Kontrapunkt: Rauchen

Ich muss zugeben, dass ich mich von einem sehr gelungenen Essay auf schnitt.de hab inspirieren lassen bei dieser Retrospektive. Dabei soll keine Ode an den blauen Dunst im Vordergrund stehen (bei mir als zu 99%-Nichtraucher wäre das auch ein Verrat an mir selbst), sondern etwas Klarheit in die nebligen Facetten seiner filmischen Thematisierung gebracht werden.

Thank You for Smoking (USA 2005)

Ein eloquenter Lobbyist der Tabakindustrie namens Nick Naylor (Aaron “Harvey Dent” Eckhart) tritt in den Medien zur Ehrenrettung einer milliardenschweren Industrie gegen das negative Image der Zigarette solange an, bis er einer hinterlistigen Journalistin (Katie Holmes) auf den Leim geht, der er im Bett pikante Details preis gibt. Mit satirischen Seitenhieben auf die Filmindustrie (absurde Ideen zur Steigerung der Popularität des Rauchens in einem Science-Fiction-Film oder die Abänderung alter Filmplakate, auf denen der Glimmstängel zu sehen ist) und den Job des Lobbyisten (man muss im Angesichts von Krebskindern schon mal „moralisch flexibel“ sein und auch mal Käse als gesundheitsschädliches Genussmittel deklarieren) wird dabei nicht gespart. Dabei treffen viele bissige Gags genau ins Schwarze und es ist eine Freude, dem Vorzeige-Lobbyisten bei der Manipulation der Meinung der Menschen zuzusehen. Übrigens: Im gesamten Film wird keine einzige Zigarette geraucht. Na, wenn das mal kein politisches Statement ist!

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (USA/CDN 2007)

Der alles andere als knackige Titel steht in einem gewissen Zusammenhang zur Behäbigkeit des Films: Auf Genauigkeit und Exaktheit wurde sehr stark Wert gelegt, auf ausladende Länge aber auch. „Die Ermordung…“ hält sich eng an die biografischen Daten von Jesse James (Brad Pitt) in den letzten Monaten seines Lebens und illustriert mit der elegischen Musik von Nick Cave und wiederholten Aufnahmen von Wolken dessen düsteren Gemütszustand und das angespannte, von Misstrauen geprägte Klima, was zwischen ihm und seinen Gefährten, insbesondere seinem späteren Mörder und Verräter Robert Ford (Casey Affleck), geherrscht hat. Zwar gab der von Depressionen geplagte James nach außen hin den jovialen Lebemann, der in diesem Gestus genüsslich seine Zigarre als Symbol seiner Erhabenheit genoss. Innen aber schien er mit seinem Leben abgeschlossen zu haben. Nach einigen dialogverliebten Längen in den ersten zwei Stunden offenbart das Western-Epos zum Ende hin, als es sich zunehmend der Schilderung des Lebens von Robert Ford nach seinem legendären Mord annimmt, seine ganzen Qualitäten als schwermütige, großartig bebilderte Tragödie fernab der plakativen Mythenbildung.

Basic Instinct (USA/F 1992)

Ein moderner, hoch spannender Film Noir um einen aufbrausenden Cop Nick (Michael Douglas), den Ermittlungen in einem Mordfall zu der bisexuellen Millionenerbin und Romanautorin Catherine Tramell (Sharon Stone) führen. Eine leidenschaftliche Affäre, in der beide ihre Kräfte und Grenzen austesten, nimmt ihren Lauf. Legendär ist der wohl berühmteste Beinüberschlag der Filmgeschichte, wenn Sharon Stone ohne Unterwäsche als verruchte und Ketten rauchende Femme Fatale zu einem Mord verhört wird. Rauchen wird dabei mit Sünde und Laster in Verbindung bebracht, gerät der zunächst vom Glimmstängel abstinente, dann „rückfällige“ Nick doch immer tiefer in einen undurchsichtigen Strudel um Sex & Crime, den Regisseur Paul Verhoeven graphisch und körperlich mit Mut zur Provokation inszenierte und Joe Eszterhas wendungsreich schrieb. Dabei weiß man erst bei Sichtung der ebenso überkonstruierten wie sterilen Fortsetzung von 2005 wieder, was man an diesem Erotikthriller und insbesondere Michael Douglas hatte, der den Direktvergleich zum schauspielerischen Totalausfall David Morrissey als männlicher Part locker gewinnt.

Lutz Granert (30) hat dasselbe studiert wie die Chefin. Die mal nicht ganz ernst gemeinte, mal tiefgründige Rubrik "Kontrapunkt" ist seit November 2008 legendär. Seit April 2012 ist er Chefredakteur beim multimania-Magazin. Bei Twitter kann man ihm folgen.

9 Antworten auf „Kontrapunkt: Rauchen“

  1. „Jesse James“ habe ich mal begonnen, musste allerdings abbrechen und konnte mich noch immer nicht aufraffen, den zu Ende zu schauen. „Behäbig“ trifft es schon ganz gut.

  2. @ bullion:
    Du hast sicherlich Recht. Auch ich will diese Filme mal sehen. Aber irgendwie musste ich die Filme, die ich vergangene Woche sah, ja unter ein gemeinsames Motto stellen ;-). Fortsetzungen dieses Mottos werden aber von mir nicht ausgeschlossen.

    @ Xander:
    Trotz aller Behäbigkeit, die man dem Film durchaus vorwerfen kann, entwickelt er jedoch eine große Intensität in dem von ihm thematisierten, minutiös vorgetragenen Charakterdrama, das – trotz einiger Auszeiten – in seinen Bann zieht. Natürlich muss man sich darauf einlassen und auch etwas Geduld mitbringen, aber nur dann kann man den Film auch genießen. Mein Tipp: Schau dir mal die letzten 20 Minuten an. Das sind die besten. Den Rest kann man sich auch durchaus sparen, wenn man eher ein Freund der Prägnanz ist ;-).

  3. Behäbigkeit ist einfach zu negativ. Ich würde einfach mal behaupten, Jesse James läßt sich sehr viel Zeit bei der Charakterzeichnung. Und das ist sicherlich nicht negativ.;)

  4. @ tumulder:
    Bei der Charakterzeichnung von Robert Ford gebe ich dir Recht. Aber was Jesse James angeht… der wirkt immer irgendwie unnahbar und man erfährt abseits vom Kommentator nur vergleichsweise wenig über seine Gebrechen, sein Misstrauen und seinen düsteren Gemütszustand. Hat aber wahrscheinlich etwas mit dem Fokus des Films zu tun.

  5. Ich empfand es auch nicht als durchweg negativ – aber hatte bisher noch nicht wieder die Gelegenheit bzw. war noch nicht wieder in der Stimmung, mich darauf einzulassen. Denn mal so eben weggucken kann man den Film meiner Meinung nach nicht.

  6. Was Jesse James anbelangt, Xander, gleiches Schicksal wie bei mir. Angefangen und irgendwie fand ich es zwischenzeitlich dermaßen ermüdend, dass ich vorzeitig abbrechen musste. Der Film ist gerade in seiner gemächlichen, ausschweifenden Erzählart gut gelungen, doch finde ich für meinen Teil zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht die nötige Stimmung um mich nochmals entsprechend auf den Film einlassen zu können.

    Zu „Thank you for Smoking“, ganz große klasse der ist. Wirklich. Selten eine so treffsichere Satire gesehen, die trotz, oder gerade wegen ihres zynischen Charakters derart gute Laune verbreitet und es auch wirklich gelingt ein klares politisches Statement zu vermitteln.

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