Elizabeth: Das Goldene Königreich (GB/F/D 2007)

Hätte Elizabeth I., die große Tudor-Königin auf englischem Throne erfahren, dass rund 400 Jahre nach ihrem Tod der ehemalige englische Premierminister zum Katholizismus übergetreten ist, so hätte sie sich vielleicht im Grabe umgedreht. Oder ihr wäre die Verwunderung darüber zu Kopfe gestiegen, dass nach einer solch langen Zeit ein katholischer Premier auf der Insel noch ein Streitfall sein könnte. Womöglich hätte sie aber auch durch den Schock über ihren Nachfolger auf dem englischen Thron, dem katholischen Sohn Maria Stuarts, alles Interesse an der diesseitigen Welt verloren. Eins ist jedenfalls sicher: Elizabeth hat England in ein goldenes Zeitalter geführt und so ist es nicht ungewöhnlich, dass sich mal wieder ein Film um jene Zeit dreht.

War Elizabeth (1998) noch von den religiösen Konflikten innerhalb Englands und den ersten, von Ränken gefährdeten Regierungsjahren der großen Königin geprägt, so setzt Das Goldene Königreich in der konsolidierten Phase ihrer Herrschaft ein. Noch immer wird sie begleitet von ihrem Ratgeber Walsingham (Geoffrey Rush), noch immer sprechen mögliche adlige Heiratskandidaten am Hofe der jungfräulichen Königin (Cate Blanchett) vor, doch ist diese nicht mehr die Königin, die abhängig von ihren Ratgebern ist. Ihre herrische Beziehung zu Walsingham, samt Klaps auf den Hinterkopf, beweist das. Elizabeth könnte sich auf ihren Lorbeeren ausruhen, schließlich hat sie das Land vor einem Bürgerkrieg bewahrt, wäre da nicht die katholische Gefahr aus Schottland (Maria Stuart) und Spanien (Phillip II.). Zusammen mit dem Piraten Walter Raleigh (in bester Errol Flynn-Manier: Clive Owen) begibt sie sich in den Kampf für England und den Protestantismus.

Die Grundzüge dieses letzen Absatzes hätten auch den Inhalt eines englischen Films der Vierziger Jahre schmücken können, einer Zeit, als angesichts der (deutschen) Gefahr auf dem Kontinent die mittelalterliche Geschichte als Grundlage für das ein oder andere filmische Nationalepos gedient hatte. Man denke nur an Laurence Oliviers Shakespeare-Adaption Heinrich V. (Henry V.) von 1944. Der krummbeinig herumtippelnde, ständig seinen Rosenkranz befingernde Phillip II. gibt nicht gerade ein sympathisches Bild katholischer Herrschaft ab. Gäbe es nicht die unterforderte Samantha Morton als Maria Stuart, könnte man den Film getrost als katholikenfeindlich bezeichnen. Die Beschreibung der Situation Englands, als letzter Bastion Europas gegen den Katholizismus, ruft unweigerlich Assoziationen zum gefürchteten Untergang des Abendlandes im Angesichts der vermeintlich allgegenwärtigen muslimischen Gefahr hervor.

In Spanien wird der Film sicher nicht gut laufen, dafür gibt Samantha Morton in der viel zu klein geratenen Rolle der schottischen Königin Maria Stuart, samt ihrer zerbrechlichen Arroganz und charakterlichen Größe am Rande des Abgrunds eine solch gute schauspielerische Leistung, dass man sich zuweilen wünscht, der Drehbuchautor hätte die spanische Armada einfach im Geschichtsbuch übersehen. Hatte sich „Elizabeth“ (1998) noch durch den Kammerspielcharakter und den Mangel an großen Schlachten im Einheitsbrei der Historienepen ausgezeichnet, so zieht Regisseur Shekah Kapur in der Fortsetzung leider gegen Ende alle Register in Sachen Seekriegsführung, wallender Flaggen vor dunklen Wolken und unersetzlicher und unerträglicher Chormusik.

