Thor (USA 2011)

In Thor von Kenneth Branagh werden die konventionellen Stadien des Superheldendaseins einfach umgedreht. Thor, der Donnergott, muss nicht lernen, wie er mit seinen Kräften im Alltag zurecht kommt, sie sind ihm nicht fremd, sind vielmehr ein Teil von ihm. Stattdessen stellt „Thor“ die Heldengenese auf den Kopf, präsentiert uns einen Gott, der erst seiner Kräfte beraubt und unter den Menschen erkennt, was einen Gott (= Superhelden) eigentlich ausmacht. Obwohl Kenneth Branagh so manches Mal an seine Grenzen stößt und dies oft genug freiwillig, obwohl Thor kein perfekter Film ist, sondern von Makeln geradezu gezeichnet, ja obwohl so einige Gründe gegen dieses bunte Epos von Menschen und Göttern und güldenen Himmeln sprechen, ist der neue Streich des Marvel-Universums der im positiven Sinne gewagteste seit Hulk von Ang Lee. An dessen Homogenität und inszenatorische Sicherheit kommt ein Branagh allerdings nicht heran. Es ist wohl kein Zufall, dass Thor nach Hulk der widerspenstigste Marvel-Heroe ist, der seinen Weg auf die Kinoleinwand gefunden hat. Beider Filmabenteuer stehen im Schatten ödipaler Konflikte, erzählen von Vater-Sohn-Beziehungen, in deren Mittelpunkt die Machtfrage als aufzulösender Konflikt steht. Konzentriert sich Ang Lee auf eine ästhetische Auseinandersetzung mit der Comic-Narration, ist Branagh erwartungsgemäß dem klassischen Drama verpflichtet und zeigt die ganze Bandbreite seiner Shakespear’schen Reputation.

Visuell stellt Thor die Vorstellung einer einzigen Welt von Beginn an in Frage. Alles, auch die menschliche Realität, hat eine Kehrseite. Dasselbe gilt für das prunkvolle Himmelreich Asgard, das steril wirkt im Vergleich zum staubigen New Mexico, welches als zweiter Handlungsort eingeführt wird. Da oben bei den Göttern ist alles überladen, erscheint dank der konvertierten 3D-Bilder teilweise wie der Modellbau eines geschmacklosen Kitschfanatikers. Dem gegenüber stellt „Thor“ nicht die pulsierende Metropole so vieler anderer Comicfilme, sondern ein einsames Kaff in der Wüste, ein Raum, nicht weniger von der restlichen Welt isoliert als Asgard und damit ein perfektes, dreckig-lebendiges Gegenstück. Der Göttersohn Thor (Chris Hemsworth), der sich selbst überschätzt und andere damit in Gefahr bringt, wird von Odin (Anthony Hopkins) auf die Erde, an diesen trostlosen Ort verbannt, um sich etwas Selbstbeherrschung und göttliche Weisheit anzueignen. Hier kommen wiederum die beiden Kehrseiten von Thor zum Vorschein. Da oben das große Drama um Odin und seinen stets übersehenen zweiten Sohn Loki (Tom Hiddleston), da unten der Göttersohn zum Menschen degradiert, da oben „Hamlet“ und „Macbeth“, da unten „Viel Lärm um nichts“.

Dass es Kenneth Branagh gelingt, die beiden vom Ton her völlig unterschiedlichen Handlungsstränge zu einem überzeugenden Endergebnis zusammen zu nähen, ist wahrscheinlich sein größter Verdienst. Zwischen der großen Vater-Sohn- und Bruder-Bruder-Tragödie sowie dem Slapstick eines Gottes auf Erden hin und her zu springen, ohne den ganzen Film in der kinematografischen Luft zu zerreißen, ist eine Leistung, die einem selbst diverse seltsame Entscheidungen der Regie übersehen lässt. Da ist etwa das stellenweise aufblitzende Unvermögen, in den für dieses Genre so wichtigen Actionsequenzen räumliche Orientierung zu schaffen. Zum anderen ist „Thor“ völlig am 3D-Effekt vorbei inszeniert, was zuweilen zu verstärkter Desorientierung führt, sobald die Kamera etwas dynamischer agiert. Auffälliger ist Kenneth Branaghs Regie-Manierismus der schiefen Winkel, welcher auf Dauer die Nerven strapaziert. Der Einsatz von schiefen Establishing Shots für die psychologisch hochdramatische Götterwelt Asgard erscheint stimmig im Hinblick auf die kammerspielartigen Kabalen, mutiert bei einer diesseitigen, gemütlichen Kleinstadt dagegen zum aufgesetzten Stilmittel.

