Kontrapunkt: Klassiker

Die vergangene Woche sollte bei mir von den Klassikern des amerikanischen Effekte-Kinos geprägt sein. Deswegen hier nun wie üblich ein paar kurze Besprechungen, die gut 50 Jahre mehr oder weniger signifikante tricktechnische Meilensteine umspannen. Dabei möchte ich chronologisch vorgehen:

King Kong und die weiße Frau (USA 1933)

Wer kennt es nicht, das große Finale auf dem Empire State Building, als Propellerflugzeuge den emporgestiegenen Riesenaffen Kong, der Fay Wray in seiner Hand hält, buchstäblich zu Fall bringen wollen? Diese Szenen sind ebenso legendär und historisch wie die mittlerweile antiquierte Stop-Motion-Tricktechnik von Guru Willis H. O’Brien, der u. a. Ray Harryhausen (Tricktechniker von u. a. „Jason und die Argonauten“) sein Handwerk beibrachte.

Der Film weiß noch bis heute mit seinen gigantischen Sets (Stichwort: das große Tor) zu überzeugen, jedoch nehmen ihn einige zu statische Passagen, die in der Theaterinszenierung verwurzelt zu sein scheinen, etwas von seiner Dynamik. Der hierzulande zu Unrecht kaum bekannte Klassiker des Menschenjagd-Films Graf Zaroff – Genie des Bösen wurde von Regisseur Ernest B. Schoedsack und Darstellerin Fay Wray parallel in teilweise denselben Dschungel-Sets gedreht. Ein großer Klassiker, der bisher zweimal neuverfilmt wurde, aber keineswegs ohne Schwächen.

Die Vögel (USA 1963)

Einer der populärsten Filme Hitchcocks, aber keinesfalls sein bester. Zwar vermag der Film in Sachen Suspense durchaus zu überzeugen, jedoch überwiegen am Ende jene psychoanalytischen Konzepte in den oftmals allzu langweilig geratenen Dialogen, die Die Vögel in seiner ersten Hälfte nur schwer genießbar machen.

Tippi Hedren und Rod Taylor eröffnen den Film im Stile einer belanglosen screwball comedy, um dann über ein Psychodrama bis hin zum Horrorthriller zu sich zu finden. Auch die nach wie vor beeindruckenden Toneffekte mit sehr präsentem Vogelkrächzen und das apokalyptische Ende können den Eindruck nicht verstellen, dass dieser Genre-Mix zu unausgegoren geraten ist. Das von Alfred Hitchcock zuhauf angewendete Rückprojektionsverfahren (Darsteller agieren im Studio vor einer Leinwand) zaubert heute gar eher ein Lächeln aufs Gesicht des Cineasten. Weiteres von mir – insbesondere im Hinblick auf die Psychologie der Figuren – hier.

Unheimliche Begegnung der dritten Art (USA/GB 1977)

Ein Film, der öfter als „Klassiker“ gehandelt wird, aber dank Steven Spielbergs nerviger, übertriebener Heile-Welt-Inszenierung keiner ist. Die ersten zwei Drittel des mit den Entdeckungen eines französischen Wissenschaftlers (Francois Truffaut) alternierenden, zergliedert wirkenden Plots um den freakigen Familienvater Richard Dreyfuss, der ebenso wie andere ein paar Lichter von Alienraumschiffen am Himmel sieht und fortan mit Kartoffelbrei und anderen Dingen seine Vision eines zylinderförmigen Berges baut, wirken zuweilen unfreiwillig komisch. Doch ab dem Zeitpunkt, als er sich in die abgesperrte Bergregion Wyomings begibt, wo Militärs und Wissenschaftler den ersten Kontakt mit einer außerirdischen Spezies haben, nimmt der Film an Fahrt auf und überspielt endlich seine stetige Gehaltlosigkeit.

Natürlich kommen die Aliens in guter Absicht, anders war es bei Spielberg nicht zu erwarten. Doch zeigt er lieber minutiös die Vorgänge bei der ersten Begegnung, als die „E.T.“-Vorgänger eine – auch nur irgendeine – Botschaft verkünden zu lassen. Anspruchsvoll und ansprechend sind hingegen zumindest Vilmos Zsigmonds mit Farben und Perspektiven spielende, oscarprämierte Kameraarbeit und die bis heute überzeugenden Licht-Spezialeffekte.

