15 Erstsichtungen 2018, die nicht viel miteinander zu tun haben, aber immerhin in dieser Liste stehen

481 Seh-Einträge verzeichnet mein Filmtagebuch 2018, was ich leider nicht in irgendein Erkenntnis bringendes Verhältnis setzen kann, da mein Letterboxd-Account lange Zeit brach lag. Einiges davon wird in den Podcasts und Festivalberichten und Jahresendlisten trotzdem untergegangen sein. Oder vielleicht auch nicht. Lassen wir diese Charade. Das einzige Kriterium der folgenden Liste war die Erstsichtung 2018. Es sind auf jeden Fall nicht die schlechtesten, aber auch nicht durchweg die besten Erstsichtungen des vergangenen Jahres. Es sind gute Filme, das muss genügen.

The Sleep Curse (2017)

Schlaf ist überflüssig, glaubt der von Anthony Wong gespielte Wissenschaftler in Herman Yaus The Sleep Curse. Im Schlaf wird denn auch die wache Verdrängung von Geheimnissen und Schuld überwunden. Sie werden offenbar in Rückblenden in die Zeit der japanischen Besatzung, in der Männer sich als Kollaborateure durchschlagen (ebenfalls Anthony Wong) und Frauen als „Trostfrauen“ über die Klinge springen lassen. Diese Ausbeutungsdynamik beobachtet Herman Yau in seinem Exploitationfilm ebenso wie allgemeinere Fragen des Umgangs mit der Vergangenheit in der chinesischen Gesellschaft. Damit hat Yau einen zwingenden Nachtrag zu seiner 90er-Trilogie mit Wong als (asozialer) Rächerfigur gedreht (Untold Story, Taxi Hunter, Ebola Syndrome), die sich ebenso in seine „sozial bewussten“ Filme wie From the Queen to the Chief Executive, Whispers and Moans und True Women for Sale einreiht. (Anmerkung am Rande: Hier kann man die Dissertation von Herman Yau über politische Zensur im Hongkong-Kino lesen)

Pixote (1980)

In der Pressevorführung von Capernaum, Armutsploitation, die in Cannes  dieses Jahr 15 Minuten stehende Ovationen einsammelte, erwachte er wieder: mein Hass auf Fahrraddiebe und seine Nachahmer. Einen Monat später erinnerte mich das brasilianische Jugenddrama Pixote daran, dass das Sujet noch nicht den Film macht. Trotz Leimschnüffelei, Misshandlung im Gefängnis und einer sadistisch blinden Marginalisierung werden die jungen Helden des brasilianischen Dramas nicht ausschließlich als willenloses Gefäß einer wie auch immer gearteten sozialen Agenda ihres Schöpfers geformt. Ihr Leben bietet Volumen genug.

Baahubali: The Beginning und The Conclusion (2015/2017)

RRR lautet der provisorische Titel des nächsten Films von S.S. Rajamouli, über dessen Eega und Baahubali-Doppel ich im Wollmilchcast geschwärmt habe. Ein Reinkarnationsthema soll der Film über eine Freundschaft in den 1930ern haben, der auf einer zweiten Ebene in den 2000er Jahren spielt. Selbst wenn darin niemand singend einen Wasserfall besteigt, kann 2020 nicht schnell genug kommen. Die labt sich in Baahubali an der Anwesenheit der Kamera, sie breitet sich aus, zeigt sich von allen Seiten, biegt sich sogar zurecht für die perfekte Einstellung und manchmal schmunzelt sie uns sogar zu.