Dass „Elizabeth: Das Goldene Königreich“ trotz allem nicht scheitert, liegt letztendlich an Cate Blanchett, die zwar kaum gealtert ist, aber die Last, die auf den Schultern ihrer Figur liegt, durch einen einzigen Wimpernschlag spürbar macht. Das erinnert hin und wieder sogar an die große Bette Davis, die der Rolle der Elizabeth auch zweimal im Kino ihren Stempel aufgedrückt hatte. Erzwungene Vereinsamung als unvermeidliches Mitbringsel der Macht war auch schon das Thema von Teil Eins gewesen. War es dort noch Joseph Fiennes alias Robert Dudley, der das Interesse Elizabeths geweckt hatte, so ist es nun der abenteuerfreudige Raleigh. Hatte sie Dudley noch der Macht geopfert, so lebt sie nun durch die adlige Bess (Abbie Cornish) die Beziehung mit dem Piraten aus. Oder sie versucht es zumindest.

Nicht umsonst sagt Elizabeth zu Beginn, sie sei von der Welt wie durch eine Glasscheibe getrennt. Entsprechend lenkt Kapur ihren und unseren Blick vielfach durch Spiegel oder das Bild verzerrende Scheiben auf die Handlung. Dass Kapur am Ende sein Interesse für Charaktere verliert, kann nur als Tragödie bezeichnet werden. Dafür liefert Elizabeth: Das Goldene Königreich zumeist spannende Historienkost ab, die von einem herausragenden Ensemble getragen wird, dessen Mitglieder zum Teil unzureichend vom Drehbuch gewürdigt werden. Das Goldene Köngreich bleibt ein Nationalepos, dass uns zwar eine zwiespältige Heldin abliefert, aber in seiner Grundidee zutiefst anachronistisch wirkt.

Gone Baby Gone (USA 2007)

Da eine Einleitung einer Kritik zu Gone Baby Gone anscheinend nicht ohne Hinweise auf den Verfall der Karriere Ben Afflecks, den nicht mehr ganz so neuen Neologismus Bennifer und einer künstlerischen Wiedergeburt, welche der eines Phönix‘ aus einem riesigen Aschehäufchen gleicht, funktioniert, widersetze ich mich hiermit diesem Trend und fange mit Autor Dennis Lehane an.

Der hat bekanntlich (Achtung! Hier beginnt die einfallsreiche Einleitung) das Buch „Mystic River“ geschrieben, welches von Clint „the Leatherface“ Eastwood verfilmt wurde, samt super Schauspielern und schrecklichem Score.

Um eine Jugendfreundschaft vor dem Hintergrund von Bostons Arbeitervierteln drehte sich der Film, inklusive Pädophilie, Schuld, Sühne und allem, was sonst noch zu einem familienunfreundlichen Thriller gehört.

Ähnliche Inhalte präsentiert uns Ben Afflecks Regiedebüt und Lehane-Adaption „Gone Baby Gone“. Wieder ist der Stein des Anstoßes der Verlust einer Tochter, diesmal durch eine Entführung.

Privatdetektiv Patrick Kenzie (Casey Affleck) wird angeheuert, das kleine Mädchen aufzuspüren. Seine Partnerin Angie Gennaro (Michelle Monaghan) begleitet ihn bei der Spurensuche im Dickicht des Bostoner Drogenmilieus.

Akzeptiert man erstmal Casey Afflecks ungewöhnlichen, Adidas Superstar-Schuhe tragenden Ghettodetektiv und die mannigfaltigen Schimpfwörtertiraden, die so ziemlich jeden Dialog begleiten, gilt es die geradlinige und zur Unterschätzung des Films beitragende Exposition zu überwinden. Die Charaktere erscheinen auf dem ersten Blick recht blass und man fragt sich unweigerlich: Schon wieder ein gutmütiger Morgan Freeman???

Die einzige Ausnahme ist hier die glänzende Amy Ryan als heruntergekommene, drogensüchtige Mutter des vermissten Mädchens, die uns von Anfang an ihren unangenehm fertigen Charakter vor die Füße wirft.

