Kontrapunkt: Legendär

Der Verbrecher John Dillinger hielt in den 30er Jahren die amerikanische Bundespolizei zum Narren, Klaus Kinskis Wutausbrüche und Tobsuchtsanfälle schrieben Geschichte und auch große Regisseure haben einmal klein angefangen: Drei Arten der Legendenbildung.

Public Enemies (USA 2009)

Johnny Depp in der Rolle des Bankräubers und Volkshelden John Dillinger, der in den 30er Jahren mit seinen Kumpanen die USA unsicher macht und schließlich vor einem Kino in Chicago von einer Sondereinheit des neu gegründeten FBI unter Leitung von Melvin Purvis (einmal mehr blass: Christian Bale) erschossen wird. Letztere Sequenz ist virtuos gefilmt und lässt erkennen, dass Michael Mann eigentlich einen guten Gangsterfilm inszenierte – wäre da bloß nicht das omnipräsente digitale und fotorealistische „Filmmaterial“, auf dem gedreht wurde. Neben enormen Problemen bei der Schärfe, wenn sich die wacklige Handkamera in Bewegung befindet und den unübersichtlichen Großaufnahmen wird dem Film eine Homevideo-Optik aufgestülpt, unter der Michael Mann größtmögliche Integration des Zuschauers versteht. Das Ergebnis ist jedoch, dass sämtliche teuren Kulissen und die Inszenierung dieses 100 Mio. Dollar teuren Projekts billig wirken. Ein Paradebeispiel dafür, wie man ambitioniertes Big-Budget-Kino durch die Wahl der falschen Technik in den Sand setzen kann.

Mein liebster Feind (GB/FIN/D/USA 1999)

Regisseur Werner Herzog erinnert sich an das Zusammenwohnen in München und an gemeinsame Dreharbeiten mit dem schauspielerischen Ausnahmetalent und Choleriker. Er erzählt davon, wie Indios den stets ausrastenden Klaus Kinski während der Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ umbringen wollten oder wie er ihn mit einer Waffe überreden musste, das Set mitten im Dschungel nicht zu verlassen. Neben „Aguirre – Der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“ wird auch noch kurz auf die gemeinsamen Dreharbeiten zu „Woyzeck“ und „Nosferatu – Phantom der Nacht“ eingegangen, wobei auch Herzogs Weggefährten zu Wort kommen und über ihre Erfahrungen mit Kinskis schwer erträglicher Launenhaftigkeit berichten. Dies allein reicht mit einigen Filmschnipseln angereichert schon aus, die kurzweilige Dokumentation um eine ebenso von kreativen Höchstleistungen wie Hass-Liebe geprägte Männerfreundschaft zu tragen. Und das ein oder andere Schmunzeln kann man sich ob der von Herzog sachlich und ruhig vorgetragenen Anekdoten kaum verkneifen.

Bad Taste (NZ 1987)

Viele Jahre vor “Der Herr der Ringe”-Trilogie inszenierte Peter Jackson in seiner neuseeländischen Heimat mit einigen Freunden und Bekannten sowie einem zusammen gekratzten Budget von 17.000 Dollar sein Langfilm-Regiedebüt, indem er auch in mehreren Rollen zu sehen ist. Die Story um eine Invasion von Aliens, die bevorzugt Menschen verspeisen und diese Delikatesse auch in anderen Galaxien populär machen wollen, ist eher simpel, aber mit zahlreichen Geschmacklosigkeiten angereichert. Das Trinken von Erbrochenem, das Verspeisen von Gehirnen oder ein explodierendes Schaf gehören dabei noch zu den harmloseren Dingen. Dabei kommt auch nie der Humor zu kurz, wenn eine kleine Spezialeinheit Jagd macht auf die fiesen Außerirdischen. So erreicht „Bad Taste“ mit viel Gedärm und noch mehr Blut filmisch „ein exquisites Bouquet“, auch wenn insbesondere die launige deutsche Synchronisation eher mäßig daherkommt. Beeindruckend vor allem Jacksons Einfallsreichtum und das Herzblut, welches er in das Projekt steckte: Waffen, Special Effects und Masken wurden größtenteils selbst gebastelt.

Lutz Granert (30) hat dasselbe studiert wie die Chefin. Die mal nicht ganz ernst gemeinte, mal tiefgründige Rubrik "Kontrapunkt" ist seit November 2008 legendär. Seit April 2012 ist er Chefredakteur beim multimania-Magazin. Bei Twitter kann man ihm folgen.