Freilich überzeugt Thor als ein Film der positiven Überraschungen. Dazu gehört eine geschmeidige Integration des S.H.I.E.L.D.-Subplots, wie sie Iron Man 2 richtig gut getan hätte. Hauptdarsteller Chris Hemsworth ist nicht der von vielen befürchtete charismalose Muskelprotz, auch wenn seine Physis einschüchtert. Er meistert den Slapstick, die Romantik (mit Natalie Portman als Natalie Portman), das Drama, die Action sowieso. Ein wahrer Schatz des Götterhimmels bleibt Tom Hiddleston als Loki, das fragile, das windige, aber nicht flache Gegenstück des aufgepumpten, arroganten Thor, der sich schon jetzt über einen Platz unter den besten Widersachern der Superheldenfilme freuen darf, gerade weil er kein eindeutiger Bösewicht ist, zeitweilig als verdienterer Erbe des Götterthrons um unsere Sympathien wirbt. Die Arbeit mit den Schauspielern zeugt von Kenneth Branaghs Erfahrung mit Ensembles. „Thor“ glänzt mit Namen wie Stellan Skarsgard, Idris Elba und Tadanobu Asano im Cast. Nicht alle erhalten genügend Zeit, um sich zu entfalten, gleichwohl sind sie unschätzbare Mosaiksteine in der Erschaffung des neuen Universums, die – einmal zusammengefügt – Lust auf mehr machen. Die Vater-Sohn-, die Liebes- und die Brüdergeschichte jongliert Thor, ohne jemals vor Überforderung in sich zusammen zu brechen. Selbst dem altbacken wirkenden Vokabular Asgards gelingt es nicht, diese Comicverfilmung ins Joch der unfreiwilligen Komik zu zwingen. Wider Erwarten hat Kenneth Branagh ein gutes, durchweg unterhaltsames Superheldenabenteuer gedreht. Da müssen „The Amazing Spider-Man“ und „X-Men: Erste Entscheidung“ erst einmal nachlegen.


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Jenny Jecke (31) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

25 Antworten auf „Thor (USA 2011)“

  1. Ich habe nur den letzten Satz gelesen, um mir die Freude nicht zu nehmen, scheint wohl ganz gelungen zu sein. Aber ich hatte da eh nie Zweifel

  2. Dann hoffe ich, dass er dich nicht enttäuschen wird. Ich hatte mich vorher aus unerfindlichen Gründen auf den Film gefreut und wurde trotzdem positiv überrascht. Jetzt mache ich mir mehr Sorgen um den X-Men-Film.

  3. Ich dagegen hatte/habe große Zweifel, insofern macht es Mut dass der Film hier doch so gut weg kommt. Vor allem Chris Hemsworth macht mir Sorgen, auch in Hinblick auf Avengers, also hoffe ich mal dass du Recht hast und er mich auch überzeugt ;)

  4. Zustimmung zum 3D-Effekt, ansonsten war ich weniger „begeistert“ von dem Film als du es hier zur Schau trägst. So fand ich zum Beispiel die S.H.I.E.L.D.-Storyline total unerheblich, diente sie doch lediglich einer Distanzierung von Gott und Götterhammer inklusive Actionszene im Mittelteil, während ich in Hiddleston auch nicht einen der besten Superhelden-Widersacher ausgemacht habe.

    Der Film ist dabei nicht schlecht, er gefiel mir besser als die letzten Marvel-Filme um Iron Man und Hulk, aber Lust auf mehr wollte sich bei mir nicht einstellen, da THOR von Anfang bis Ende nicht über den Status eines überbordenen Prologs für einen bevorstehenden Ensemblefilm hinaus kam.