Sehr bald wird einem glücklicherweise der mit Zigarettenstummeln und Koks übersäte Teppich unter den Füßen weggezogen. Der Milieu-erprobte Patrick wird plötzlich zum Richter und vertreibt gleich seinem heiligen Namensvetter eine pädophile „Schlange“ aus seinem „Land“. Die moralischen Zwickmühlen, in die Patrick von nun an gerät, treiben die Handlung an und sind auch im Nachhinein die Elemente des Films, die einem in Erinnerung bleiben.

Casey Affleck spielt so ziemlich das genaue Gegenteil seines Feiglings und Jesse James-Mörders Bob Ford, dessen inneren Aufruhr er noch mit einer ausgeprägten Mimik an den Mann (sprich: Zuschauer) gebracht hat. Patrick ist kein zynischer Bogeyverschnitt , der als Aussenseiter in seinem Büro abhängt und Whiskey trinkt und doch genauso abgebrüht und souverän. Die zwinkerlose, harte Mine im Angesicht eines bedrohlichen Pistolenlaufes nimmt man Affleck jederzeit ab.

Übertroffen wird er noch von Ed Harris, der nach A History of Violence hier mal wieder einen ausgesprochen interessanten Charakter ergattert hat und dem Klischee des knallharten Cops durch die moralische Doppelbödigkeit seiner Taten ungeahnte Tiefen verleiht.

Das mit einem eindringlichen Twist angereicherte Erstlingswerk braucht seine Zeit, um in Fahrt zu kommen, ist dann aber kaum mehr aufzuhalten und rammt sich gegen Ende direkt ins Gewissen des mitdenkenden Zuschauers. Selten hat ein Krimi die Erfindung des Abspanns so notwendig gemacht, wie Gone Baby Gone.

American Gangster (USA 2007)

Da der Genuss dieses Films schon wieder eine Woche her ist, hier nur eine Kurzkritik zum aktuellen Film von Ridley Scott:

Nach dem Erfolg von Martin Scorsese’s The Departed war eine Welle von Gangsterfilmen samt dualistischer Figurenkonstellation zu erwarten gewesen. Auch James Gray’s We Own The Night wird ein ähnliches Thema aufnehmen. American Gangster von Regiemeister Ridley Scott ist nun das erste Werk dieser Spielart, welches in die diesjährige Oscarsaison startet.

Erzählt wird die Geschichte von Frank Lucas (Denzel Washington), der im New York der späten Sechziger und frühen Siebziger in Harlem zum Drogenboss und Viertelpate aufsteigt. Sein Gegenspieler ist der aufrechte und prinzipientreue Cop Richie Roberts (herausragend normal: Russel Crowe), der für die mit korrupten Kollegen übersäte Drogenfahndung ermittelt.

Der wachsende Dualismus zwischen den beiden Charakteren wird erst vergleichsweise spät im Film offensichtlich. Von Beginn an nutzt Scott, ähnlich wie auch schon Scorsese in The Departed, die Darstellung der familiären und beruflichen Umstände seiner beiden Protagonisten, um zu einer Charakterisierung via Spiegelung zu gelangen.

So sehen wir, wie Lucas mit seiner ganzen Familie ein bilderbuchhaftes Thanksgiving-Fest zelebriert und Roberts derweil in seiner Wohnung irgendwas aus einer Dose mampft.

Die finale Konfrontation zwischen Roberts und Lucas fällt vergleichsweise spannungslos aus. Es ist einfach nicht DER große Moment des Films, wie etwa in Heat die Restaurantsequenz zwischen Pacino und DeNiro.

Unterhaltsam und spannend ist American Gangster auf jeden Fall, was sein Einspielergebnis in den USA wenig überraschend macht. Dennoch verwendet Scott zuviel Zeit für die Mechanismen des Drogenhandels und damit einhergehend des Aufstiegs von Lucas und vergisst währenddessen, den Konflikt zwischen Lucas und Roberts handfester zuzuspitzen. Von der fragwürdigen Verklärung eines Drogenhändlers und Mörders ganz zu schweigen.