6 Antworten auf „Kontrapunkt: Legendär“

  1. Sorry, hatte ganz vergessen zu APOCALYPSE NOW zu antworten. Werde ich noch nachholen, bestimmt…. ;)

    BAD TASTE ist imo nicht viel mehr als die bessere Fingerübung eines Amateurs. Da gefällt mir WITHIN THE WOODS von Sam Raimi noch besser. Aus Jacksons Frühwerk gefällt mir nur der wunderbare BRAINDEAD, der ja mehr zu bieten hat als liebevoll gemachte Sauereien…

    MEIN LIEBSTER FEIND halte ich für einen sehr eitlen Film mit wenig Informationsgehalt. Wo der kurzweilig sein soll kann ich jetzt nicht ganz nachvollziehen und Herzogs Stimme macht mich generell aggressiv. :)

    PUBLIC ENEMIES hab ich noch nicht gesehen, hab aber nach all den negativen Kritiken keine rechte Lust mehr auf einen Kinobesuch…

  2. Bad Taste ist ein sehr gelungener Amateurfilm, daß er in der zweiten Hälfte, wenn die Wirkung des Amateurfilms nachläßt, selbst ein wenig nachläßt ist doch logisch. Kann den immer mal wieder schauen, muß dann auch nicht komplett sein. In jeden Fall spürt man aber Jacksons Willen die Audience auf Verderb hinaus unterhalten zu wollen. Kann nicht negativ aufgefaßt werden.

    Mein liebster Feind ist natürlich ein wenig eitel, obwohl ich glaube, daß Herzogs Eitelkeit sich von der vieler anderer eitler Regisseure unterscheidet. Er ist halt der Typ, der irgendwo in der Provinz ohne mediale Vereinnahmung aufgewachsen ist, was seine Auffassung von Filmkunst und seine Arbeit halt nachhaltig beeinflußt. Muß man nicht gut finden, verdient jedoch grundsätzlich Anerkennung. Mein liebster Feind schaue ich mir auch immer wieder gerne an. Kinskis Mischung aus Inszenierung und echtem Wahnsinn fasziniert einfach, auch Herzogs Methoden Filme zu drehen und natürlich die Methode in der er über Kinski hier erzählt.

    Public Enemies spare ich mir für den DVD Player auf.

  3. @tumulder:

    Joa, ist ja alles richtig nur wird dem Film imo zu viel Aufmerksamkeit und Anerkennung entgegen gebracht. Andere Regisseure haben mit ähnlichem „Budget“ wirklich gute Sachen gemacht…

    Zu Herzog: Ich mag viele seiner Filme auch wenn ich den Großteil seines umfangreichem Gesamtwerkes noch nicht gesehen habe. Seine Stimme (die er ja in den meisten seiner Dokus für den Voice Over nutzt) ist imo aber enervierend und so wirkt er grundsätzlich unsympathisch. Als Künstler hat er meine Anerkennung, nicht nur für seine Filme mit Kinski. Aber MEIN LIEBSTER FEIND halte ich für seinen schwächsten, da hat er einfach nicht viel zu sagen…

  4. Eitelkeit kann man Werner Herzog durchaus vorwerfen in seinem Film, ebenso eine gewisse Egozentrik, da über gefühlte 90% des Films nur entweder er zu sehen ist oder man ihm aus dem Off kommentieren hört. Unterhaltsam deshalb, weil er so sachlich und ruhig von den Ausrastern Kinski erzählt. Das wirkt evtl. manchmal wie ein Oberlehrer – @ Happy Harry: macht dich seine Stimme deswegen aggressiv? ;-) – aber hat schon was. Zumal die Doku als Zeitdokument durchaus auch einigen Gehalt besitzt.

    @ Happy Harry:
    Ich finde, Peter Jackson hat mit seinem Mini-Budget viel bewirkt. Aber ich denke auch, dass Robert Rodriguez mit den von ihm investierten 7000 Dollar bei seinem Langfilm-Regiedebüt einen noch besseren Film drehte ;-).

  5. @harry
    Mit Stimmen ist das eh immer so eine Sache. Die Synchronstimme von Tom Hanks kann ich z.B. überhaupt nicht mehr ertragen. Oder die Stimme in den alten Premiere Werbespots, die hat wirklich dazu beigetragen, daß ich Premiere selbst nie leiden konnte.^^

    @harry und luzifus
    Ich kenne jetzt nicht die Produktionsumstände bei Rodriguez Mariachi. Ein Grund für Jacksons „happiges“ Budget war aber sicherlich auch die lange Entstehungszeit des Films. 4 Jahre, wenn ich mich jetzt nicht täusche.

  6. Nochmal zu Herzogs Stimme: Der Mann kann ja nix dafür aber seine Art geht mir auf den Geist. Ich persönlich bin aufbrausend, laut und hitzig. Vielleicht würde ich Herzog schon für die Ruhe, die er ausstrahlt, an dieGurgel gehen… ;)

    Ich meinte auch gar nicht unbedingt nur „El Mariachi“. Mir würden da auf die Schnelle noch „Killer of Sheep“ von Charles Burnett (ca. 10 000 Dollar), „Kleine Sünden unter Brüdern“ von Edward Burns (ca. 25 000 Dollar) oder auch „Tarnation“ (ca. 200 Dollar) einfallen. Alles herausragende Arbeiten und natürlich noch der großartige „Nekromantik“ von Buttgereit…

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