Kurz gesagt: Das, was „Infernal Affairs“ in den ersten zehn Minuten erzählt, benötigt in The Departed rund 30 Minuten. Das macht den Film nicht gerade leichter verdaulich, ist bei einem Scorsese aber nicht anders zu erwarten gewesen.

Die Exposition ist es, die beim mehrmaligen Schauen des Films zuerst an der Aufmerksamkeit kratzt. Der Wunsch nach einer ausgeprägten erzählerischen Psychologisierung der Figuren steht zuweilen dem Erzählfluss im Weg.

„The Departed“ ist deswegen nicht langweilig. Beim Vergleich mit dem Original muss man sich allerdings unweigerlich fragen, ob das denn alles nötig war. Zumal William Monahan, der verantwortliche Drehbuchautor, rein dialogtechnisch nicht gerade der brillanteste Exponent seiner Profession ist. Hin und wieder erscheint das Aneinandervorbeireden der Figuren gar nur als Vorwand, eindrucksvolle one-liner und Mobweisheiten zu platzieren.

Dazu kommen noch ewige Aneinanderreihungen von Schimpfwörtern, die so gut wie jeden Dialog vervollständigen. Mögen sie auch zu einem authentischen Bild der Bostoner Welt gehören, so bleiben die Fucks auf Dauer doch leere Worthülsen, deren Verwendung automatisiert erscheint und weder den Figuren noch dem Wert der Dialoge irgend etwas hinzufügt.

Die einzigen Figuren, die auch nur im entferntesten vom exzessiven Vulgarismengebrauch profitieren, sind die Cops Dignam (Mark Wahlberg) und Ellerby (Alec Baldwin), deren Dialoge den ein oder anderen komischen Moment in die Story bringen. Mark Wahlberg ist es auch, der mit seinem lässig beleidigendem Dignam eine der denkwürdigeren Figuren des Films auf die Leinwand gebracht hat.

Typische Motive und Mittel Scorseses bewahren The Departed davor, den Schwächen des Drehbuchs gänzlich anheim zu fallen. Dazu gehört der mal dekonstruierende, mal klassische Schnitt seiner Stammcutterin Thelma Schoonmaker und die auf ähnliche Weise zwischen statischer Symmetrie und dynamischen Schwenks pendelnde Kameraführung von Michael Ballhaus.

Die Distanziertheit, mit der sich der Film seinen Figuren nähert, gereicht ihm im westlichen Kontext zum Vorteil. Wir sind am Ende, anders als im Hongkong-Original, nur neutrale Beobachter einer Gesellschaft, deren Werte keine Rolle mehr spielen, in der jeder sich selbst der nächste ist, egal ob im Polizeimilieu oder in der Mafia. Die Moral von der Geschicht‘ ist, dass Moral und Ehre ausgespielt haben.

Matt Damons Colin kommt dabei dem „Scorsese-Helden“ in „The Departed“ am nächsten. Er macht Dinge, die wir hassen, sein Ehrgeiz um jeden Preis stößt uns ab und doch sind wir unfreiwillig von ihm fasziniert. Damons stoischer Charme, der hier mit einer beißenden Gefühlskälte einhergeht, erscheint angesichts des steten nervösen Stirnrunzelns, dass DiCaprio zelebriert, angenehm subtil und wirkungsvoll.

Zu etwas mehr Zurückhaltung hätte man auch Jack Nicholson raten sollen, der seinen Costello überlebensgroß dämonisch anlegt, was ja grundsätzlich nichts schlechtes ist. Häufig läuft sein Spiel jedoch durch überflüssige Ergänzungen aus dem Ruder.

Ob er nun einen Singsang anstimmt oder eine Ratte imitiert, eine etwas strengere Schauspielerführung hätte aus Costello vielleicht nicht nur einen großen, sondern auch einen guten Bösewicht gemacht. So erdrückt Nicholsons Spiel einige Szenen, worunter meist DiCaprio leidet, da er dem nichts entgegensetzen kann.

„The Departed“ ist aufgrund seiner Handlung wohl der abgeschlossenste und für das breite Publikum unterhaltsamste Film, den Scorsese bisher vorgelegt hat, inklusive spannungserzeugendem Schnittrhythmus, ironischer Schlusspointe und einem, wenn auch überraschendem, Climax, dessen Nachgeschmack aus einem Hollywoodstreifen einen richtigen Scorsese macht.

Dass The Departed dennoch im direkten Vergleich zum Original als Verlierer abschneidet, liegt weniger an der erfreulich modernen, den Anforderungen eines Thrillers entsprechenden Inszenierung des Regisseurs.

Vielmehr sind es die Schwächen des Drehbuchs, v.a. dessen unproduktive Charakterisierungsversuche und die unausgeglichene Besetzung, die dem Film auf dem Weg zum Meisterwerk zu viele Steine in den Weg legen.

Den Oscar hat Scorsese trotz allem verdient. Nicht nur seine Karriere musste endlich anerkannt werden. Das Filmjahr 2006 hatte an realistischer Konkurrenz „The Departed“ nichts besseres entgegen zu setzen. Und den Moment der Verleihung möchte ich als Fan des kleinen Italoamerikaners keinesfalls missen.


Zum Weiterlesen…

Infernal Affairs

Infernal Affairs II

2 Antworten auf „The Departed (USA/HK 2006)“

  1. Moin Jenny!

    Psychologisierung in „The Departed“? Soweit ich mich erinnere (hab den Film ja nur einmal gesehen bisher), kann man dieses oberflächliche Gelabere und „Fuck“-Geschimpfe (sagst du ja auch) so nicht ganz bezeichnen, auch wenn es der rauen Milieuzeichnung dienen soll. Die Interpretation der Distanziertheit der Kamera ist allerdings brillant – dafür gibts nen Daumen! Nun warte ich mal gespannt auf deine Rezensionen zu „Infernal Affairs“ (die min. doppelt so lang werden sollte, bedenkt man, was dieser grauhaarige Ösi im Seminar dazu schon alles gesagt hat) und „Gosford Park“.

  2. Mit der Psychologisierung meine ich z.B. die Dialoge zwischen Leo und der Psychotante, die Flashbacks mit Leos sterbender Mutter u.ä. Diese Sequenzen passen nicht ganz zur distanzierten Erzählweise und schleppen sich so dahin. Ja wir wissen, dass Leo leidet und leidet und leidet… ;)

    Zu Infernal Affairs hab ich letzte Woche was geschrieben:
    http://orangedoe.wordpress.com/2008/01/19/infernal-affairs-i/

    Gosford Park werde ich in Angriff nehmen, nachdem ich Kritiken zu The Mission, Exiled und Beast Cops geschrieben habe, also nächste Woche.

    Und danke für den Daumen! :)

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