Boy and Girl (1966)

Yuli Fait, dessen Boy and Girl dieses Jahr beim Filmfestival in Bologna lief, spielte in der Kurzfilmadaption von The Killers mit, an der auch sein Studienkollege Andrei Tarkowski mitgearbeitet hat (zu sehen auf der Criterion-Disc für Siodmaks Adaption). So viel zum Trivia. Nikolai Burljajew (aus Tarkowskis Ivans Kindheit, Trivia-Schlussbekundung zum Trotz) spielt den Boy. Ein Sommer ohne Eltern. Das Wasser glitzert in der Sonne, die Schweißperlen verlaufen sich im Sand der Krim. Für ihn ist es eine Fata Morgana, auf die er sich liebend gern einlässt. Die Realität wird ihn einholen. Für das Girl (Natalja Bogunowa), ein Kellnerin, ist es die Realität und nie weniger als das. Boy and Girl, das sind auch die zwei Hälften des Films, erst seine Sicht und dann ihre, als sie schwanger zurückbleibt. Dabei ist mir der Bruch in der Farbgestaltung nicht so stark aufgefallen. Saugt sein Verschwinden die Farbe aus dem Film oder ist das einer dieser Sommer, die man in Wirklichkeit nur zwei Tage erträgt, bevor man sich den Herbst herbeiwünscht?

John Mulaney: Kid Gorgeous at Radio City (2018)

Mit dem Namen eines Preisboxers der Großen Depression schlendert John Mulaney über die Bühne der Radio City Music Hall, hinter ihm die aufgehenden Strahlen einer Showbiz-Sonne, die über einem früheren Jahrzehnt im Zenit stand. John D. Rockefeller Jr. sitzt leider nicht im Publikum. Mulaney redet über den neuen Präsidenten, iPhones, Crack und Bill Maher. Das Älterwerden durchzieht sein Set, eine Momentaufnahme der Lebenszeit, in der das College wie eine zweite Kindheit samt zweitem Erwachenwerden wirkt. Nur die Schulden wollen nicht verebben. Die Erinnerung ist so weit weg wie jene an die Schule, als Detective JJ Bittenbinder den Kindern lehrte, wie man in der Welt da draußen überlebt. Und wie sieht die Welt da draußen 2018 aus? „And now there’s Nazis again! When I was kid, Nazis was just an analogy you’d used to decimate your child during an argument at the dinner table.“ 

Seed (1931)

Nicht jede Regie-Retro in Bologna öffnet die Augen (Frank Capra und William K. Howard ließen mich in früheren Jahren enttäuscht zurück). Der Rückblick auf das Werk von John M. Stahl beim diesjährigen Festival hielt im Gegensatz dazu ein, was mir Bologna seit meinem ersten Besuch im Sternberg-Jahr 2008 versprochen hat: Entdeckungen. Das Melodram Seed war eine davon. In der alternativen Zeitlinie von Back Street (1932) verschwindet der Ehemann mit seiner großen Liebe aus früheren Tagen, während die Frau mit ihren Kindern und unseren Sympathien zurückbleibt. Selbstverständlich bringt sie die Kinder durch, selbstverständlich führt sie ein Geschäft, selbstverständlich blickt er Jahre später wehmütig zurück auf das, was er hinter sich gelassen hat. Selbstverständlich bricht das Leben in die Pläne und Erwartungen hinein, an die Ehe und das Alter. Selbstverständlich bricht Lois Wilson einem das Herz.

Polizeiruf 110 - Tatorte
Polizeiruf 110 – Tatorte

School’s Out (2018)

Kinder des Zorns treiben in einer französischen Eliteschule einen Lehrer zum Selbstmord. Vor ihren Augen tut er es. Er springt aus dem Fenster des Klassenzimmers, schmeißt ihnen ihre Schuld gewissermaßen zu Füßen. Laurent Lafitte vertritt die Stelle. Auch er nimmt die blond gelockten Soziopathen in Verdacht, wie auch nicht? Eine Clique von Leopolds und Loebs hat sich da gefunden, die in ihrer Freizeit Fight Clubs abhält und Nahtoderfahrungen macht. Die Kinder benehmen sich wie Züchtungen von Michael Haneke. Im Drehbuch von Sébastien Marnier und Elise Griffon wächst trotzdem Empathie für die Bälger heran. Ein Pendant zu Nocturama von 2017, sozusagen das verschwitzte Polyester-Hemd neben Bertrand Bonellos Zweireiher.