Across the Universe (USA 2007)

„Images of broken light which dance across before me like a million eyes that call me on and on across the universe“

Queen-Musicals, Abba-Musicals, nun sogar ein Udo Jürgens-Musical in Hamburg. Hat man sich erstmal vor einer aufdringlichen TV-Werbeveranstaltung zum Thema in einer einsamen Ecke versteckt, da schleicht sich von hinten schon listenreich die nächste Nostalgieshow an.

Mit Nostalgie hat „Across the Universe“ nicht viel zu tun, auch wenn die hier rekreierte Beatles-Ära ganz genau so aussieht, wie wir Nachgeborene sie uns in den Stunden der Ernüchterung über unsere Gegenwart vorstellen.

Julie Taymors Musical, das zur Abwechslung mal nicht auf einer uninspirierten Bühnenshow basiert, funktioniert im Grunde nach dem in Anlehnung an Rick Altmans Genre-Theorie formulierten Prinzip: „Boy meety girl, boy sings with girl, boy gets girl.“

Besagter Boy ist der britische Hafenarbeiter und Freizeitmaler Jude (Jim Sturgess), der sich in den 60ern nach Amerika einschifft, um zum ersten Mal seinen Vater zu treffen. In Princeton trifft er genau diesen und den abgedrehten Studenten Max (Joe Anderson), dessen Schwester wiederum das Girl mit Namen Lucy (Evan Rachel Wood) ist.

Zusammen geht’s ab ins Demo-geschüttelte New York. In der dortigen WG lernen sie die Sängerin Sadie kennen, eine wilde Mischung aus Led Zep-Sänger Robert Plant und Rockröhre Janis Joplin. Ihr Gitarristenfreund JoJo erinnert auch nicht zufälligerweise an Jimi Hendrix. „Across the Universe“ ist vollgespickt mit Referenzen, die sich nicht nur auf die Beatleshistorie beschränken.

Beginnt der Film noch auf Seiten Lucys mit Songs aus der Frühphase der Beatles, um das geordnete Heim, dessen Fünfzigerjahre-Heile-Welt-Vorstellungen zu unterstreichen, geht’s spätestens in New York ernsthaft zu. Antikriegsdemos und Bürgerrechtsbewegung wechseln sich ab mit Drogentrips aufs Land zu Timothy Leary-ähnlichen Gurus. Natürlich wird alles sehr schnell ernst. Judes neutraler Künstlerstatus kollidiert mit dem politischen Engagement seiner Freundin, Max wird eingezogen, usw.

Die bereits erwähnten Referenzen dehnen sich auch auf die Besetzung aus. So steht auf einmal Joe Cocker an der Ecke und singt seine Interpretation von „With a little Help from my Friends“. Das ist noch akzeptabel, wenn auch ablenkend, schließlich hat der Mann all das miterlebt.

Kommt dann jedoch Doctor Robert alias Bono alias „das ist doch der bebrillte und bemützte Sänger von U2, die in den 80ern ihre besten Alben veröffentlicht haben“ dazu und singt „I am the Walrus“, ist die Begründung seiner Anwesenheit im Film nicht nachvollziehbar und sein Auftritt hat nur noch den „Hey, das ist Bono!“-Effekt.

Sieht man davon ab, den Film wegen seiner Episodenhaftigkeit im Mittelteil (in dem auch Bono auftritt) zu verurteilen, hat man immer noch ein verdammt gutes Musical vor sich stehen. Das liegt einerseits an den Songs („Was kann man da schon bei einem Beatles-Musical falsch machen?“, fragt die aufdringliche Fanstimme in meinem Kopf), andererseits am Einfallsreichtum des Films.

„Across the Universe“ wird nur im seltensten Falle zur Nummernrevue (eben in diesem Drogenmittelteil). Im Endeffekt haben die Lieder alle ihre inhaltliche Funktion zu erfüllen. Am besten und emotional ergreifensten gelingt dies bei Strawberry Fields Forever, Happiness is a Warm Gun und With a little Help from my Friends. Lied und Story stehen in absolutem Einklang miteinander, das eine ergänzt das andere.