  5. @Sebastian: Der Hemsworth kann was. Die Rolle passt perfekt zu ihm, auch wenn der Batz das Gegenteil behauptet. ;)

    @Flo: Den überbordenden Prolog habe ich eher in Iron Man 2 gesehen. Wenn ich Begeisterung zur Schau trage, liest sich da übrigens etwas anders. Aber was hältst du denn vom Hauptdarsteller?

  6. Deswegen habe ich das begeistert ja auch etwas euphemisiserend in „“ gesetzt ;)

    Hemsworth fand ich ok, wie das gesamte Ensemble eigentlich sehr gelungen ausfällt, aber nun ist THOR auch kein Film, wo man schauspielerisch glänzen kann, s. Portman. Als überheblicher Muskelprotz macht er seine Sache gut, wobei ich den Vollbart weiterhin eher etwas peinlich finde (aber ging wohl nicht anders, glattrasiert sieht Hemsworth aus wie am Ende der Pubertät).

  7. Mit dem Vollbart sieht er ein bisschen aus wie ein großer Kuschelbär. Im Kino haben dann auch alle gekichert, als er sein T-Shirt ausgezogen hat. Da wir beide nicht sooo weit auseinanderliegen, freue ich mich schon auf eine 10%-Kritik von Rajko. ;)

  8. Bei Rajko kommts ja drauf an, wie er gerade drauf ist, ob das Wetter gut ist oder gerade Vollmond ist:-))

  9. Gerade hatte ich „Thor“ von der Liste des möglicherweise kinobesuchswürdigen Filme gestrichen, da soll er jetzt doch interessant sein? Hm. Bei Branagh kann ich den shakespeareanischen Theaterdonner nicht immer verknusen. Gutgut, aber irgendwie sträube ich mich, nach erfolgter Medienmülltrennung den Kandidaten aus der farbigen Tonne zurück auf den Untersuchungstisch zu holen. Andererseits, wenn sogar du schon schreibst: „Wider Erwarten hat Kenneth Branagh ein gutes, durchweg unterhaltsames Superheldenabenteuer gedreht.“, dann muss ich wohl und stell dir mal einen Vertrauensvorschussscheck in unbestimmter Höhe aus ;)

  10. @Sieben Berge: Er ist gut, aber deswegen würde ich dich noch nicht ins Kino scheuchen wollen. Dann guck dir lieber Fast Five an, sofern du Actionfilme magst. Über den kommt hier noch ein Text, der alle Welt schockieren wird.^^

  11. Da schau an. Meine Erwartungen an „Thor“ hielten sich bisher in sehr überschaubarem Rahmen, aber ich bin ja gerne bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen. Auf DVD reicht aber.

  12. @The Doctor: Der 3D-Kino-Zuschlag ist auf jeden Fall aus dem Fenster geworfenes Geld bei diesem Film.

  13. Über den kommt hier noch ein Text, der alle Welt schockieren wird.^^

    Nein! Du fandest ihn tatsächlich gut. Bei dem Trailer war schon für mich Feierabend, da ich mich spontan an „Lasko“ erinnert fühlte: Ohne Mönche, aber mit schicken Autos.

  14. Er hat die besten Actionszenen, die ich seit langer (=laaanger) Zeit in einem konventionellen Genrefilm made in Hollywood gesehen habe.

  15. Der Vorschussscheck ist nicht geplatzt, Thor war sogar den 3D-Zuschlag wert. Vielleicht brauchte es einen Shakespeare-Kenner, um den Pathos von Thor in den Griff zu bekommen. Hat mir Spaß gemacht. Dem Publikum der 3D-Preview-Vorführung auch. :)

  16. @Xander: Glaub mir, ich weiß, was ich tue/schreibe/gesehen habe.

    @Sieben Berge: Sehr schön, dass du nicht vor Schreck aus dem Kino gerannt bist. Jetzt ist mein Gewissen beruhigt.

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