Dream Demon (Director’s Cut) (1988)

Dream Demon ist die herzerwärmende Geschichte der britischen Verwandtschaft von Freddy Krueger (u.a. Timothy Spall), die sich zusammentut, um eine junge Frau davor zu bewahren, einen unangenehm schnittigen Helden des Falklandkrieges zu ehelichen. Zugunsten des hehren Zieles invasieren sie ihre Träume wie einst Margaret Thatcher die Inseln im Südatlantik. Die junge Frau kann nicht anders, als Hilfe bei einer neu gewonnenen Freundin aus den USA zu suchen. Gemeinsam irren sie durch die Alpträume, die von der Realität kaum noch zu trennen sind. Die Erfahrung reinigt und befreit. Das Werk ist getan, eine Freundschaft besiegelt.

Ruggles of Red Gap (1935)

Kurz vor der Rezitation der Gettysburg Address sucht die Kamera mit dem Barmann und seiner Kundschaft nach Auskunft, was denn Abraham Lincoln da genau gesagt habe. Die urwüchsigen Amerikaner wischen sich den Bierschaum vom Bart und fragen mit, die Kamera sucht weiter durch den Raum des Lokals. Visuelle Klarheit in einem Film, der auf Verwechslungen und Anmaßungen eines fremden Standes basiert, und das ausgerechnet, während so viel Unklarheit in den Köpfen herrscht. Nur Charles Laughtons unfreiwilliger Immigrant, ein Butler, von seinem britischen Meister verspielt wie ein Sportwagen, weiß die Antwort. Dass die Komödie von Leo McCarey nach dieser Wahnsinnssequenz noch eine Weile voranzieht, als läge der Höhepunkt noch vor ihr, spricht ausnahmslos für sie.

Polizeiruf 110 – Tatorte (2018)

Hanns von Meuffels war der Melancholiker unter den Sonntagabendpolizisten. In seinem ersten Film Cassandras Warnung tanzt er allein in der Dönerbude, in Fieber stolpert er sediert durch einen tödlichen Zauberberg. Ob mit Kollegin oder nicht, von Meuffels war allein, je mehr Menschen sich um ihn herum tummelten, desto mehr fiel es auf. Tatorte, sein Abschieds-Polizeiruf von Christian Petzold, schneidet in den wunden, verletzten von Meuffels. Gerade scheint er sich an die Zweisamkeit gewöhnt zu haben, da ist die Beziehung gescheitert. Liebeskrank stapft er durch den Fall einer Mutter, die vor den Augen ihres Kindes erschossen wird. Im Regen, auf dem leeren Parkplatz eines Autokinos. Sie sollte ursprünglich den Tod des Kindes mit ansehen und Hanns von Meuffels wird später eine ähnliche Erfahrung durchleben. Erst bleibt die Kamera im Auto, während die Mutter neben der Tür zu Boden sinkt und das Kind  davonrennt, eine kühle Distanz und doch quälende Nähe. Später werden wir im Hausflur bei von Meuffels bleiben, während seine junge Kollegin immer weiter in den dunklen Gang hinein geht.

The Love Parade (1929)

„It can be said that this is the first true screen musical“, heißt es in der Variety vom Dezember 1928 über Ernst Lubitschs ersten Tonfilm. Die Operetten-Komödie mit dem Leinwand-Traumpaar Maurice Chevalier und Jeanette MacDonald verschwimmt in den Details meiner Erinnerung mit den ebenso sehenswerten The Smiling Lieutenant und The Merry Widow. Was an der Oberfläche treibt: Lupino Lane als herrlich biegsamer Butler und personifizierte Schnittstelle zur Stummfilmkomödie.