Die Visualisierungen der Gesangseinlagen sind allesamt berauschend, wenn auch das ein oder andere Mal unnötig überladen (Being for the Benefit of Mr. Kite, „gesungen“ von Eddie Izzard). Allein die Darstellung der Musterung und des Vietnamkriegs, die zugleich, dank ihrer Universalität, ein Kommentar zur aktuellen politischen Situation sein muss, ist ein deutliches Beispiel für die erfreuliche, detailverliebte Fantasie, die sich nicht in Sentimentalitäten verliert.

Von der Ähnlichkeit Jim Sturgess‘ zu Paul McCartney, über den Bus, der an die Magical Mystery Tour erinnert, bis zum Finale (ich sage nur „Dach!“) ist Across the Universe eine einzige Hymne auf das Schaffen der Beatles und gleichzeitig eine Verortung ihrer Kunst in deren angestammter Zeit. Die Geschichte von Jude und Lucy erzählt uns, warum die Musik der Fab Four am Ende eine solche Evolution unterlief.

Etwas mehr zeitgeschichtliche Konsequenz hätte man Julie Taymor am Ende gewünscht, doch wen interessiert’s… „Nothing’s gonna change my world/Nothing’s gonna change my world.“


Ein Ausschnitt aus I want You (She’s so heavy)“:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=C4YztnK2iKQ]


Wie wär’s jetzt mit einem Kinks-Musical?

Der Titel: „Come Dancing“.
Bitte!

Von Löwen und Lämmern (USA 2007)

Erst der wie eh und je genervt brüllende MGM-Löwe, begleitet vom United Artists-Logo, dann der Titel „Von Löwen und Lämmern“, der in einer anderen Zeit auch einen Film von Michael Curtiz oder William Wyler hätte segnen können.

Ungeachtet der aktuellen Thematik wirkt Robert Redfords siebte Regiearbeit in vielerlei Hinsicht altbacken. Das ist nicht notwendigerweise schlecht. In einem Drama, das im wesentlichen von seinen Dialogen lebt, kann eine überdrehte Kameraarbeit à la „24“ nur ablenkend wirken. Dennoch wünscht man sich, Redford hätte hinsichtlich seiner Inszenierung mehr gewagt. An den gravierenden Schwächen des Drehbuchs hätte das aber wohl auch nichts geändert.

Auf drei Erzählebenen, die gleichzeitig und in Echtzeit ablaufen, diskutiert Von Löwen und Lämmern“ (Lions for Lambs) das außenpolitische Engagement der USA und die Rolle des einzelnen Staatsbürgers in der Ära des US-Interventionismus.
Eine Journalistin (Meryl Streep) interviewt den republikanischen Senator Jasper Irving (Tom Cruise) in Washington.
Ein College-Student (Andrew Garfield) in Kalifornien sitzt in der Sprechstunde seines Profs (Robert himself).
Zwei US-Soldaten (Michael Pena und Derek Luke) harren verletzt auf einem Plateau irgendwo in einem afghanischen Gebirge aus und warten auf ihre Rettung.

Die inszenatorische Verbindung dieser drei Erzählstränge erreicht zwar niemals das Niveau der Filme eines, Alejandro González Inárritu spannend ist der Film allemal. Unverhüllt ist die Kritik an der Politik der (nie offen genannten) Bush-Administration, die durch Senator Irving verkörpert wird.

Hat man die erste Paralysierung durch die ungesund strahlend weißen Zähne des Mr. Cruise erstmal überstanden, so muss man zugeben, dass das Casting des aufstrebenden rebublikanischen Politikers kein völliger Fehlschlag ist. Das schleimig-zynische Saubermann-Charisma steht unserem Lieblingsscientologen sehr gut. Leider hat Tom das Pech, gegen Meryl Streep anzuspielen, die ihn nicht nur an die Wand, sondern wie ein oscarverwöhnter Robocop geradezu durch die Wand hindurch rammt..äh..spielt.