Ein Königreich vor unserer Zeit (USA 1989)

In dem hier vorliegenden, von Trash-Papst Roger Corman produzierten Spektakel spielt der zu dieser Zeit im B-Movie-Morast versunkene David Carradine („Kung Fu“) den mittlerweile als Gastwirt arbeitenden Kämpfer „der Finstere“, der zusammen mit einem dicken Zauberer, Nachwuchs-Magier Tyor und einer knapp bekleideten Königin mit prallen Titten drei von bösen Zauberern – u. a. dargestellt von Sid Haig (Captain Spaulding aus „Haus der 1000 Leichen“) – unterjochte Königreiche befreien muss.

Die billigen Ritter- und Zaubererkostüme sehen albern aus, dümmliche Komik durchdringt den Film, was Sprüche wie – übrigens aufgesagt vom beidarmigen Schwertkampf mit einarmigen Fechten verwechselndem Carradine – „Dumme Menschen sind tote Menschen. Die Hausordnung kennst du doch!“ auf die Beschuldigung, er habe jemanden in seiner Spelunke getötet, beweisen. Die Action-Choreografie ist lausig, teilweise aus einem Film namens „Barbarian Queen“ geklaut und die Effekte (meine Highlights: Lichtblitze und ein Gummimonster in einem Verließ, das immer durch Nebelschwaden verdeckt ist) sind richtig schlecht. Dennoch aufgrund einiger leicht bekleideter Mädels, dem freiwilligen Hang zur Lächerlichkeit sowie pubertärer Sex-Thematisierung ein kleiner – sehr kleiner – „Klassiker“ des Fantasy-Trashs.

Lutz Granert (30) hat dasselbe studiert wie die Chefin. Die mal nicht ganz ernst gemeinte, mal tiefgründige Rubrik "Kontrapunkt" ist seit November 2008 legendär. Seit April 2012 ist er Chefredakteur beim multimania-Magazin. Bei Twitter kann man ihm folgen.

7 Antworten auf „Kontrapunkt: Klassiker“

  1. In der Verbindung mit der Geschichte von Spezialeffekten sollte der letzte Film auch nur als ein Kontrapunkt schlechthin (im Sinne meiner Kolumne hier) gelten. Sozusagen als Kontrastprogramm. Natürlich sollte man schon ein Faible für Trash mitbringen um diese kleine „Perle“ genießen zu können.

    Und nach wie vor vertrete ich weiterhin die Ansicht, dass das auch für den erwähnten, botschaftslosen Spielberg-Film gilt… (mal abgesehen, dass das Budget signifikant größer war und die Beteiligten mehr von ihrem Handwerk verstehen, was davon ablenkt)

  2. Ach, Close Encounters habe ich inzwischen schon so oft gesehen – besonders als Kind/Jugendlicher – dass ich mir da fast schon keine objektive Bewertung mehr erlauben kann.

  3. Hey, „Unheimliche Begegnung“ mit dem tollen Moment… „Wir besämpftigen Aliens durch Synthieklänge!“ Ganz großes Kino :-)

  4. @ tumulder:
    Ich versuche es mal etwas weiter auszuführen. In „King Kong und die weiße Frau“ dominiert eine eher theaterhafte, nicht etwa theatralische Inszenierung. Soll heißen: Man zeigt beinahe alle Szenen weitgehend der Übersicht halber (wie der Zuschauer im Publikum eines Theaterstücks) in einer Halbtotale oder Totalen, es gibt kaum Nah- oder Detailaufnahmen. Das ist also eine Sache der Einstellungsgrößen, die den Film statisch wirken lässt. Für Effektekino ist diese Inszenierungsweise wie geschaffen, weil man viel zu sehen bekommt im Bildkader. Allerdings auf Kosten des Tempos, wenn auch in Dialogen 4 Leute und mehr im Bild rumstehen. Soweit verständlich?

    @ Norman:
    Ganz großes Trash-Kino trifft es besser ;-)…

  5. BTW: Die 4 und mehr Leute, die im Bild herumstehen, müssen natürlich nacheinander auch noch ihren Senf zum Geschehen abgeben. Theaterhaft bedeutet deshalb auch: fixiert auf den Dialog.

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