The Love Parade
The Love Parade

Tumbbad (2018)

Das dunkle Horrormärchen findet erschreckende Bilder für die Gier des Menschen. Großmütter, die mit der Erde verwachsen sind und durch dunkle Gemäuer keuchen etwa, und einen Helden, der sich in den Boden hineingräbt, als öffne er einen Brustkorb, in dessen Herz er Gold vermutet. Über mehrere Zeiten und Generationen hinweg erzählt, bleibt Tumbbad trotzdem seinem dämonisch einfachen Kern treu. Statt die Geschichte historisch zu überfrachten, wird mit jedem Zeitsprung eine weitere Sedimentschicht freigelegt, des dunklen Wesens unter der Erde von Tumbbad und jenes unserer Hauptfigur.

The Trial (2018)

Process, wie er im Original vieldeutiger heißt, steht stellvertretend für die drei (!) neuen Filme, die Sergej Loznitsa dieses Jahr vorgelegt hat (die anderen beiden sind Victory Day und Donbass). Process besteht größtenteils aus chronologischen Aufnahmen des stalinistischen Schauprozesses gegen die sogenannte „Industriepartei“ im Winter 1930. Ziel war es, die negativen Folgen des ersten Fünf-Jahres-Plans einer vermeintlichen Verschwörung in die Schuhe zu schieben, die von Frankreich angeleitet wurde. Einer Gruppe von Ingenieuren wird der Putschversuch vorgeworfen, die vor laufenden Kameras Geständnisse liefern müssen. Die Show im Schauprozess interessiert Loznitsa, der mit Hilfe des Archivmaterials zusammensetzt, wie eine Atmosphäre der Angst die Lügengebilde Wirklichkeit werden lässt.

The Legacy of a Whitetail Deer Hunter (2018)

Josh Brolin war dieses Jahr als genozidaler Soziopath zu sehen, der offenbar von einem Kommentarstrang über Thomas Malthus in einem Jordan Peterson-Subreddit erleuchtet wurde. Er spielte neben dem Avengers-Schurken rücksichtslose CIA-Operatives und rachsüchtige Antihelden aus der Zukunft. Sucht man einen Schauspieler für die Inspektion überalterter maskuliner Ideale im US-amerikanischen Kino, dann steht Brolin oben auf der Liste. In keinem Film arbeitete er dieses Männerbild 2018 so fein heraus wie in Jody Hills The Legacy of a Whitetail Deer Hunter. Eine meiner Lieblingsszenen des Jahres: Jäger und Waffennarr Brolin hält seinem Smartphone-süchtigen Sohn einen Monolog („I remember when my dad always had blood on his boots from huntin‘.“), dann legt er seinen Arm auf die Schulter des Sprosses, während beide andächtig einer selbstaufblasenden Matratze beim Wachstumsschub zuschauen.

Cluny Brown (1946)

Ernst Lubitschs letzter eigens vollendeter Film nimmt den Roman von Margery Sharp als Basis für eine romantische Komödie über die Freuden und vor allem Schmerzen des Nonkonformismus. Ein tschechischer Flüchtling (Charles Boyer) und ein Hausmädchen mit Klempner-Träumen (Jennifer Jones) finden in der rigiden Klassengesellschaft Großbritanniens der Appeasement-Jahre keinen Platz, außer „general delivery“ – überall sein und nirgends dazugehören. Cluny Brown tut weh, ob dank der grellen Nachtigall vorm Fenster Belinskis (die Tongestaltung!) oder wegen des strafenden Schweigens, das Cluny bei einem spontanen Klempner-Einsatz entgegenschlägt und ihre Ekstase erstickt. Das süßlich Heimelige geht hier nahtlos in engstirnige Beklemmung über. Und ja, das ist wirklich eine Komödie, eine fabelhafte noch dazu.

Cluny Brown
Cluny Brown

Bildrechte: BR, Universum Film, Paramount, Emperor Film Production

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