Die Dialoggefechte, die sich Streep erst mit Cruise, dann mit ihrem Vorgesetzten liefert und ihre damit einhergehende Verzweiflung über den Zustand der Medienlandschaft, über den Verfall der Werte ihrer eigenen Profession, bilden die erfolgreichsten Momente des Films. Wenn Streep erscheint, funktioniert Von Löwen und Lämmern.

Die Streep-Episode ist schlichtweg besser konstruiert, als die beiden anderen. Klare Fragen werden hier aufgeworfen: Inwiefern hat die ach so kritische Presse Anteil an den Debakeln im Irak und in Afghanistan? Was weiß der Armani-tragende Politiker in Washington schon von der Realität des Lebens der Soldaten, die er in den Tod schickt? Welche Opfer kann die Außenpolitik in Kauf nehmen um ein unklares, idealistisches Fernziel zu erreichen?

Die relative Offenheit des Films – er verweigert vielfach den eigenen Standpunkt – gerät bei dieser Erzählebene nicht zum Nachteil. Das unlösbare Dilemma der Journalistin, das Gefangensein in einer nach ökonomischen Prinzipien funktionierenden Medienwelt, dessen Folgen ihrem Ehrenkodex keinen Raum geben, dieses Dilemma legt der Film bloß. Hier bringt er nicht nur eine konkrete Kritik an, er zeichnet auch einen glaubwürdigen, vielschichtigen Charakter, der aus dem Leben gegriffen scheint.

Redford als Mentor-Professor dagegen ist eine Idealfigur (besonders für Studenten an Massenuniversitäten), ebenso wie sein hochbegabter, aber resignierter Student. Die beiden diskutieren darüber, ob es sich lohnt, Engagement zu zeigen in einer korrumpierten Welt, deren Ideale verschüttet in den Trümmern der Dörfer des Nahen Ostens liegen.

Die Antwort in diesem dialogschwachen Erzählstrang wird angdeutet, nicht ausformuliert: Reiche Jungs gehen in die Politik, arme in den Krieg?

Die auffälligsten Schwächen des Films offenbaren sich in der Story der beiden Soldaten. Sie haben das Engagement für ihr Land wörtlich genommen und werden folglich als Helden dargestellt. Von Löwen und Lämmern verstrickt sich an dieser Stelle in Widersprüche, schließlich wissen die beiden um die fadenscheinige Argumentation der Regierung. Hätte man in der Opposition gegen den unrechten Krieg nicht mehr bewirken können? Als würde es einen Unterschied machen, wenn man als Fußsoldat im Nirgendwo stirbt.

Besonders in der ersten Hälfte bleibt dieser Strang ein Mittel zur künstlichen Spannungserzeugung, dessen Existenzberechtigung in einem dialoglastigen Drama sich nur schwer erschließen lässt. Sidney Lumet hat es doch auch ohne Maschinengewehre geschafft!

Die Ziellosigkeit dieses Erzählstranges, die Unbestimmtheit in seiner Argumentation weitet sich gegen Ende auf den ganzen Film aus. Man hat das Gefühl, dass es jemand sehr gut gemeint hat, dass jemand nicht nur einseitig eine liberale Message in die Köpfe hämmern wollte.

Man hat das Gefühl, dass jemand die Zuschauer zum Denken anregen wollte. Das würde nur leider um einiges erfolgreicher sein, wenn nicht zwei Drittel des Films ins Leere laufen würden.


PS.: Selten hat mich in den letzten Monaten etwas so genervt, wie das ewige hereinge-c.g.i.-en deutscher Texte in die Szenen dieses Films. Ob Zeitungsüberschriften oder Collegeakten. Eine wacklige deutsche Schrift vereinfacht uns allen das Verständnis, denn für Untertitel sind wir alle zu blöd. Juhu, zurück in die Fünfziger!
PPS.: Hiermit beantrage ich die Anerkennung des Wortes „etwas herein-c.g.i.-en“ zum Zwecke der Bereicherung der deutschen Sprachwelt.